Textland

Ferien im Ferranteland

Der 3. Band der Neapolitanischen Ferrante-Saga erzählt Elenas Aufstieg zur gefeierten Schriftstellerin und Gattin eines Sprosses „der kulturvollsten Familie Italiens“

Die Lektüre des dritten Bandes ist wie Ferien im Ferranteland. Ich kenne mich da so aus wie der Gewohnheitsurlauber auf seinem Campingplatz Bescheid weiß. Ich war mit meinen Eltern zwölf Mal in San Michele al Tagliamento – mit dem Volkskäfer über den Brenner und durch die Poebene und immer einmal nach Venedig und einmal zu dem Wadi in einem Pinienhain bei Grado. Weil wir so anorak waren, nahmen wir uns auch jedes Mal den Tagliamento vor, der unbegradigt aus den Alpen fließt. Kein Staudamm, kein Kraftwerk, keine hydrologischen Manipulationen. Der Fluss funktioniert als Biotop. An uns vorbei trieben natürliche Totholzflösse, aus denen Inseln entstehen können, wenn man ihnen den Raum lässt. Hätte man Lila den Raum zur Entfaltung ihrer Begabungen gewährt, wäre Elena in der Konkurrenz mit ihrer besten Freundin und größten Rivalin immer Zweite geblieben. In der Schustertochter vereint sich Intelligenz mit Härte und einem wüsten Temperament. Es bedurfte brachialer Kräfte und eines barbarischen Zerstörungswerks, das lange in Gang gehalten werden musste, um sie zu brechen. Elena Ferrantes neapolitanische Saga ist eine Retrospektive. Im ersten Band erfährt der Leser von Lilas Verschwinden, aber erst jetzt begreift er, was das für die Erzählerin Elena bedeutet – der Verlust ihres Gravitationsfeldes. Elena ist Lila in smart. Die Angepasste hat sich der Starken bemächtigt und die Stärke in Text und Ruhm umgewandelt. Daher kommt die epische Dimension des Werkes. Deshalb funktioniert der Epos weltweit. Im Untergrund der Jugendbewegungen von Lila und Elena gab es einen Wettbewerb, in dem die Frage geklärt wurde: Wer frisst wen?

Unter dem Deckmantel der Freundschaft hacken die Kombattantinnen weiter familiär aufeinander ein. Zugleich lieben sie sich und sind einander eine Notwendigkeit, die sonst keiner begreift.

Zurück zu Lila, auch Lena genannt. Fürwahr Raffaella Cerullo. Geboren im Elend 1944. Lila ist ein Monster an Mut und so aufnahmefähig wie sonst keine im Quartier ihrer Kindheit. Sie wird ihre Ursprungsverhältnisse nie überwinden. Am Ort ihrer Geburt vergeht sie in einem zähen Prozess. Zuerst nimmt sie der Vater von der Schule und schließt sie so von Bildung aus. Das schlägt ihr den Kopf ab. Dann muss Lila einen Camorrista heiraten, der sie vergewaltigt und schlägt, weil sie ihm mit ihrer selbständigen Art Schande macht. Sie verlässt ihn und beginnt zur Hochzeit des italienischen Nachkriegskommunismus eine Dschungelexistenz wie von Upton Sinclair beschrieben. Sie ist einer bestialischen Hackordnung unterworfen und geht fast ein bei der Arbeit in einem Schlachthof, während Elena zur Besiegelung ihres Aufstiegs einen ihr an Intelligenz, Bildung und Herkunft haushoch überlegenen Pietro Airota zu heiraten im Begriff steht. Der Bräutigam ist zugleich Sohn des Verlegerehepaars, das Elenas Debüt groß herausbringt.

*

„Niemand hatte mich dazu erzogen, mir die Zähne zu putzen.“

Es sind solche Bemerkungen, die Elenas Abstand zu den bürgerlichen Standards zeigen. Für das Problemzonenkind sind Kulturtechniken Machtmittel, deren geschmeidigen Einsatz sie bei anderen bewundert. Sie selbst übt Vorsicht und führt ein Leben als ob. Als ob sie hier- oder davon etwas verstünde. Als ob ihr dies oder jenes etwas bedeuten würde, wie zum Beispiel die Studentenbewegung und der antifaschistische Kampf. Der Preis für den gesellschaftlichen Aufstand ist ein Identitätsverlust, der um sich greift. Elena Greco, genannt Lenuccia oder Lenù, geb. 1944, macht Nägel mit Köpfen auf der ganzen Linie. Sie verwaltet ihre Ressource ökonomisch. Sie kehrt in das Viertel ihrer Kindheit zurück, um da Pietro als den Mann zu empfangen, der bei ihrem Vater um die Hand seiner Tochter anhält. Die Begleitumstände schwanken zwischen katastrophal und burlesk. Der alte Greco fühlt sich von Pietros Herkunft deklassiert, Elenas Mutter versucht den Stolz der Braut mit allen Mitteln zu knicken. Besonders empört sie, dass die Standesamtlichkeit der Ehe von keinem Sakrament angehoben werden soll. Sie steigert sich in einen Wahnsinn hinein, dessen Ellipsen Elena stoisch kontert. Die Schriftstellerin stellt fest: „Wie viele Frauen … lebten nun nicht mehr, weil sie krank geworden waren, weil ihre Nerven dem Schleifpapier der Qualen nicht standgehalten hatten, weil ihr Blut vergossen worden war.“

P.S.
Elena hat eine Zukunft als Schriftstellerin, Ehefrau und Mutter. Die Vergangenheit hält sie aber fest wie eine Geisel. Plötzlich fühlt sie sich unerfüllt. Sie erkennt in ihrem Mann einen Langweiler. Nun beginnen die emotionalen Kosten des Aufstiegs gravierend zu werden. In ihrer zweiten Schwangerschaft erneuert Elena den Bund mit Lila. Die Zurückgebliebene erscheint als Angelus Novus des Informationszeitalters. Sie erklärt wie ein IBM-Rechner funktioniert: „Die zentrale Verarbeitungseinheit ist so groß wie ein dreitüriger Kleiderschrank und der Speicher umfasst acht Kilobyte.“ Mit diesem Wissen endet Lilas proletarische Phase.

Elena Ferrante, Die Geschichte der getrennten Wege, aus dem Italienischen von Karin Krieger, Roman, Suhrkamp, 540 Seiten

Buch bestellen

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 05.10.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur.