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Die bekannte Frage „Was tun?“ wird so oft und so und so beantwortet, dass einem ganz schwindelig wird. Der Schwindel fliegt aber schnell auf, so dass ein paar seriöse Versuche, über die Zukunft nachzudenken, übrig bleiben. Einer davon ist Klaus Rolinskis „Über die Notwendigkeit einer Zweiten Aufklärung“, findet Hans-Klaus Jungheinrich.

Buchkritik

Fröhliche Wissenschaft der Weltverbesserung

Die Weltrevolution fand im Saal statt, und die allfällige Weltverbesserung tut’s im Buch. Zahllos denn auch die einschlägigen Druckwerke, in den Buchläden passenderweise oft platziert unweit der (zugleich fürs Grusel-Angebot geeigneten) Hitlerliteratur: die brillant ökonomiekritischen Thesen über das Kapital im 21. Jahrhundert von Thomas Piketty; die ökologischen Kassandrarufe von Naomi Klein (gleichsam lebhaftester Einspruch gegen die schamlose Anbiederungs-Wahlwerbung der deutschen Grünen: „Zwischen Umwelt und Wirtschaft passt kein Oder“) und vieles Ähnliche. Von der bestsellernahen Berühmtheit solcher Titel ist Klaus Rolinskis aktuelle Einlassung getrennt durch eine gewissermaßen akademisch identifizierte und eingegrenzte Präsentation. Der Band „Über die Notwendigkeit einer Zweiten Aufklärung“ erschien nämlich in der Reihe „Am Zügel der Evolution“, die sich, herausgegeben von Wulf Schiefenhövel und Judith Schuler, vorzugsweise recht speziellen anthropologisch-ethnologischen Studien widmete, aber in ihrer fächerübergreifenden Intention auch schon „humanethologische Angebote zur Verständigung zwischen Leib- und Seelenwissenschaften (Gerhard Medicus: „Was uns Menschen verbindet“) in den Blick fasste. Da lag eine Rundum-Wirklichkeitsanalyse nicht mehr fern. Rolinskis Arbeit hat universalistischen Anspruch, geht aber nicht deklamatorisch-generalistisch vor. Die schnörkellose, nüchterne, gelegentlich erfrischend sarkastische Vortragsart weist den exzellenten, unbestechlich logisch argumentierenden Juristen aus.

Wie es chef d’œuvres, aus langer Lebenserfahrung hervorgegangen, so an sich haben, war auch Rolinskis Unternehmen zunächst formal ganz anders und viel ausführlicher konzipiert. Die Komprimierung auf gut 200 Seiten bedeutet vielleicht dennoch keine allzu große Einbuße. 200 ausladend-pralle Buchseiten, die es in sich haben! Man staunt über den auf schmalem Platz Raum findenden Detailreichtum. Allein zu den politischen Fakten der letzten Jahrzehnte hat Rolinski Einzelheiten zusammengetragen und schlüssig konfiguriert, wie sie kaum dem aufmerksamsten Leser überregionaler Zeitungen (geschweige dem Kurznachrichten-Konsumenten) parat sind. Die so lakonisch wie erschöpfend erzählte Story des einstigen Politscharlatans Doktor Karl Theodor zu Guttenberg zum Beispiel mag vordergründig nur anekdotischen Reiz haben, ist aber im Kontext paradigmatisch für das Treiben derer, die Rolinski zutreffend als unsere gewöhnlichen „Politikfunktionäre“ bezeichnet.

Mit dem Untertitel „Zu Entscheidungsprozessen politischer Entscheidungsträger im Lendenschurz“ konkretisiert Rolinski den zunächst womöglich schulphilosophisch verstehbaren „Aufklärungs“-Ansatz. Es geht ihm um „aufgeklärtes“ Handeln in der Öffentlichkeit, insbesondere in Politik und Wirtschaft. Der „Lendenschurz“ ist für Rolinski das Symbol für atavistische Verhaltensweisen, die nach wie vor gerade „ganz oben“ handlungsbestimmend sind und persönliche Rang- und Machtansprüche verfolgen, anstatt gewaltfrei und unkriegerisch dem Gemeinwohl und dem Völkerfrieden zu dienen. Rolinski deutet das auch als evolutionsbiologisch in die Gegenwart hineinreichendes „äffisches“ Erbe, dessen vermeintliche genetische Zwangsläufigkeit es durch humanisierende Vernunft zu überwinden gelte. „Zweite Aufklärung“ ist dabei wohl die Metapher für eine erstmals wirkliche und umfassende (Selbst-)Aufklärung über die conditio humana und die Ressourcen-Begrenztheit auf unserem „blauen Planeten“, was nicht zuletzt die liberalkapitalistische Wachstumsideologie als eine (langfristig) gefährliche Illusion entlarvt. Ungeachtet seines Neuansatzes, der sich von marxistischen Diagnosen nicht allzusehr unterscheidet, erinnert der schubkräftige Optimismus Rolinskis an Ernst Blochs Utopiegedanken. Eine mehr passagere Rezeption der „historischen“ europäischen Aufklärung bemüht sich nicht um Ausdifferenzierung von deren mithin auch katastrophal „dialektischen“ Konsequenzen (Adorno, Foucault). Andererseits passt auch der Name des resignativ systemtoleranten Institutionskenners Luhmann nicht in die fast als „fröhliche“ Wissenschaft daherkommenden Rolinski’schen Darlegungen. Anregend sind auf jeden Fall Rolinskis Anspielungen auf eine eigene Forschungsreise nach Papua-Neuguinea (da werden sozusagen die gelockerten „Zügel der Evolution“ wieder sichtbar) wie auch seine Freiheits- und Gerechtigkeitsemphase – der unerschütterliche Glaube, die Menschheit und der verantwortungsbewusste Einzelne könnten über den Schatten biologischer Beschränkungen springen. Dass die institutionellen Verfestigungen (gerade auch das globalisierte Wirtschaftssystem) scheinbar oder anscheinend unangreifbar geworden sind und von individuellen Maßnahmen – an sie richtet sich letztlich Rolinskis Appell – kaum noch tangiert oder gar ausgehebelt werden können, entwertet die Zielgerichtetheit des Textes nicht. Rolinski ist sich der Hindernisse auf einem Weg zur „Zweiten Aufklärung“ genau bewusst (der Islam müsste gar die „erste“ noch nachholen).

Wie die guten alten Rationalisten des 17. und 18. Jahrhunderts beschäftigt sich Rolinski ausführlich mit dem Phänomen Religion, insbesondere mit der katholischen Kirche, die sicher in Regensburg, Rolinskis Wahl- und langjähriger professoraler Amts-Heimat (und ebenfalls einer Papstschmiede), noch glockendröhnender das Sagen hat als andernorts. Der Autor äußert sich dabei weniger polemisch oder bitter als besonnen und demonstriert die unüberholbare Einsicht Kants, zu respektieren sei allemal eine „humanisierende“ Wirkung des Christentums – und gewiss auch seine Hilfestellung bei Sinn- und Lebenskrisen und angesichts von Vergänglichkeit und Tod. Als ein besonders klar strukturiertes Modell von Hierarchie steht die katholische Kirche freilich einer vernunftgeleiteten Demokratisierung prinzipiell antagonistisch gegenüber. Als eine für sie bestimmte Schrift an der Wand böte sich die Forderung „Zweite Reformation“ an. Rolinski versagt sich die Unhöflichkeit, das ausdrücklich zu postulieren.

Rolinskis Studie lässt sich auch in wenigen Sätzen zusammenfassen: „Sicher waren (die atavistischen Verhaltensweisen) für das Überleben und die Ausbreitung der Art ‚seiner Zeit’ nützlich. Diese Funktion erfüllen sie in einer übervölkerten Welt aber nicht mehr uneingeschränkt. Und da man von der Evolution eine ‚Selbstkorrektur‘ in kurzer Zeit nicht erwarten kann, muss der Mensch selbst diese Anpassung erbringen“ (S.163). Und eine sarkastische Spitzmarke zur heuchlerisch religiösen Alibifunktion bei politischen Fehlentscheidungen: „So hatte George W. Bush bekannt, dass ihm die Stimme Gottes den Angriff auf den Irak befohlen habe. Und er war der Präsident der mächtigsten Nation der Welt und nicht Patient einer psychiatrischen Krankenanstalt“ (S. 164). Dem neugierigen Leser zeigt sich keine trockene oder langweilige, sondern eine weithin stilistisch geschliffen ausformulierte Textgestalt, von sachlicher Dringlichkeit befeuert (auch wenn das Füllwort „schlicht“ auf vielen Buchseiten in allen Fällen ersatzlos hätte gestrichen werden können).

Bei einer persönlichen Begegnung mit dem Buchautor vor Jahren elektrisierte mich seine in unverbindlich geselliges Smalltalk wie beiläufig eingeworfene Bemerkung, die Jurisprudenz sei „ja schließlich nichts anderes als eine Fiktion“. So hätte ich gerne auch einmal einen Theologen reden hören wollen. Klaus Rolinski, ein freier Geist und fähig, angestammte Rollen zu transzendieren. Jede Zeile seines Buches bezeugt das. Man muss es als ein „Hauptwerk“ in vielerlei Hinsicht und nicht nur für die Laufbahn seines Autors bezeichnen.

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erstellt am 05.10.2017

Klaus Rolinski
Über die Notwendigkeit einer Zweiten Aufklärung
Zu Entscheidungsprozessen politischer Entscheidungsträger im Lendenschurz
Hardcover, 232 Seiten
ISBN 978-3-86135-588-5
VWB Verlag Wissenschaft und Bildung, Berlin 2017