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Die Literaturzeitschrift „Die Wiederholung“ hat ihre vierte Ausgabe dem Werk des Lyrikers Werner Söllner gewidmet. Faust-Kultur stellt einige Textbeiträge vor und beginnt mit einem Stück deutsch-rumänischer Literaturgeschichte: Michael Gratz erinnert an die zwischen 1949 und 1995 in Rumänien erschienene deutschsprachige Zeitschrift „Neue Literatur“, in der nicht nur rumäniendeutsche, sondern auch deutsche Autoren veröffentlicht haben.

Zeitschrift Neue Literatur

»Das Land ist vertrieben, wir sind geblieben«

Von Michael Gratz

Der erste deutsche Autor aus Rumänien, den ich kennenlernte (abgesehen von Georg Maurer, der schon gegen Ende der Weimarer Republik nach Deutschland kam) war wohl Oskar Pastior. In Rostock, wo ich studierte, gab es die Zeitschrift „Akzente“ und Wege, an sie heranzukommen. Bis heute haften ein paar Zeilen von Petre Stoica im Gedächtnis, übersetzt von Pastior. Beide Namen prägten sich ein. Ein paar Jahre später las ich erst „Rumänische Rundschau“ und dann „Neue Literatur“, letzteres Monatszeitschrift des Schriftstellerverbandes der SR (Sozialistischen Republik) Rumänien. Es gelang mir, diese zu abonnieren. Das war aufregende Lektüre. Hier las ich zum ersten Mal den Namen Herta Müller, Sätze wie diese: „Wenn sich ein Blockbewohner Möbel kauft, tritt das Blockkomitee zusammen und beschließt, auf welche Blockseite jedes einzelne Möbelstück gestellt werden muß, damit das Gleichgewicht des Wohnblocks nicht gefährdet wird. Und die Bewohner des Wohnblocks müssen sich so in den Wohnungen verteilen, daß an keiner Stelle der Wohnung ein Übergewicht entsteht. Nur das Blockkomitee darf sich wann- und woimmer versammeln, ohne das Gleichgewicht des Wohnblocks in Gefahr zu bringen.“ Joi, die traun sich was, dacht ich. Nicht dass ich Gefahr lief, das Land zu verklären. Ich hatte gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen.

Man merkte der Zeitschrift an, dass sie unter schwierigen Umständen entstand. Vieles war viel schlimmer als in der DDR, aber sie schienen auch ein paar Freiräume zu haben. „Im Dienste des edelsten Ideals der Partei“, eine solche Überschrift wäre 1981 in der „NDL“ in der DDR nicht mehr möglich gewesen. Hier war es Normalität. In Heft 6/1982 werden Beiträge vom „erweiterten Plenum des ZK der RKP“ (Zentralkomitee der Rumänischen Kommunistischen Partei) abgedruckt, es ging um die Erhöhung des Beitrags der Forschung zum sozialistischen Aufbau, wofür Elena Ceaușescu zuständig war. Schriftsteller und Funktionäre sekundierten. Der Schriftsteller Dumitru Radu Popescu lobte, die rumänische Literatur sei in den letzten Jahren „fühlbar gewachsen“. Es sei „das Verdienst des Generalsekretärs, des Genossen Nicolae Ceaușescu, dieses großzügige Klima erwirkt zu haben“. Dumitru Popescu, Schriftsteller und ZK-Sekretär, drückte noch fester auf die Tube: „Die Darlegung unseres Generalsekretärs ist eine reiche Inspirations- und Orientierungsquelle für die Akademie 'Ștefan Gheorgiu' wie übrigens für die ganze ideologische Front, für die ganze Gesellschaft. Wir verfügen über ein sehr umfassendes theoretisches Gedankengut von unschätzbarem Wert, das seinen konkreten Niederschlag im Programm der Partei, in den mehr als 20 Bänden unseres Generalsekretärs, in anderen Parteidokumenten findet.“ Leider aber werde es nicht genug genutzt. Mitunter werde es sogar in der Praxis vereinfacht und auf Allgemeinheiten reduziert. Mit Allgemeinheiten hält sich der Redner nicht auf, er entfaltet den ganzen metaphorischen Reichtum der Funktionärssprache. Die Arbeiten des Generalsekretärs bildeten „bereits jetzt“ ein „monumentales ideologisches Werk, das die Quintessenz aus allen Gesellschaftswissenschaften zusammenfaßt“ und wir müssen „methodisch seinen ganzen Goldgehalt auswerten.“ (Merkt euch das gut, ihr Diktatoren aller Länder, siebeneinhalb Jahre nach solchen Sätzen werdet ihr erschossen.)

Der Funktionär Eduard Eisenburger sprach das Problem der Ausreise an: „Unseres Erachtens besteht eine der Hauptaufgaben des Rates der Werktätigen deutscher Nationalität (…) darin, in größerem Maße als bisher zur Erziehung der Werktätigen deutscher Nationalität im Geiste des sozialistischen Patriotismus beizutragen, in Anbetracht der Tatsache, daß bei einem gewissen Teil dieser Bevölkerung bedauerlicherweise die Tendenz besteht, das Land unter dem einen oder anderen Vorwand zu verlassen.“ Der Rat werde „in Zukunft größere Kombattivität gegen diejenigen beweisen müssen, die unter dem Einfluß der Propaganda reaktionärer Kreise des Auslandes stehen“ usw. usf.

Da tut es gut, ein paar Seiten weiter Prosa von Franz Hodjak zu lesen: „Wozu diese ganze blödsinnige Fragerei gut ist, ich weiß es wirklich nicht. Vielleicht aber weiß es der Direktor. Der müßt es doch wissen. Wenigstens der. Und hoffentlich erfahren auch wir es.“ Oder Gedichte von Bossert und Samson. Noch einmal Prosa von Herta Müller. Man begriff, dass der Wind härter wehte und die Narrenfreiheit der Literaten ein arges Spiel war. Aber das wusste man eh schon.

Zunehmend begannen die Hefte mit Zitaten von Elena und Nicolae Ceaușescu, aber dann kamen immer noch Texte von Herta Müller, Franz Hodjak, Rolf Bossert, Horst Samson, William Totok, Richard Wagner und etlichen anderen, manche von ihnen wären nicht durch die DDR-Zensur gekommen. Ich überlegte, ob der Zensor vom Dienst manchmal ein Auge zudrückte, wenn genug Ceaușescu vorne stand.

Zunehmend verschwanden Autorennamen, neue tauchten auf, auch schien sich der Anteil der literaturgeschichtlichen Beiträge zu erhöhen. Ich hörte – vielleicht im Deutschlandfunk – von der Ausreise Werner Söllners im Jahr 1982. Ich glaube mich zu erinnern, dass man anfangs sogar versuchte, Texte ausgereister Autoren doch noch zu bringen. In den angehängten Kulturnotizen konnte man über bundesdeutsche Ausstellungen oder Zeitschriften schreiben, aber selbstverständlich nicht über die Ausreise der Autoren. (Auch der Name Pastior wurde nie erwähnt.) Die Freiheit, die da dämmerte, gestattete es erst Anfang 1990, in Rumänien Gedichte von Werner Söllner zu drucken, die 1988 bei Suhrkamp erschienen waren. Dieses war nicht dabei, aber ich stelle es an den Schluss meiner Erinnerung an dieses Kapitel meiner Lesebiographie:

Verkehrte Zeit

Alle Uhren im Land bleiben stehn. An den Kopf
greifen sich unsre Freunde bestürzt. Unsre Eltern empfangen
soeben die Nachricht. Bei den Standesämtern herrscht
Andrang. Dann packt Mutter die Koffer, liebt Vater
nicht mehr und fährt zu Großmutter, die sich mit freundlichem
Augenaufschlag vom Sterbebett erhebt. Unsre Bekannten
erbleichen, in vager Befürchtung: Niemanden mehr haben unsre Väter
erschossen, zu ihren Eltern sprechen sie
mit Worten, die sie gelernt haben, später, von
uns.

Doch die rückwärtslaufende Zeit
drängt. Die Behörden mahnen zur
Eile.

Da gedeiht eine Wiese zur Wildnis, ein Wohnblock
zum Blockhaus. Krummschwerter schwingend, ziehn sich
Kaskadeure lärmend aus Mitteleuropa
in die Kulissen zurück. Ahnungslos kommen unsre Ahnen
und vergehn. Ihre Sprache verstehn wir
nicht mehr. Stummen Gestalten fährt ein Gespräch
in den Hals. Sie betreten die Bretter
der Pletten, schweigsam, schweigsamer gleiten sie
gegen den Strom. Keiner ruft
das Gesindel an.

Unsren im Land verbliebenen Vätern bleibt noch
ein bißchen Zeit. Aus dem Boden fährt ihnen Blut
in die Adern und Schweiß in die Poren, ihre übrigen
Griffe verschwimmen im Dunkel geschichtlicher
Wahrheit. Dem Kanzlisten, gebeugt über pergamentene
Freibriefe, fließt die Tinte zurück
in den Kiel. In der spiegelnden Luft liegt ein verkehrter
Geruch von Aufbruch. Jeder sucht seine Spur
im Staub. Wer ein Gewissen
besitzt, erinnert sich dunkel
an später. Wer noch ein Herz hat, läßt es
nicht liegen. Endlose, ratlose Wagenzüge
ziehn in die sinkende Sonne.

Aus: Werner Söllner: Kopfland. Passagen. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1988, S. 9f

Das Gedicht beschreibt die Abwicklung (gab es das Wort Rückbau schon?) der deutschen Bevölkerung Rumäniens. „Das Land / ist vertrieben, wir sind geblieben“, schrieb Söllner trotzig. Behielt er recht?

Zwei Jahre später folgte ich ihm in die Bundesrepublik. Die rumäniendeutschen Dichter und die ausgereisten oder geflohenen aus der DDR hatten Quartier für mich gemacht. Mit dem Untergang des zentralen „Postzeitungsvertriebs“ der DDR verschwand mein Abonnement. Erst Jahre später sah ich, dass die Zeitschrift weitergeht. Und die Dichter? Sind meine Landsleute, wenn sie nicht gestorben sind (frei oder unfrei) oder das Land wieder verlassen haben. Das aufregende Projekt einer deutschsprachigen Literatur in Rumänien von nicht provinziellen, sondern europäischen Dimensionen ist Geschichte, weitgehend vergessene. Ein paar ihrer Autoren sind heute Facebookfreunde.

Etwa zwölf Jahre nach dem Untergang Ceaușescus und der DDR saß ich in einer Lyrikpreisjury. Zwei der sieben Juroren waren in der DDR aufgewachsen. In einer ersten Ausschlussrunde wurden alle Bücher herausgesiebt, die nicht mindestens zwei Jurorenstimmen bekamen. Für einen aus Rumänien und einen aus der DDR gekommenen stimmten nur mein Ex-DDR-Kollege und ich. Das verlängerte die Diskussion, für manche vielleicht ärgerlich. Am Abend sagte eine Jurorin aus den sogenannten alten Bundesländern zu uns beiden: „Ich würde Ihnen empfehlen, mehr Autoren aus den alten Bundesländern zu lesen.“ Es war eine Frechheit, wir hatten beide vor und nach 1990 viel gelesen und in meinen vier Juryjahren gewannen in der Endabstimmung immer „westliche“ AutorInnen gegen „östliche“, meistens mit meiner Stimme. (In jenem Jahr übrigens stimmte die Westjurorin am Ende „östlich“ und ich „westlich“). Es war eine Frechheit und Ignoranz, aber es ist die Realität.

Zuerst veröffentlicht in: „Die Wiederholung, Zeitschrift für Literaturkritik, Ausgabe 4 – Juli 2017. Zum Werk von Werner Söllner“ Mit freundlicher Genehmigung

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Kommentare


Christiane Klein - ( 26-10-2017 11:41:03 )
Kenne Werner Söllner und will gerne wieder Kontakt mit ihm aufnehmen. Kann ich bitte seine Mailadresse
oder eine Rufnummer von ihm bekommen. Freundlichen Gruß und Dank, Christiane Klein

Schade ds ich die Neue Literaturhefte aus Rumänien nicht mehr habe! Es gäbe sicher die eine oder andere Entdeckung zu machen!

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erstellt am 10.10.2017

Aus dem Zettelkasten von Michael Gratz, 1970er/80er Jahre: Sophokles, Marin Sorescu und Werner Söllner

Die Wiederholung
Zeitschrift für Literaturkritik
Ausgabe 4 – Juli 2017
Zum Werk von Werner Söllner

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