Dass sexuelle Enthaltsamkeit in Verbindung mit großer Machtfülle ein explosives Potential bergen kann, überrascht nicht. Dass die gefährliche Ladung im Fall Adolf Hitlers sich in den größten Massenmord entlud, wie Volker Elis Pilgrim in seiner gigantischen, sexualwissenschaftlichen Untersuchung „Hitler 1 und Hitler 2“ nahelegt, verblüfft doch. Hans-Klaus Jungheinrich hat sich durch den ersten Band der auf vier Bände angelegten Studie gelesen.

Volker Elis Pilgrims Hitler-Projekt

Die Formel vom Serienkiller

Ein Blick in beliebige Bahnhofsbuchläden oder Büchermärkte bestätigt es: Hitlertitel behaupten sich nach wie vor unter den Bestsellern oder unweit von ihnen. So sagen es auch die Verkaufstrends: Machthaber-Biographien über Mussolini, Perón, Tito, sogar Stalin bewegen sich im konjunkturellen Abnehmen, die ohnedies viel zahlreicheren Hitler’schen keineswegs. „Der Schoß ist fruchtbar noch…“? Allgemeinere Lust an extremer political incorrectness ist im (ungeachtet des AfD-Phänomens) ideologisch geläuterten Deutschland sicher nicht zu konstatieren. Wohl aber anhaltend fassungslose Faszination angesichts einer Unmöglichkeit, die unlängst geschichtliche Wirklichkeit wurde: die umgehende Verwandlung einer „Kulturnation“ in ein barbarisches Kollektiv von Massenmördern und ihren Mittätern. Trotz mannigfach beweiskräftiger „Faschismustheorien“, die den Nationalsozialismus zu entpersonalisieren trachteten (Politiker als „Charaktermasken“), waren für das spezifische Ausmaß der Katastrophe dennoch Personen und Personenkonstellationen ausschlaggebend (der Thrill einer perfekten Verbrechergalerie an der Spitze, vom jovial-brutalen Göring über den fanatisch-suggestiv-intellektuellen Goebbels bis zum finster-ameisenfleißigen Himmler und Hans Frank, dem „Schlächter von Polen“ und Freund der Künste), zuvörderst aber die besondere Mentalität Adolf Hitlers. In ihr manifestiert sich offenbar das radikal Böse wie in der mentalen Struktur des Massenmörders Breivik, dem Klaus Theweleit kürzlich eine umfangreiche Studie widmete. Was war an Hitler so einzigartig? Gibt es einen Generalschlüssel, der Zugang schafft zur letzthinnigen Erklärung des von Hitler veranlassten deutschen Zivilisationsbruchs? Der Autor Volker Elis Pilgrim ist nah daran, diese Frage mit „ja“ zu beantworten. Seine Formel vom „Serienkiller“ Hitler könnte Furore machen. Zur Beweisführung bedarf der Buchschreiber einer Tetralogie von vier dickleibig konzipierten Wälzern (er vergleicht dieses Unternehmen selbst mit Wagners „Ring des Nibelungen“), von denen jetzt der erste erschienen ist: „Das sexuelle Niemandsland“. Der Titel dieses Bandes verrät: Es handelt sich um eine deklariert und dezidiert sexualwissenschaftliche Annäherung an den Gegenstand der Forschung.

Existentielle Auseinandersetzung mit der NS-Zeit

Wer ist Volker Elis Pilgrim? Das Porträtfoto auf dem Buchumschlag zeigt einen älteren Herrn mit Clownsgesicht, man könnte auch sagen, ein Frühstücksei mit aufgeklebter Lachmaske. Geboren 1942, war Pilgrim einer der regsamsten Buchautoren unter den typischen „Achtundsechzigern“. Mit Titeln wie „Der Untergang des Mannes“ und „Der selbstbefriedigte Mensch“ (letzteres ein Standardwerk über die Onanie) repräsentierte er die „sexuelle Revolution“ und ihre Tabubrüche. Das Terrain seiner Studien und Interessen ist immens und reicht von Jura und Musik bis hin zu Medizin und Psychiatrie, immer aufklärerisch-politisch grundiert. Nach 1990 verschwand er für über ein Vierteljahrhundert aus Mitteleuropa und lebte in Australien und Neuseeland (er schrieb dort unter anderem das Libretto einer „Rathenau“-Oper, die in Kassel uraufgeführt wurde), um sich nun mit dem Hitler-Paukenschlag literarisch zurückzumelden. Für die sozusagen existentielle Auseinandersetzung Pilgrims mit der NS-Zeit gibt es einen Grund: die blaublütige Familie gehörte, in der Nähe von Hermann Göring, zu den hervorgetreteneren Helfershelfern des Regimes. Meine eigene Rezensenten-Motivation ist ähnlich tangiert. Das Mitläufertum meiner Eltern reichte zwischen 1933 und 1945 zwar nicht in prominentere Kreise hinauf, aber zu meiner frühkindlichen Sozialisation gehörte die wie selbstverständlich antrainierte Liebe zur Führergestalt Adolf Hitlers. Im Pfarrhaus des „Deutschen Christen“ (das Etikett erfasste den regimegehorsamen Teil des Protestantismus, während die Anhänger der „Bekennenden Kirche“ nicht unbedingt die weltliche Diktatur, aber die religiöse Bevormundung durch den Nationalsozialismus ablehnten) war es, wie ich mich gut erinnere, vor allem der Zölibatär und Asket Hitler, der bis Kriegsende uneingeschränkte Verehrung genoss – ein von geschlechtlicher „Reinheit“ gekennzeichneter Heilbringer und Heiliger wie Parsifal und (vermeintlich) Jesus. Tatsächlich konnten da Hitler- und Jesusliebe ineinander verschwimmen. Zugleich war aber auch die Existenz von Eva Braun im Volk angekommen und sogar einem Kind wie mir präsent – sie war das Indiz, dass das Hitlerbild auch wieder in die Normalität hinein oszillierte. Mein kindliches Gemüt, das Zusammenhänge eher ahnte als begriff, wurde natürlich auch auf die „Unbeflecktheit“ dieser Verbindung hingelenkt, die in der auratischen Wahrnehmung als eheähnlich, gleichwohl strikt platonisch empfunden wurde. Mit alldem war, abzüglich der pseudoreligiösen Mystifikationen, die Realität – laut Pilgrims Diagnose – womöglich besser getroffen als von zahlreichen auf falsche Spuren gebrachten Hitlerforschern dreier Generationen bis hin zu Volker Ullrich (im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts), mit dem Pilgrim besonders hadert.

Pilgrim rekonstruiert aus glaubwürdigen Quellen den Zölibatär Hitler, aber nicht als einen Heros des Willens mit der pathetischen Intention, nur „Deutschland“ als seine Geliebte zuzulassen. Vielmehr muss davon ausgegangen werden, dass Hitler aufgrund einer anatomischen Missbildung (er hatte nicht zwei, sondern nur einen Hoden, medizinisch als Monorchismus bekannt) lebenslang eine Phobie vor der Intimität mit Frauen hatte und sich auch seiner nächsten männlichen Umgebung niemals nackt zeigte, selbst den Ärzten nicht. Eine Gasvergiftung am Ende des Ersten Weltkriegs führte bei Hitler zu einer abrupten Persönlichkeitsveränderung, die den schüchternen, unscheinbaren Möchtegern-Künstler in einen fanatischen Volksredner und Politiker und wohl auch potentiellen, männerbündlerisch orientierten Gewaltmenschen verwandelte. Pilgrim spricht von „Hitler 1“ und „Hitler 2“, zwei gleichsam differenten Personen vor und nach diesem Ereignis. Die generelle Low-Sex-Disposition Hitlers führte zu mehr oder weniger völliger partnerschaftlich-geschlechtlicher Enthaltsamkeit einerseits, zu einer mit wachsender Machtfülle immer weiter um sich greifenden massenmörderischen Praxis andererseits. Dabei legte er nicht persönlich Hand an seine Opfer, sondern „delegierte“ seine Serienkiller-Triebhaftigkeit auf ein Heer „hypnotisch“ manipulierter Erfüllungsgehilfen – so die kühne Kernthese. Zum Vergleich zieht Pilgrim die Lebensläufe zahlreicher „echter“ Serienkiller heran, und die aufgezeigten Parallelen sind tatsächlich verblüffend. Erklärlich wird damit auch Hitlers Unfähigkeit, aufzugeben: Noch knietief im Blut Watende wie Göring und Himmler suchten am Ende den Kontakt zu den Siegern; Hitler verurteilte sie dafür zum Tode, was unausführbar blieb.

Hitlers abnorme Sexualität

Für Hitlers sexuelle Erregbarkeit durch Gewaltphantasien gibt es einen makabren Beleg, den Pilgrim zum Ausgangspunkt seiner Untersuchung macht. Die Schauspielerin Marianne Hoppe berichtet in ihren Memoiren von einem Treffen in größerem Kreis bei Hitler in den späteren 1930er Jahren, wo sich der „Führer“ zum wiederholten Mal den Luis-Trenker-Film „Der Rebell“ vorführen ließ. Hoppe teilt mit: „Da war eine Szene, da musste die französische Armee durch einen schmalen Engpass, und die Tiroler hatten oben Bretter festgemacht mit Steinen drauf. Als die Franzosen kamen, da machten (die Tiroler) die Stricke los, und dann fielen die ganzen Steine auf die Franzosen herab. Und da, glaube ich, kriegte Hitler eine Art Erregung und hat so die Knie gerieben bei diesem Ereignis, wie die Steine da runterrollten auf die Franzosen drauf, und hat gestöhnt. Ich weiß nicht, ob er verrückt war, aber da kriegte er so eine Art Orgasmus, sagen wir mal. Und da weiß ich noch, wie ich in der Dunkelheit aufgestanden bin, denn da war mir der Mann unheimlich. Und da ging ich raus und bin nie wieder hingegangen“. Nicht sattsehen konnte sich Hitler auch an der gefilmten Liquidation (aufgehängt an Fleischerhaken) der Verschwörer vom 20. Juli.

Ein aktueller Hitlerbiograph wie Volker Ullrich, der durchaus bedeutende Forscherarbeit leistete, zeigt jedoch kaum Interesse für sexuell abnorme Aspekte bei Hitler und kommt deshalb zu Fehleinschätzungen, die sogar auf polierten und frisierten Quellenzitaten basieren können, wie Pilgrim nachweist. So konstatiert Ullrich „normale Sexualität“ zwischen Hitler und Eva Braun und folgt damit unzuverlässigen älteren Biographen wie Werner Maser, die aus verschiedenen Interessen heraus Hitler als einen „Menschen wie du und ich“ präsentieren wollten. Einige feministische Autorinnen waren insbesondere darum bestrebt, Eva Braun als halbwegs unschuldiges Opfer von der Schreckensgestalt Hitler abzuheben – auch damit räumt Pilgrim auf. Er identifiziert die selbstbewusste junge Fotografin und potentielle Schauspielerin als Komplizin, die bewusst die (Frustrations-) Kosten einer propagandistisch lancierten Show-Gemeinschaft mit Hitler bezahlte – bis hin zum von ihr mitinszenierten Doppelselbstmord im Berliner Führerbunker. Im Hinblick auf ein ominöses Sofa in Hitlers Wohnung kommt Pilgrim zu dem Ergebnis, dass Hitler und Eva Braun zwischen 1932 und 1935 mehrfach den „Cunnilingus“ (nicht aber die „Fellatio“) vollzogen haben müssten. Man braucht ihm da nicht unbedingt zu folgen; schwerer widerlegbar scheint mir in der Tat die Umlenkung der Low-Sex-Disposition auf das monströs-perverse Serienkiller-Begehren (ob man es nun exakt so benennen will oder nicht).

Eine fehlbare Methode

Verdienstvoll ist mehrerlei an Pilgrims Bemühung. Zum ersten der Selbstzwang zur alles nur erdenkliche Quellenmaterial ausschöpfenden Gründlichkeit. Mehr als sieben Jahre wendete der Autor bereits an dieses Projekt – man darf von mönchischem Eifer sprechen. Klar, dass man dabei auch ein Stück weit mit dem Forschungsobjekt verschmilzt und gewissermaßen partiell „verhitlert“ – das war schon bei Joachim Fest zu beobachten, der von dieser Materie überhaupt nicht mehr lassen konnte. Als gelernter Jurist sucht Pilgrim – zum zweiten – die entlegensten Informations-Fragmente und Zeugen-Aussagen zusammen, formt und ordnet sie zu Indizien, die in der Abwägung von Pro und Contra wie bei einer Gerichtsverhandlung „der Wahrheit dienen“ und das richtige, das womöglich endgültige Urteil der „Geschichte“ generieren sollen. Dass das, auch beim haushohen Sieg der seine Thesen untermauernden „Fakten“, eine fehlbare Methode ist, geht in der Begeisterung der Prozessführung ein wenig unter. Überall da, wo Pilgrim der bisherigen Hitlerforschung Ungenauigkeit oder Unzuverlässigkeit nachsagt (bis hin zu weiter grassierenden Fälschungen, die Pilgrim „Kujauismen“ nennt nach dem besonders frechen Hitlertagebuch-„Türker“), muss man ihm beipflichten. Schließlich auch in der unerschrockenen und immer noch nicht selbstverständlichen Akzentuierung des Themas Sexualität, das für die Erforschung der Person Hitlers und ihrer Auswirkungen weitaus maßgeblicher ist, als es von der mehrheitlichen Geschichtswissenschaft – trotz immer wieder populärer Munkeleien – bisher zugegeben wurde.

Man kann sich von dem Projekt nicht (vorläufig, denn drei Bände stehen ja noch aus) verabschieden, ohne noch ein wenig über die eigenartige Lektüre dieser 900 Buchseiten nachzusinnen. Vielleicht gehöre ich ja zu nur ganz wenigen Strapazierfähigen, die in mehr als 30 Lesestunden dieses ganze „Sexuelle Niemandsland“ durchackert haben (und es durchackern werden). Die Lektüre ist, offen gesagt, nicht gerade erquicklich. Auf weite Strecken begegnet man der Trockenheit und Wiederholsamkeit gewöhnlicher Gerichtsprotokolle. Dann wieder, und das geschieht häufig, kommen Passsagen von kruder, vulgär-wortspielerischer Obszönität, die den Charme von Scheißhauspoesie auf die Dauer doch gewaltig überstrapazieren. Gewiss, auch stilistische Strategien wider Prüderie und Leisetreterei sind in Ordnung, aber Pilgrim schießt übers Ziel hinaus. Ein wenig mehr von stilistischem Feinsinn hätte nicht geschadet. Man kann Pilgrims Diktion, auch abgesehen vom Männerwitzmäßigen, als „gekonnte Schlamperei“ apostrophieren. Wenn er anderen Buchautoren falsch geschriebene Namen und Ähnliches vorwirft, dann mutet das also doch etwas pharisäisch an, weil auch er in dieser Beziehung ziemlich salopp agiert und zum Beispiel mehrmals eine Stadt namens „Freysing“ aufmarschieren lässt sowie des oefteren zu erkennen gibt, dass ihm die lupenreine Uebertragung ins Deutsche aus einem angelsaechsischen Schreibprogramm wurscht scheint. Aber selbstverständlich kann er auch glasklar und sogar leuchtend und ohne alle ordinären Querschläger formulieren. Man braucht nur seine „Schlussnote“ zu lesen. Da steht auch das Wichtigste in nuce und auf acht Seiten, was man über seine Hitler-Sicht wissen und lernen sollte.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare


Jürgen Rott - ( 05-10-2017 06:26:43 )
Gratulation zur ersten treffenden Rezension, die ich gelesen. Focus und Spiegel haben natürlich wieder dumpfbackig vorbeigetroffen... Achso, ich mag den Stil von Pilgrim, bin aber auch Fan durch dick und dünn seit Jahrzenten!

Kommentar eintragen









erstellt am 29.9.2017

Volker Elis Pilgrim
Hitler 1 und Hitler 2
Band 1: Das sexuelle Niemandsland
Gebunden, 924 Seiten
ISBN: 9783955101404
Osburg-Verlag, Hamburg 2017

Buch bestellen