Der 1961 entstandene Film „Letztes Jahr in Marienbad“ ist ein singuläres Stück Kunst, das die Grenzen des Kinos sprengt. 2015 widmete die Kunsthalle Bremen diesem Film eine große Ausstellung. Thomas Rothschild stellt den aufwändig und liebevoll gestalteten Katalog vor.

Filmgeschichte

Ein Unikum

Dieser Film ist singulär, mehr noch als „Panzerkreuzer Potemkin“, „Citizen Kane“ oder „Stalker“. Mehr noch, weil diese immer wieder nachgeahmt wurden und tiefe Spuren auf ihren Nachfahren hinterlassen haben, „Letztes Jahr in Marienbad“ aber wie ein Monolith in der Landschaft der Filmgeschichte dasteht, der praktisch ohne Folgen blieb. Es gibt gute Begründungen dafür, in diesem Werk mehr als nur einen Film zu sehen, ein Stück Kunst nämlich sui generis, das die Grenzen des Kinos sprengt. Es ist also ungewöhnlich, aber nicht unverständlich, wenn ein Kunstmuseum, und nicht etwa eins der wenigen Filmmuseen, nämlich die Kunsthalle Bremen, diesem Film eine große Ausstellung widmet. Und es entspricht der Logik, dass der Katalog solch einer ausgefallenen Ausstellung auch als Buch Bestand hat, zumal wenn er so aufwändig und liebevoll gestaltet ist wie vom auf Kunstbücher spezialisierten Wienand Verlag.

Die Essays im ersten Teil des Bandes verdeutlichen die Besonderheiten von Alain Resnais‘ Ausnahmefilm, jene Eigenschaften, die ihn eben zum Kunstwerk machen, seine Beziehungen zur Literatur, seine zeitliche und räumliche Struktur, die Artifizialität der Einzelbilder, die gegen übliche Regeln verstoßende Montage, seine Rückverweise auf den Barock, die Funktion der Skulpturen. Im zweiten Teil sind dann die Exponate der Bremer Ausstellung abgebildet: Modelle, Schriftdokumente, Standfotos, Plakate aus mehreren Ländern, ältere Fotografien und Bilder, die als Inspirationen für den Film gelten können – etwa von de Chirico, von Magritte, von Delvaux. Sie werden ergänzt durch Fotografien, Bilder, Filmstills und Videoeinstellungen, die nach dem Film, also nach 1961 entstanden sind und ganz offensichtlich einer analogen Ästhetik entsprechen. Hier finden sich sogar Videos und Fotos, die unmittelbar auf „Letztes Jahr in Marienbad“ rekurrieren. Es ergibt sich das Paradox, dass dieser Film seine Folgewirkung eher in den bildenden Künsten als in der Spielfilmgeschichte ausweist. Hier freilich stößt das Medium Buch an seine Grenzen. Die faszinierende Zeitstruktur des Films, die wiederum von der Buchkultur, nämlich vom Nouveau Roman angeregt wurde – Alain Robbe-Grillet, einer seiner bedeutendsten Repräsentanten, hat bekanntlich das Drehbuch geschrieben –, lässt sich nur beschreiben.

Ein Projekt wie dieses kann den Film selbst nicht ersetzen. Aber es kann den Assoziationsraum erweitern, wie es eine literarische Reisereportage von Kisch, Steinbeck oder Koeppen in Bezug auf ein fremdes Land tut. Und es kann bewusst machen, was im Alltag des Hollywoodkinos vergessen wurde: dass ein Film – nun ja – ein Kunstwerk sein kann wie eine Bronze von Giacometti (auch die war in der Ausstellung zu sehen und ist im Buch abgebildet) oder eine Komposition von John Cage. Insofern wünschte man sich mehr Ausstellungen und Bücher dieser Art. Allerdings gibt es nicht viele Filme, die sich dafür eignen. „Letztes Jahr in Marienbad“ ist ein Unikum.

Ausstellungsfilm „Letztes Jahr in Marienbad. Ein Film als Kunstwerk“ (Kunsthalle Bremen, 14.11.2015-13.03.2016)

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erstellt am 29.9.2017

Letztes Jahr in Marienbad
Ein Film als Kunstwerk
Herausgegeben von Christoph Grunenberg und Eva Fischer-Hausdorf
Gebunden, 287 Seiten, 90 farbige u. 132 s/w Abb.
ISBN: 9783868322842
Wienand Verlag, Köln 2015

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