Von Paul Bley bis György Kurtág: Manfred Eicher ist mit seinem Label ECM eine ruhmreiche Institution der Musikproduktion geworden. Er hat nicht nur eine Vielzahl Jazzmusiker entdeckt, etabliert und immer wieder in sein Repertoire eingebunden, sondern auch die Kunstmusik vom Mittelalter bis heute auf überraschend sinnliche und ungewöhnliche Weise neu angeboten. Hans-Klaus Jungheinrich würdigt anhand letzthin erschienener CDs die Arbeit des eigenwilligen Produzenten.

Jazz- und Klassiklabel ECM

Geister der Improvisation

Manfred Eicher, Foto: Marek Vogel/ECM Records
Manfred Eicher, Foto: Marek Vogel/ECM

Markengeschichte als Musikgeschichte: Auch darüber lässt sich en passant sprechen, obwohl die meisten rühmlichen Kapitel der Tonträgerindustrie der Längstvergangenheit angehören: die in den 1970er und 1980er Jahren trumpfenden Gesamtaufnahmen (bis hin zu allen Haydn-Symphonien und –streichquartetten), Gegenstücke zu den schon länger auch als bürgerliches Bildungsmöbel gebräuchlichen literarischen Klassiker-Buchreihen. Oder, mehr en detail, die Rolle des britischen Produzenten Walter Legge und des Philharmonia Orchestra in den Nachkriegsjahren, der Mahler-Boom nach 1960, die als Pioniertat gehandelte Studioeinspielung des Wagner’schen „Ring“ mit John Culshew und Georg Solti – noch heute unüberholt als auditiv imaginiertes „großes Theater“. Mittlerweile sind von den ehemaligen Pracht-Labels – man denke an Sony – nur noch anonyme und ratlos auf (oder besser: neben) dem Markt schwankende Erscheinungen zurückgeblieben; Herstellung und Distribution der immer noch auf ein fast unvermindertes Käuferinteresse stoßenden Klassik-CDs lancieren vielfach die „freien“ Produzenten aus dem Veranstalterbereich, also Rundfunkanstalten, Musikverlage, Orchester, Künstler(agenten) selbst. Mit diesen arbeitet der rührige Initiator des Labels cpo zusammen, Burkhard Schmilgun, dessen Aktivität vielerlei umfasst, aber auch eine durchaus persönlich geprägte (also nicht bloß auf Marktlücken fixierte) Programmatik erkennen lässt – sie scheint Randständiges und Kleinmeisterliches zu favorisieren, ungehobene Schätze von Barock, Vorklassik und gemäßigter Moderne, insgeheim aber auch Kompendiöses wie Gesamtschauen der Orgelwerke Bachs und Regers oder tiefe Einblicke in den Fundus der zu Unrecht im Veranstaltungsbetrieb abgehängten Operette.

Soweit ich sehe, ist neben Schmilgun (wenn es erlaubt ist, eine Firma etwas pauschal mit einer Person zu identifizieren) der einzig in künstlerisch unkorrumpierter Würde amtierende deutsche CD-Heros der Münchner ECM-Chef Manfred Eicher. Seine Editionspraxis orientiert sich etwas enger als die von cpo, was ein geschärftes Markenprofil ergibt. Vor bald 50 Jahren gab Eicher seine Laufbahn als Orchestermusiker (am Kontrabass) auf und gründete eine Schallplattenedition, die seiner Wunschmusik zu weltweiter Verbreitung verhelfen konnte. Am Herzen lagen ihm die Phänomene der „improvisierten“ Musik, die kreativen (also weniger die traditionellen) Aspekte des aktuellen Jazz. Von da kam Eicher als Pfadfinder innovativer Energiequellen schnell zur „klassischen“ Avantgardemusik, aber auch zu Interpreten wie András Schiff oder Gidon Kremer, die älteres Repertoire mit neuem Leben erfüllten. Es gelang Eicher über die Jahre, die ECM-Edition zu einem „Gesamtkunstwerk“ zu gestalten. Die CD-Veröffentlichungen wurden konsequent als ästhetische Objekte gestylt, das Äußere und das „Innere“ präzis aufeinander abgestimmt. Das evozierte eine befestigte Käuferbindung – die Suggestion, keinen Titel dieses Hauses versäumen zu dürfen. Ein Problem dieser auf radikale Subjektivität (wenn auch nicht auf geschmackliche Exklusivität) gegründeten Konzeption ist, dass sie, mit dem Initiator, auf die Lebenszeit eines Menschen und seiner Generation ausgerichtet und der Gefahr des „Alterns“ ausgesetzt ist. Es gilt mithin vorerst der Gratwanderung zwischen dem Sich-Treubleiben und der sich erneuernden Selbsterfindung.

Absolut staunenswert

In den folgenden Zeilen nun skizzenhaft ein paar Bemerkungen zu jüngsten ECM-Titeln, die für den ästhetischen Radius dieses utopisch-realistischen Gesamtkunstwerk-Phantasmas einstehen mögen. Wer das „Requiem“ von Tigran Mansurian in die Hand nimmt (ECM New Series 2508), denkt dabei zugleich an die schöne, hochbedeutende Atlaslast früherer Eicher’scher Entdeckungen spiritueller Trouvaillen aus dem sowjetischen oder postsowjetischen Bereich, etwa an die subtil-katastrophischen, latent geistlich inspirierten Arbeiten des Georgiers Gija Kantcheli. Auch die Totenmesse Mansurians ist kaukasisch-folkloristisch angetönt, aber auch hier ist das volksmusikalische Element eingewoben in ein sublim artifiziell anmutendes Netz historischer und tonsetzerischer Bezüge. Mansurians Einfachheit, vor allem die der Vokalstimmen, erinnert ebenso an Gregorianik wie (im „Domine deus“) an archaische Hirtenrufe. Und der Chor ist vielfach homophon geführt, nicht selten einstimmig. Die Auswahl der heiligen Texte beschränkt sich auf Kernsätze, ohne dass dabei eine besonders eigenwillige „Theologie“ (wie etwa bei Schubert oder Rihm) zum Vorschein käme. Dennoch fällt auf, dass Mansurian das „Sanctus“ mit einer betont „angestrengten“ Intonation aufklingen und das „Hosanna in excelsis“ mit einer unaufgelösten Dissonanz enden lässt. Der exaltierteste Satz ist das „Dies irae“ mit einem provokant „zerhackten“, gleichsam hechelnden und meckernden Chorduktus. Hier bekommt auch der begleitende Streichkörper mit fetzig-grimassierenden Klangfiguren eine ungewöhnliche Fasson. Absolut staunenswert, wie Mansurian einer dermaßen vielkomponierten Textstrecke nochmals eine völlig neue, überraschende Vision hinzufügt. Zu bewundern aber auch die vehemente Wiedergabekunst des Münchner Kammerorchesters und des RIAS-Kammerchors unter der Leitung von Alexander Liebreich.

Eindeutiger in die Kategorie von Meditationsmusik (nicht zu verwechseln mit spekulativ esoterischen Anmutungen) reicht die CD mit früher Sakralmusik von Josquin und Victoria, ausgeführt von den Vokalisten John Potter und Anna Maria Friman in – wenn überhaupt – sparsamer instrumentaler Einkleidung von Viuhelas und Viola da Gamba („Secret History“, ECM New Series 2119). Auch bei seinem langjährigen Engagement für die implizit avantgarde-kritische Musik Arvo Pärts war es Eicher ja darum gegangen, Einfachheit nicht als tonsprachliche Regression zu zeigen, sondern als eine reflektierte Abkehr von „Überfluss“ und „Überkomplexität“, als negative Differenzierung. Einfachheit in diesem Sinne (und auch der emphatische Umgang mit alter Musik) ließe sich demnach als Äquivalent zu der immer noch unabgegoltenen „Entdeckung der Langsamkeit“ deuten. Unsere Moderne und Postmoderne, ein Garten der Wege, die sich verzweigen und von denen manche in verschiedensten Richtungen nach Rom führen (um einen Schönberg-Gedanken zu modifizieren und mit Borges zu verknüpfen).

Interpretation als Abenteuer

Wenn ECM unter dem Motto „Tangere“ ein Bündel von „Clavierstücken“ des Bachsohnes Carl Philipp Emanuel veröffentlicht (ECM New Series 2112), so ist auch das kein Akt beliebiger Repertoirepflege. Vielmehr bewegt sich Eicher hier mitten in der geistigen Sphäre hochgeschätzter „Improvisations“-Kunst. Der jüngere Bach kodifizierte sie vor allem in seinen „Fantasien“, die durchaus noch viel von dem Barockmaterial verwenden, das auch der Vater benutzte, also Seufzer-, Dreiklangs- und Trompetenmotive etc., diese aber nicht mehr in strukturell „gebauten“ Einheiten präsentieren, vielmehr sozusagen im leeren Raum schwingen und schwimmen lassen – ungezwungen und fast ohne „Logik“ finden sie zu ihrer je eigenen, unvoraussehbaren Form, verbleiben manchmal wohl auch im Anschein der Formlosigkeit. Da wird Interpretation zum Abenteuer – wie der auf klanglich variablem Tangentenflügel improvisatorisch beflügelte Alexei Lubimov auf Schritt und Tritt zeigt.

Eines der großen Abenteuer der aktuellen Musikgeschichte bahnte sich an, als Alexander Pereira als designierter Chef der Salzburger Festspiele vor bald einem Jahrzehnt den ungarischen Komponisten György Kurtág mit einem spektakulären Opernauftrag bedachte. Natürlich sollte das projektierte rund dreistündige Werk „Fin de parti“ (nach Beckett) zu Pereiras Salzburger Opernruhm beitragen, aber seine und noch mehrere andere Intendanzen dieses Festivals gingen vorüber, ohne dass es zu der herbeigesehnten Uraufführung kam. Würde Kurtág, das krasse Gegenteil eines „schnellen Brüters“ und heute 91 Jahre alt, die Herkulesarbeit überhaupt noch schaffen? Inzwischen ist Optimismus angesagt; angeblich ist die Oper im Particell bereits fertig – welche Rolle allerdings die klangliche Präzisierung der Partiturherstellung spielen wird, ist bei Musik dieser Art schwer einschätzbar. Immerhin, irgendwie wird irgendwann eine konkrete Gestalt dieser Oper öffentlich hervortreten können. Und ECM wird sie produzieren. Vorerst aber darf man sich profund erfreuen an einer drei CDs enthaltenden Kurtág-Anthologie, die unter dem Understatement-Titel „Complete Works for Ensemble and Choir“ (ECM New Series 2505-07) eine reiche Ernte dieses relativ spät entdeckten ungarischen Komponisten enthält. Auch Landsmann und Kollege Ligeti verwendete sich nach seiner Emigration im Westen für den in Ungarn Gebliebenen nicht. Geboten werden bei ECM nicht nur Chor-Ensemble-Werke, sondern auch reine Instrumentalstücke sowie „Kantaten“ für Solostimmen und Instrumente, darunter die legendären, eine fragmentierte Psychotragödie darstellenden „Botschaften des verstorbenen Fräuleins R.V. Troussova“ mit der atemberaubend virtuos präsenten Sopranistin Natalias Zagorinskaya. Die interpretatorische Gesamtleistung ist ein neuerlicher Triumph des Asko/Schönberg Ensemble und des Netherlands Radio Choir mit dem Dirigenten Reinbert de Leeuw. Kurtágs Musik, so hört man häufig, sei eine originelle Synthese von Bartóks tonsprachlicher Scharfumrissenheit und Weberns aufgeladen aphoristischer Kürze. Man kann sie aber auch unmittelbar und ohne solche Assoziationen wahrnehmen als eine eminente, unverwechselbare Kunst dramatischer Verdichtung.

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erstellt am 26.9.2017

Tigran Mansurian
Requiem
CD
ECM New Series 2508

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John Potter
Secret History
Josquin / Victoria
CD
ECM New Series 2119

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Alexei Lubimov
Tangere
Klavierwerke von Carl Philipp Emanuel Bach
CD
ECM New Series 2112

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György Kurtag
Complete Works for Ensemble and Choir
3 CDs
ECM New Series 2505-07

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