1857 erschien die erste Ausgabe von Charles Baudelaires „Die Blumen des Bösen“ / „Les Fleurs du Mal“. Sie umfasste exakt hundert Gedichte. Nur wenig später wurden sechs Gedichte verboten. Simon Werle hat zum 150. Todestag Baudelaires „Die Blumen des Bösen“ neu ins Deutsche übersetzt. Martin Lüdke empfiehlt den Band.

Lüdkes liederliche Liste

Sie blühen dauerhaft

Charles Baudelaire, Foto: Félix Nadar, 1855
Charles Baudelaire, Foto: Félix Nadar, 1855

Es gibt (mindestens) zwei Bilder von Baudelaire, in dem uns ein nicht mehr ganz junger Mann, mit durchaus dandyhaften Zügen, hoher, breiter Stirn, äußerst ernst, auf dem einem Foto sogar ziemlich verbittert mit zusammengepressten Lippen, entgegenblickt. Beide Fotografien stammen von Nadar und sind berühmt geworden. Beide Bilder stammen aus der Zeit, in der Baudelaire an seinen „Fleurs du Mal“ schrieb. Einer Gedichtsammlung, mit der die europäische Literatur in die Moderne eintrat und die ihren Verfasser unsterblich machen sollte. Glücklich hat sie ihn nicht gemacht.

Vor hundertfünfzig Jahren, 1867, nur sechsundvierzig Jahre alt geworden, starb, nach mehreren Schlaganfällen der halbseitig gelähmte, sprechunfähig gewordene Dichter der „Fleurs du Mal“ in einem Pariser Pflegeheim. Alkohol, Drogen, vor allem aber die damals unheilbare Syphilis hatten den Dichter körperlich und auch geistig zerrüttet. Zehn Jahre zuvor, 1857, waren seine „Die Blumen des Bösen“ / „Les Fleurs du Mal“ erschienen. Die erste Ausgabe umfasste exakt hundert Gedichte.

„Aufgrund der verderblichen Wirkung der vom Dichter vorgeführten Bilder, die durch einen rohen, die Scham verletzenden Realismus notgedrungen zur Aufreizung der Sinne führen“, also einen „Verstoß gegen die öffentliche Moral und gegen die guten Sitten“ bedeuteten, wurden Baudelaire und seine Verleger zu Geldstrafen und zur Entfernung von sechs Gedichten verurteilt. In der zweiten, 1861 erschienen Auflage, um fünfunddreißig neue Gedichte ergänzt, fehlten diese Gedichte. Erst in der dritten, nochmals erweiterten, aber bereits posthum erschienenen Auflage, 1868, waren die inkriminierten Gedichte wieder enthalten. Das Urteil wurde übrigens erst am 31. Mai 1949, fast hundert Jahre später, rechtskräftig aufgehoben, aufgrund einer Initiative der Kommunistischen Partei Frankreichs.

Auch wenn sich Baudelaire selbst über das Unverständnis seiner Richter herzhaft empören konnte und das größte Missverständnis darin sah, pikante „Stellen“ herauszupicken und deren Funktion im Ganzen der „Fleurs du Mal“ dadurch zu ignorieren, geschadet hat ihm das Urteil gewiss nicht.

Eine gelungene Gesamtübertragung

In seiner 1991 bereits erschienen Dissertation „Der deutsche Baudelaire“ führt Thomas Keck mehr als hundert Übersetzer auf, die sich seit 1879 in „Zeitschriften, Anthologien, Auswahlbänden und in immerhin sieben Gesamtausgaben“ an die Übersetzung der „Fleurs du mal“ gewagt haben. Darunter bekannte Namen zuhauf, Stefan George (dessen, wie er es nennt, „Umdichtungen“ mehr George als Baudelaire enthalten), auch Walter Benjamin, dem wir zwar die groß(artig)e Studie „Charles Baudelaire. Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus“ verdanken (im Zusammenhang seines Passagenwerkes entstanden), Benjamins Übertragungen zählen allerdings nicht zu den glücklichsten Versuchen, die französischen Verse ins Deutsche zu transportieren. Sogar der ehemalige SPD-Bundestagsvizepräsident, Politikwissenschaftler und allerdings auch als Schöngeist bekannte Carlo Schmid (1896 – 1979) hat im S. Fischer Verlag eine, wie Wikipedia rühmt, „bahnbrechende“ Übersetzung vorgelegt. Und jetzt, 2017, folgt nun Simon Werle, ausgewiesener Übersetzer u.a. der Tragödien Racines, mit einer neuen und wohl alles in allem gelungenen Gesamtübertragung.

Mein Lieblingsgedicht von Baudelaire, „A UNE PASSANTE“, der Titel etwas unglücklich „AN EINE PASSANTIN“ übersetzt, statt wie von Friedhelm Kemp, als „AN EINE, DIE VORÜBERGING“, bzw. wie ich irgendwo auch gelesen habe, „An eine Vorübergehende“. Denn, so hatte Benjamin dieses Gedicht interpretiert, diese flüchtige, unwiederbringliche Begegnung, dieser eine Blick im Strom der Passanten, und schon vorbei, diese neue, in der entstehenden Massengesellschaft der europäischen Großstädte, neuartige Erfahrung des Fremden, das uns für einen Augenblick nahekommt und dann, in aller Regel, für immer verschwindet, kurzum: die Moderne, in der wir seither leben, das Verschwinden im Aufscheinen, das kommt bei Werles Titel zu kurz. Dafür aber scheint (mir) seine Übertragung des Gedichts am gelungensten.

Anders gesagt: wer Baudelaires „Fleurs du Mal“ nicht in seinem Bücherregal findet, der sollte sich diese Ausgabe schnellstmöglich anschaffen. Und mir, bei Gelegenheit, für diesen Tipp danken.

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erstellt am 05.10.2017

Charles Baudelaire
Les Fleurs du Mal. Die Blumen des Bösen
Gedichte
Aus dem Französischen von Simon Werle
Gebunden, 525 Seiten
ISBN 9783498006778
Rowohlt Verlag, Reinbek 2017

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