Seit Henry Purcells Tod 1695 hatte kein Engländer ein nennenswertes Opernwerk komponiert. Erst 250 Jahre später sollte sich das mit der Uraufführung von Benjamin Brittens „Peter Grimes“ ändern. Diese Oper verhalf dem Komponisten schlagartig zu Weltruhm und hatte nun Premiere in Frankfurt. Zeitlos realistisch inszeniert von Keith Warner und ergreifend musiziert unter der Leitung von Generalmusikdirektor Sebastian Weigle – ein Muss für jeden Opernfreund, meint Andrea Richter.

Oper

Der Außenseiter

Alles dunkel, nur ein weißes Boot in der Mitte der Bühne. Schwarz und altmodisch gekleidete Menschen laufen auf die Bühne und stellen sich im Dämmerlicht im Hintergrund auf. Rechts neben dem Boot ein Mann in schwarzem Anzug und weißem Hemd: Mister Swallow, der Bürgermeister, Staatsanwalt und Dorfrichter in Personalunion, des Städtchens Borough. Links Gerichtsdiener Hobson. Burleske Blasmusik. Wenige Takte nur bis Hobson Peter Grimes Namen dreimal ruft und der Gerufene hervortritt. Swallow verliest die Anklageschrift. Peter soll für den Tod seines Lehrjungen verantwortlich sein und dazu verhört werden. Er fordert Peter auf, sich auf die Anklagebank zu begeben. Peter klettert in das Boot und stellt sich aufrecht hinein. Er ist bereit, sich an der Aufklärung des Falls zu beteiligen. Noch bevor er einen Satz beenden kann, fällt Swallow ihm ins Wort. Dann soll er mit eigenen Worten sagen, was passiert ist. Wegen ungünstigen Windes drei Tage auf See ohne Trinkwasser. Da sei der Junge gestorben und er habe ihn zusammen mit dem großen Fang über Bord geworfen, erzählt Peter tief betroffen. Swallow verbessert ihn: Peter wollte wohl sagen, er habe den Fang über Bord geworfen und sei dann zurückgefahren. Wer ihm dann geholfen habe?

Peter sagt, er habe den Apotheker Keene und irgendjemand den Ortspriester Reverend Adams gerufen, und dann habe Boles angefangen zu schreien und sich ein Tumult auf der Straße ergeben, aus dem er von Auntie, der Besitzerin des Pubs, gerettet wurde. Wer ihm beim Abtransport der Kinderleiche geholfen habe, will Swallow erneut wissen. Die Witwe Sedley mischt sich kreischend ein: „Sag wer?“, und das Volk prophezeit: „Wenn Frauen schwätzen, schläft irgendjemand nicht in der Nacht“. Wer? Vielleicht die Lehrerin Ellen Oxford? Swallow fällt sein Urteil, ohne der Wahrheit auf den Grund gegangen zu sein: Der Junge sei einem Unfall zum Opfer gefallen, Peter ohne Schuld. Allerdings darf er künftig keinen Lehrling mehr beschäftigen. Vor allem warnt Swallow ihn: an solche Begebenheiten werde sich das Volk erinnern. Ob willentlich oder nicht, damit liefert er Peter dem Willen des Volkes aus. Peter ahnt es und bittet um wirkliche Aufklärung. Seine „simple truth“ steht von nun an gegen den gegen ihn ansingenden Chor des Volkes. Ende des Prologs. Ende der Exposition. Die Problematik liegt aufgefächert vor uns. Hier Peter, der Außenseiter. Dort die ihn ablehnenden Bewohner des Dorfes, sowohl als Einzelpersonen als auch als Masse.

Szenenfoto Peter Grimes, Oper Frankfurt: Monika Rittershaus

Im Grunde genommen spielt das Meer die Hauptrolle. Es steht für das Unendliche, für die existenzielle Verlorenheit des Subjekts. Gleichzeitig für die Spiegelungen der Seele. Es ist immer da, immer spürbar. Mal als kleine, kräuselnde Wellen am Ufer mit Flöten und Klarinetten, mal als gewaltiges Aufbegehren des gesamten Orchesters mit dissonanten Violinen-Böen oder die brummende Tuba als ewige Erinnerung an die ebenso ewige Tiefe des Ozeans. In vier rein symphonischen Zwischenspielen (sea interludes) mit den Titeln Dawn, Sunday Morning, Moonlight, Storm betont Britten die Wichtigkeit des Meeres.

Peter (mit all seinen widersprüchlichen Facetten großartig vom Tenor Vincent Wolfsteiner gesungen) ist kein Gutmensch. Er gibt diesem Volk durchaus Grund, ihn nicht zu akzeptieren. Einerseits ein Träumer, der sich durchaus philosophisch mit dem Universum und der Existenz auseinandersetzt. Dann einer, der mit der Fischerei reich werden möchte, um eine Familie mit der Lehrerin Ellen Oxford zu gründen und seine Ruhe zu haben. Dafür stehen die Aktien gut, denn er kann Fischschwärme sehen, die anderen Fischern verborgen bleiben. Andererseits ist er ein zu Gewaltausbrüchen neigender Hitzkopf. Auch seinen mit Hilfe von Ellen Oxford besorgten und verbotenerweise eingestellten Lehrbuben aus dem Waisenhaus wird er misshandeln und Ellen (ganz wunderbar Sara Jakubiak) schlagen. Außer ihr, die er weniger liebt als sie für sein geplantes, gesellschaftskonformes zukünftiges Leben braucht, scheint nur der alte, weit gereiste Kapitän Balstrode (James Rutherford stark und mächtig, absolut überzeugend) Verständnis für ihn zu haben. Und dennoch wird er es sein, der am Schluss das Todesurteil spricht: „Grimes, fahre aufs Meer und versenke dein Boot! Verstehst du? Versenken!“

Szenenfoto Peter Grimes, Oper Frankfurt: Monika Rittershaus

Das Volk ist auch kein ausschließlich böses. Es denkt und handelt wie es in der Abgeschiedenheit lebende Gesellschaften tun. Sie sind in ihren Konventionen gefesselt. Kennen nichts anderes. Wollen nichts anderes kennenlernen. Ebbe und Flut, tagein-tagaus. Einerseits gottesfürchtig daher betend, andererseits unmoralisch mit den Nichten von Auntie der sexuellen Lust und im Pub dem Alkohol frönend. Eine bedrohliche Masse, die, einmal durch Gerüchte angeheizt, sich immer weiter in Rage steigert (fantastisch Chor und Zusatzchor!). Bis sie irgendwann für den Außenseiter Peter gefährlicher ist als die Naturgewalt des Meeres. Es werden auch die Menschen sein, die Peter in den Tod treiben, nicht das Meer.

Die Idee für seine erste Oper schöpfte der junge Benjamin Britten 1941, der als Kriegsdienstverweigerer mit seinem Freund, dem Tenor Peter Pears, in Kalifornien lebte, aus der Lektüre der Verserzählung „The Borough“ seines Landsmannes George Crabbe von 1810. Britten, selbst in einem solchen Dorf an der Ostküste groß geworden, fühlte sich der Thematik des Außenseitertums sowie der des Meeres verbunden. 1942, zurück in England, bat er Slater ein Libretto zu verfassen. 1944 begann er mit der Komposition. Die Partitur des Peter Grimes schnitt er ganz auf die Stimme von Pears zu, der die Rolle in der Londoner Uraufführung kurz nach dem Kriegsende 1945 sang. „Mein besonderes Interesse gehört den architektonischen und formalen Fragen der Oper: Ich entschied mich gegen das Wagner´sche Prinzip von der „unendlichen Melodie“ und für die klassische Form von einzelnen Nummern, die zu gegebenen Augenblicken den seelischen Zustand, den eine dramatische Situation hervorruft, herauszukristallisieren festzuhalten vermag“, beschrieb Britten die Entstehungsgeschichte. Einzelne Nummern, jede mit einer eigenen Klangsprache und -farbe und mit der jeweiligen (emotionalen) Situation klar zugeschriebenen musikalischen Mustern und Instrumentierungen.

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erstellt am 11.10.2017

Szenenfoto Peter Grimes, Oper Frankfurt: Monika Rittershaus

Oper

Peter Grimes

Oper in drei Akten und einem Prolog von Benjamin Britten (1913-1976)

Musikalische Leitung Sebastian Weigle
Regie Keith Warner
Bühnenbild Ashley Martin-Davis

Oper Frankfurt