„Es gibt nichts auf der Welt, was so unsichtbar wäre wie Denkmäler“, schrieb einmal Robert Musil. Ob seine These auch auf zeitgenössische Kunst im öffentlichen Raum zutrifft, wollte Eugen El herausfinden. Zum Abschluss der dreiteiligen Reihe stellt er das Moritz-Daniel-Oppenheim-Denkmal in Hanau vor.

Kunst im öffentlichen Raum, Teil 3

Vom Sockel geholt

Die letzte Station meiner Reise ist die Industriestadt Hanau im Osten der Rhein-Main-Gebiets. Lange war der dortige Freiheitsplatz ein unansehnlicher, unwirtlicher Ort. Von einem Busbahnhof und einem Autoparkplatz geprägt, lud er kaum zum Verweilen ein. Bis 2015 wurde der Freiheitsplatz aufwendig umgestaltet. Ein Einkaufs- und Kulturzentrum wurde errichtet, der Busbahnhof vollständig modernisiert. Der Platz wurde außerdem neu bepflastert und für Fußgänger geöffnet. Selbst sonntags, wenn die Geschäfte geschlossen sind, wirkt er nun belebt.

Auf dem neuen Freiheitsplatz steht eine rostbraun schimmernde, figürliche Skulptur. Ein 2,20 Meter hoher, altmodisch gekleideter Mann, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, schaut in die Ferne. Sein Blick richtet sich auf eine monumentale und doch leicht wirkende, abstrakte Skulptur. Elf Meter hoch ist die „Tanzendes Bild“ betitelte Plastik, die vor dem Einkaufszentrum aufgestellt ist. Zusammen mit dem überlebensgroßen Mann bilden sie ein Denkmal für den Maler Moritz Daniel Oppenheim (1800-1882).

Moritz Daniel Oppenheim, Selbstporträt, 1814/16, Jewish Museum, New York
Moritz Daniel Oppenheim,Selbstporträt,1814/16

Oppenheim wurde unweit des Freiheitsplatzes in der Judengasse, der heutigen Nordstraße, geboren. In Hanau verbrachte er Kindheit und Jugend. Nach dem Kunststudium in München und Studienreisen nach Paris, Florenz, Rom und Neapel ließ sich Oppenheim in Frankfurt nieder. Er porträtierte die Bankiersfamilie Rothschild, aber auch Intellektuelle wie Heinrich Heine und Ludwig Börne. Der Zyklus „Bilder aus dem altjüdischen Familienleben“ machte Oppenheim bekannt. Die idealisierenden Bilder eines von der Tradition bestimmten jüdischen Alltags fanden eine große Verbreitung als preisgünstige Druckgrafiken. Sie wurden auch in Zeitschriften abgedruckt. Moritz Daniel Oppenheims Gemälde befinden sich unter anderem in Museen in Hanau und Frankfurt, Hamburg, Jerusalem und New York.

Eine Begegnung figürlicher und abstrakter Kunst: Denkmal für Moritz Daniel Oppenheim auf dem Hanauer Freiheitsplatz, Foto: Eugen El

2007 beschloss die Stadt Hanau, dem Maler „ein bleibendes Zeichen der Erinnerung“ zu setzen, und schrieb einen internationalen Wettbewerb aus. „Moritz und das tanzende Bild“ heißt der im Juni 2015 eingeweihte, zweiteilige Siegerentwurf. Er stammt vom 1953 geborenen, in Larians (Frankreich) lebenden Bildhauer Robert Schad. Die Stahlguss-Skulptur, die Oppenheim nachbildet, wurde vom französischen Künstler Pascal Coupot gestaltet. Schad entwarf die abstrakte Plastik, auf die Oppenheim blickt. Sie ist aus Cortenstahl gefertigt. Robert Schad beschreibt das Denkmal als Zeugnis einer Vision: „Bei einem abendlichen Spaziergang durch Hanau erscheint Moritz Daniel Oppenheim ein großes Bild, das zu tanzen scheint. Nichts ist darin, wie er es bisher kennt (…) Der Künstler nimmt die Erscheinung in Erinnerung mit sich und versucht zu malen, was er sieht.“ Schad ersinnt eine zu Oppenheims Lebzeiten noch undenkbare Begegnung figürlicher und abstrakter Kunst.

Bemerkenswert ist, dass die Oppenheim-Skulptur direkt auf dem Platz steht und nicht von einem Sockel herabblickt. So wird Moritz Daniel Oppenheim zu einem Zeitgenossen und mischt sich unter die Bevölkerung. Vielleicht ist die Absage an einen Sockel der augenfälligste Unterschied zur Denkmalgestaltung früherer Jahrzehnte und Jahrhunderte. Zeitgenössische Denkmäler gehen über ihre eigentliche Funktion der Erinnerung hinaus. Sie haben einen eigenständigen künstlerischen Wert. Und doch werden auch sie nach einer gewissen Zeit übersehen. Denkmäler werden zumeist dauerhaft im öffentlichen Raum aufgestellt. Sie sind jederzeit und jedermann zugänglich. Eine Mischung aus Desinteresse, Unachtsamkeit und Gewöhnung sorgt dafür, dass Robert Musils These von der Unsichtbarkeit von Denkmälern bis heute gültig bleibt.

Die Texte sind zuerst in der Tageszeitung Offenbach-Post erschienen.

Siehe weiter

Kunst im öffentlichen Raum, Teil 1: Frankfurt
Kunst im öffentlichen Raum, Teil 2: Offenbach

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erstellt am 29.9.2017

„Tanzendes Bild“: Denkmal für Moritz Daniel Oppenheim in Hanau, Foto: Eugen El