Die neue Spielzeit eröffnet das Schauspiel Stuttgart mit Stephan Kimmigs „Faust I“. Am Stuttgarter Ballett präsentiert Reid Anderson den Abend „Cranko pur“ – eine Reminiszenz an den Choreografen John Cranko. In einer Nebenspielstätte des Schauspiels ist zudem eine Bühnenfassung von Ágota Kristófs Roman „Das große Heft“ zu sehen, berichtet Thomas Rothschild.

Saisonstart in Stuttgart

Bloß keine Klassik

Dass Ballettcompagnien mit ihrem Leiter identifiziert werden, ist nicht ungewöhnlich. Die Namen von Pina Bausch, John Neumeier, William Forsythe sind untrennbar mit den Truppen verbunden, die sie sehr lange geprägt haben. Dass aber ein Ballettensemble noch 44 Jahre nach dem Tod seines einstigen Direktors als dessen „Kind“ gilt, ist nicht alltäglich. John Cranko ist solch ein Übervater des Stuttgarter Balletts geblieben, und das ist nicht zuletzt seinen Nachfolgern Marcia Haydée und Reid Anderson zu verdanken, die das Andenken an den großen Erneuerer und Choreographen nicht nur mit Liebe und Treue bewahrt, sondern sein Vermächtnis auch am Leben erhalten haben.

Wenn Reid Anderson die letzte Saison seiner Intendanz mit einem Abend eröffnet, die den Titel „Cranko pur“ trägt, so ist das ein Bekenntnis. Und siehe da: es ist nichts weniger als museal. Aus der Distanz wird erkennbar, dass Cranko zwar dem klassischen Ballett noch stärker verpflichtet war, als es die meisten der heutigen Stuttgarter Choreographen sind, dass er aber seiner Zeit weit voraus war und den Jüngeren den Weg gewiesen hat.

Drei Stücke standen auf dem Programm: „L‘Estro Armonico“ von 1963 zur Musik von Vivaldi, „Brouillards“ von 1979 zu Debussy und, in schöpferischer Konkurrenz mit dem Librettisten Balanchine, „Jeu de cartes“ von 1965 zu Strawinskys Komposition. In allen drei Choreographien lässt Cranko dem Ensemble viel Raum. Im eleganten, von keinerlei Verzerrungen „beschädigten“ Vivaldi-Ballett, das noch eine Engführung mit der Partitur pflegt, stellt er dem mit Halbsolisten aufgefüllten Corps de ballet ein Trio gegenüber, das aktuell mit den Stuttgarter Publikumslieblingen Elisa Badenes, David Moore und Martí Fernández Paixà besetzt ist. In „Brouillards“ kontrastieren Paare und Solisten, unter ihnen Jason Reilly, Friedemann Vogel, Alicia Amatriain, Agnes Su, Louis Stiens und wiederum Badenes, Moore und Fernández Paixà, mit dem Ensemble. „Jeu de cartes“, jenes Ballett, in dem Cranko seinem Sinn für Humor freien Lauf lassen konnte, war über Jahre hinweg das Paradestück von Egon Madsen. Er durfte sich am Ende zusammen mit dem derzeitigen Joker Adhonay Soares da Silva verneigen und wurde von den Fans als alter Freund mit heftigem Applaus begrüßt. Übrigens: wüsste man nicht, dass Es Devlin erst zwei Jahre vor Crankos Tod geboren wurde, könnte man auf die Idee kommen, dass sie sich bei ihrem Bühnenbild für die Bregenzer „Carmen“ – den überdimensionalen Armen einer kartenspielenden Dame – von Dorothee Zippels Kulisse für „Jeu de cartes“ – sagen wir es freundlich – inspirieren ließ.

Wagners totalitärer Gestus

Was auf der Bühne zu sehen ist, beansprucht die Aufmerksamkeit so sehr, dass leicht überhört wird, wie hervorragend das Staatsorchester im Graben musiziert. Das durfte sich bei seinem ersten Sinfoniekonzert der Saison unter der Leitung von Hartmut Haenchen, den de Zeitschrift „Opernwelt“ eben erst zum Dirigenten des Jahres gewählt hat, im „Rampenlicht“ des Beethovensaals in der Liederhalle zeigen. Unter dem Motto „Menschen und Götter“ kombinierte das Konzert eins der populärsten Werke der Musikgeschichte, Mozarts „Jupiter-Sinfonie“, mit einer Orchestersuite, die Haenchen schon 1999 aus dem Material von Richard Wagners „Götterdämmerung“ zusammengestellt hat. Sie verwandelt die Musik der Oper in drei Sätze, die auch als symphonisches Werk bestehen könnten. Die Leitmotive werden, aus dem Zusammenhang gerissen, zu absoluter Musik. Freilich: auch in dieser sängerlosen Bearbeitung bleibt der triumphale, auftrumpfende Charakter von Wagners Musik erhalten. Man kann verstehen, dass Wagner, über seinen Germanen-Kult hinaus, Hitlers Lieblingskomponist war. Wie man es auch drehen und wenden mag, wie sehr man auch die Komposition an eine bestimmte Interpretation des Librettos zurückbinden mag: sie hat einen totalitären Gestus. Mit Wagners Antisemitismus hat das nichts zu tun, und auch die ästhetische Qualität wird davon nicht berührt. Aber dass sich dieser Gestus für eine Weltsicht missbrauchen lässt, wie sie der Nationalsozialismus propagierte, ist kaum zu leugnen.

Szenenfoto „Faust I“, Schauspiel Stuttgart: JU

Mit der Bestellung von Burkhard C. Kosminski zum Intendanten des Schauspiels Stuttgart ab der Spielzeit 2018/2019 hat sich die Politik für die berechenbare Lösung entschieden. Vom bisherigen Mannheimer Intendanten dürfen sich die Postenverteiler solides, wenngleich nicht unbedingt aufregendes Theater erwarten. Eine Vorahnung mag das Engagement von Noah Haidle als Mannheimer Hausautor geben. Hat irgendjemand in Stuttgart die Stücke von Haidle gelesen oder gar gesehen? Ist das die Dramatik, die man sich für die Hauptstadt wünscht? Wie vertraut sind die Bürokraten am Neckar überhaupt mit den Kandidaten, die sie in verantwortungsvolle Positionen hieven? Offenbar wollte das gebrannte Kind nach den (mitverschuldeten) Erfahrungen mit Armin Petras kein Wagnis eingehen. Der in Stuttgart geborene Stephan Kimmig wäre der riskantere, wahrscheinlich aber interessantere Kandidat gewesen.

Das belegt auch sein „Faust I“, mit dem das Theater die Spielzeit eröffnet. Kimmig scheint vor allem eins anzustreben: keinen Verdacht von Klassik zu erwecken und all die Stellen, die man seit Schulzeiten zwar nicht versteht, aber zitieren kann, als Versatzstücke einer Revue erscheinen zu lassen. Konsequenterweise endet der Stuttgarter „Faust“ nicht mit einer rettenden Stimme von oben, sondern mit einem Mephistopheles, der (oder vielmehr: die) einen amerikanischen Song ins Mikrophon schmettert. Hatten wir derlei nicht schon einmal? Was mich betrifft: ich möchte bei einem Rockkonzert keine Goethe-Verse hören, kann aber im Theater auf Rockmusik verzichten. Was mich betrifft, interessiert niemanden. Der Ausweis gesanglicher Talente oder auch, wie in diesem Fall, von Schlagzeugübungen, die allerdings an Max Roach oder Ginger Baker nicht ganz heranreichen, ist mittlerweile im Schauspiel so obligatorisch wie es seit Ende des 19. Jahrhunderts der eiserne Vorhang war.

Zu den nicht mehr ganz neuen Konventionen gehört es auch, dass Figuren auf der Bühne vervielfacht werden. In Stuttgart wohnen zwei Seelen, ach! nicht in einer Brust, sondern in zwei Brüsten, jener von Paul Grill und jener von Elmar Roloff. Roloff freilich, der schon zuvor – ein Kabinettstück – die „Zueignung“ sprach, muss sich alsbald in den Famulus Wagner verwandeln, weil Kimmig mit je zwei Schauspielerinnen und zwei Schauspielern plus einem Allroundmusiker (Malakoff Kowalski) auskommen will.

Unter diesen ragt Sandra Gerling als Mephistopheles heraus. Sie bestätigt einmal mehr, dass „der Geist, der stets verneint“ die interessantere Rolle in Goethes meistgeschätztem Drama ist. Gerling kann nicht nur, überflüssigerweise, singen, sie beherrscht, was gute Schauspieler von schlechten unterscheidet: eine Vielzahl gestischer und mimischer Nuancen. Ihr zuzuschauen ist ein uneingeschränktes Vergnügen. Und dass Mephistopheles von einer Frau verkörpert wird, hat zwar keine tiefere Bedeutung (die wäre infam), sondern entspricht einer Regie, in der sich die Sprache von den Figuren löst, sei es von einem einzigen Faust, sei es eben von einem als Mann imaginiertem Teufel.

Szenenfoto „Faust I“, Schauspiel Stuttgart: JU

Manchmal genügt die Betonung, um über den Sinn zu entscheiden. Sandra Gerling setzt in dem berühmten Ausspruch „Es ist gar hübsch von einem großen Herrn, / So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen“ den Akzent auf „selbst“ statt, wie üblich, auf „Teufel“: Gott spricht nicht sogar mit dem Teufel, sondern er spricht persönlich, ohne Vermittler mit ihm.

Kimmigs „Faust“ ist schwarz-weiß. Weiß ist der massive Bau, der fast die ganze Bühne bedeckt, eine Mischung aus Tempel und Pavillon, dessen Außenwände vor dem Ende entfernt werden (Bühne: Katja Haß). Weiß sind die Figuren gekleidet, mit Ausnahme von Mephistopheles und Faust in der Gretchen-Tragödie, deren Schwarz zur Grundfarbe kontrastiert (Kostüme: Sigi Colpe). Weiß ist der Schüler ebenso wie Gott (Lea Ruckpaul, die auch als Gretchen für Blondierung sorgt). Diese Gott-Göttin rezitiert, Cello spielend, Elfriede Jelinek. Nun hat die in einem eigenen „Sekundärdrama“, das Goethes Klassiker nach ihrem Wunsch „blondieren“ oder auch „aufnorden“ soll, auf „Faust“ Bezug genommen. Ob das freilich, ebenso wie Paul Celans „Todesfuge“, in einer „Faust“-Inszenierung abgehandelt werden soll, ist wiederum eine Frage der postmodernen Denkungsart, auch wenn Jelinek selbst solch eine Melange vorgeschlagen hat. Ein Ganzes ergibt sich daraus nicht. Muss es auch nicht. Um Gottes – nein, um Fritzls willen.

Nach der Pause trägt Faust dem prompt im Lift entschwindenden Gretchen Arm und Geleit im oberen Foyer an, wo Claus Peymann, der unter den Zuschauern gesichtet wurde, in seinem legendären „Faust“ den Kaiser auf einen Toilettenthron gesetzt hat. Eine diskrete Hommage an den großen Theaterleiter, dem Kimmig nach dem Willen der Politik nicht folgen durfte?

Von nun an lässt Kimmig den Faust und auch andere Figuren stockend, mit vielen Kunstpausen sprechen. Das wird allmählich eintönig. Dann brüllen Gretchen und Faust zu heftigen Trommelschlägen ins Mikrophon, dass ihre Ruh hin und ihr Herz schwer ist. Dennoch: dieses Gretchen ist am Schluss nichts weniger als verrückt. Sie ist bloß ein wenig dekonstruiert. Wie hieß doch einst ein Aufsatz von Klaus Laermann? „Lacancan und Derridada“. Die „neueste Mode“ hält nun schon mehr als dreißig Jahre an.

Szenenfoto „Das große Heft“, Schauspiel Stuttgart: Birgit Hupfeld

Einen Tag nach „Faust I“ in der Nebenspielstätte des Stuttgarter Schauspiels, im Nord: eine – nicht die erste – Bühnenfassung von Ágota Kristófs Roman „Das große Heft“ aus dem Jahr 1986. Das Publikum sitzt im Karree auf einer Galerie und schaut hinunter auf die Schauspieler, die die Geschichte von den Zwillingen, die sich mit allerlei Exerzitien durch den Krieg mogeln, in der dritten und in der ersten Person sowie in Dialogen erzählen. Es dauert eine Weile, bis man sich in den Rhythmus der Inszenierung eingewöhnt hat. Der dänische, in Norwegen lebende Regisseur Jonas Corell Petersen hält die Darsteller zu einer Sprechweise an, die wie improvisiert wirkt, Sätze und Satzteile wiederholt, jede Annäherung an Deklamation vermeidet. Eine Fülle von visuellen Einfällen reihen sich, von Bombardements mit Kohlköpfen begleitet, an einander. Sebastian Röhrle und Michael Stiller als die Zwillinge, Rahel Ohm als deren Großmutter, Manolo Bertling, Gabriele Hintermaier und Viktoria Miknevich schwanken virtuos zwischen Realismus, Karikatur und Verfremdung. Am Ende trennen sich die Zwillinge. Eine Rettung von oben bleibt auch hier aus. Oben sitzt halt kein Gott, sondern das Publikum.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 09.10.2017

Szenenfoto „Cranko pur“ © Stuttgarter Ballett

Saisonstart

Stuttgarter Ballett

www.stuttgarter-ballett.de

Schauspiel Stuttgart

www.schauspiel-stuttgart.de