Die politische Korrektheit, die wir beflissen aus den USA importiert haben, schränkt unser Denken und Sprechen auf einen, von jeweils herrschender Moral kontrollierten, also risikoarmen Meinungsaustausch ein, der zur Sinnfreiheit tendiert. Thomas Rothschild macht im Kontrapunkt auf den üblichen Sexismusvorwurf des militanten Feminismus aufmerksam.

Kontrapunkt

Weidel, Sichrovsky und Studierende der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin

Die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel hat sich als homosexuell „geoutet“, wie man heutzutage so schön sagt. Die Meldung erinnert an Peter Sichrovsky, der als Jude Generalsekretär von Jörg Haiders FPÖ war. Das könnte als Normalität durchgehen. Es beweist nicht mehr und nicht weniger als die Tatsache, dass es unter Angehörigen diskriminierter Minderheiten Schwachsinnige gibt, dass auch Homosexuelle und Juden keine besseren oder gar klügeren Menschen sind. Es ändert nichts an der Wahrheit, dass Homophobie und Antisemitismus in unserer Gesellschaft eine verhängnisvolle Rolle spielen. Nur wird deren Bekämpfung nicht dadurch erleichtert, dass man den Schwachsinn Einzelner leugnet, verschweigt oder schönredet.

Das gilt auch für diese militante feministische Idiotie: Studierende der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin haben die Entfernung eines Gedichts von der Außenwand des Gebäudes gefordert, weil es angeblich sexistisch sei. Das spanische Gedicht von Eugen Gomringer lautet in deutscher Übersetzung: “alleen / alleen und blumen // blumen / blumen und frauen // alleen / alleen und frauen // alleen und blumen und frauen und / ein bewunderer”. Die Hochschulleitung hat dem Drängen der Studierenden nachgegeben. Über die Form der Neugestaltung wird diskutiert. Christoph Hein hat den Vorgang so kommentiert: „Wirklich skandalös an diesem barbarischen Schwachsinn eines AStA ist: Die Alice-Salomon-Hochschule Berlin ist eine Fachhochschule mit den Schwerpunkten Erziehung und Bildung, d.h. diese Kulturstürmer werden einst den Nachwuchs ausbilden. Uwe Bettig, der Rektor der Alice-Salomon-Hochschule Berlin, hält das Gedicht und die Anbringung auf der Fassade zwar für ein gelungenes Kunstwerk, will aber ‚die kritischen Stimmen der Studierenden ernst nehmen und diesen Rechnung tragen‘. Herr Bettig hat als Rektor einer Hochschule für Erziehung und Bildung einen gesellschaftlichen Auftrag: Er hat den Studierenden etwas von Erziehung und Bildung zu vermitteln und nicht deren unerzogene Unbildung zu respektieren. Er hat die Erzieher von morgen auszubilden und nicht deren Kultur- und Bildungsferne ernst zu nehmen und gar ihr zu folgen.“

Der Fall ist freilich nicht nur ein Fall von Bilderstürmerei und Kunstfeindlichkeit. Man muss sich schon fragen, was in den vergangenen Jahrzehnten dazu geführt hat, dass Studierende auf ein Gedicht so reagieren und dass eine Hochschulleitung sich von deren Reaktion einschüchtern lässt. Die Studierenden protestieren nicht gegen Professorinnen und Professoren, die ihre Lehrverpflichtungen vernachlässigen und sie damit um die bestmögliche Ausbildung betrügen, sie protestieren nicht gegen den Mangel an Mitbestimmung in den Gremien. Sie protestieren allein und ausschließlich gegen den vermeintlichen Sexismus eines Gedichts, in dem Frauen und ein Bewunderer vorkommen. Wer ein wenig älter ist als die Berliner Studierenden, erinnert sich an die repressive Prüderie, die aggressive Sexualfeindlichkeit der katholischen Kirche, die die gesamte Gesellschaft gelähmt hat. Eine Fraktion der Feministinnen hat diese Tradition übernommen und wirkungsvoller als die Kirche durchgesetzt. Dass es auch eine Gegenfraktion gibt, die das Recht auf weibliche Sexualität betont – etwa im Umkreis von Claudia Gehrkes „Konkursbuch“ –, wird von den Medien weitgehend ignoriert. Alles spricht dafür, Übergriffe sexueller und anderer Art zu verurteilen und zu bekämpfen. Und selbstverständlich muss man verlangen, dass sexuelle Handlungen welcher Art auch immer im wechselseitigen Einverständnis stattfinden, dass aufgedrängte Gewalt – jede, nicht nur sexuelle Gewalt – bestraft wird. Aber wo bereits die Bewunderung von Blumen und Frauen als Sexismus qualifiziert wird, verbannt man nicht nur einen Großteil der Weltliteratur in den Orkus, sondern baut man Menschlichkeit ab. Nicht das „Ladies first“ ist das Problem, sondern dass Frauen einem Rollstuhlfahrer nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit die Tür halten wie es ein Mann (früher) für eine Frau tat. Nicht das Bewundern macht die Welt unfreundlicher, sondern die Rücksichtslosigkeit. Mit Sexismus haben beide nichts zu tun.

Aber die schlichte Denkungsart des Manichäismus hat sich durchgesetzt. Wir werden es wohl hinnehmen müssen, dass die Weidels und Sichrovskys der Frauenbewegung Schlagzeilen machen und Rektoren vor ihnen kuschen. Der Opportunismus siegt fast immer.

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erstellt am 22.9.2017