Als Deutschlanddebut inszeniert der amerikanische Regisseur Ted Huffman Händels Rinaldo in der Dépendance der Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot und beschert dem gebeutelten Publikum einen wunderbaren Musikabend, findet Stefana Sabin.

Oper

Liebe auf der leeren Bühne

Als Georg Friedrich Händel in November 1710 in London ankam, hatte sich der junge Direktor des Queen’s Theatre am Haymarket das Monopol für Opernproduktionen gesichert – und legte Händel schon einen Librettoentwurf vor. Dieser englischsprachige Entwurf, dem Torquato Tassos Epos Gerusalemme liberata als Vorlage diente, bearbeitete der Theaterdichter Giacomo Rossi zu einem italienischen Libretto: es geht darin um den christlichen Ritter Rinaldo, der seine Geliebte, die Tochter des Heerführers, aus den Fängen der Feinde befreien muss, dann in den Kampf zieht und nach dem Sieg die Erfüllung seiner Liebe erfährt. Händel musste schnell arbeiten und tatsächlich wurde schon im Februar 1711 seine Oper Rinaldo uraufgeführt. Es wurde ein Riesenerfolg.

Rinaldo von Händel, Oper Frankfurt. Foto: Barbara Aumüller

Das Publikum genoss die Bühneneffekte – lebende Sperlinge wurden freigelassen, und feuerspeiende Drachen rollten auf die Bühne – mehr als die Kritiker, aber alle waren sich in der Begeisterung für die Ouvertüre und für die Duette einig. Und manche Arien wurden zu regelrechten Hits. So wurde die Sarabanden-Arie Lascia ch’io pianga mia cruda sorte, in der die entführte Geliebte ihr Leid beklagt, zu einem anhaltenden Schlager – und es ist ein musikalischer und szenischer Höhepunkt der Frankfurter Rinaldo-Inszenierung, die die Saison in der Dépendance der Oper im Bockenheimer Depot einleitet. Barfuß und im weißen Kleid auf der leeren dunklen Bühne, ständig bedroht von der schwarzen Gestalt ihres Entführers, entfaltet Karen Vuong als Almirena die einfache Melodie mit äußerster Tonsicherheit zu einem anrührenden Stück von weiblicher Hilfslosigkeit angesichts männlicher Übermacht. Der andere Hit dieser Oper ist die Schlussarie des zweiten Aktes Vo’ far guerra, e vincer voglio, in dem die Zauberin Armida, die Elisabeth Reiter im schwarzen Kleid gibt, zum Kampf und zum Sieg aufruft. Almirena und Armida sind gewissermaßen die Gegenspielerinnen in dieser Oper, die der amerikanische Regisseur Ted Huffman minimalistisch in Schwarz-Weiß inszeniert hat – Schwarz für die böse Zauberin Armida und ihren Geliebten, Weiß für die reine Generalstochter Almirena, ihren Geliebten Rinaldo und seine guten Krieger.

Huffman hat eine Art Horizontverschmelzung zwischen der Zeit der Handlung – ca. 1100 – und der Entstehungszeit der Oper – Ende 1710 bis Anfang 1711 – vollzogen; er hat den ganzen christlichen Ballast abgeworfen, auf jede Politisierung und jede Aktualisierung verzichtet und stattdessen die Handlung in eine undefinierte Zeit verlegt. So konzentriert er sich auf die Liebesgeschichte(n) und nimmt auch die Fantastik des Stücks ernst, wenn er mit Hilfe des Choreographen Adam Weinert Kampfszenen wie in Zeitlupe inszeniert und böse Furien als Begleiter der Zauberin Armida auftreten lässt. Fast die ganze Zeit bleibt der Raum halbdunkel, nur ab und zu leuchtet Rauch oder heller Nebel auf. Annemarie Woods hat zwischen den Pfeilern des Depots eine schräge Bühne bauen lassen, die ohne jedes Dekor auskommt. Und Raphaela Rose hat einfache Kostüme entworfen: Die hellen Uniformen der Kämpfer und das schwarze Gewand des Gegners muten vage barock an, während die beiden Frauenfiguren schlichte, lange Glitzerkleider tragen. Wenn die böse Zauberin ihr schwarzes Kleid durch langsames Abstreichen in ein weißes verwandelt, als sie von der Liebe überwältigt wird, und dann wieder das weiße Kleid zurück in ein schwarzes, als ihr Liebeswerben abgelehnt wird, ist ein einfacher Effekt von großer Wirkung.

Musikalisch ist der Frankfurter Rinaldo großartig. Das Ensemble des Museumsorchesters unter Simone Di Felice gibt der Händelschen Musik eine einzigartige Geschmeidigkeit, und die Sänger, allen voran die beiden Soprane, Vuong und Reiter, aber genauso Brandon Cedel als Argante und Julia Dawson als Goffredo, haben eine große Bühnenpräsenz und entfalten warme stimmliche Klangfarben. Und mit Recht wurde der polnische Countertenor Jakub Józef Orlinski, der nicht nur stimmlich, sondern auch choreographisch bravourös auftritt, mit anhaltendem Applaus belohnt.

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erstellt am 22.9.2017

Rinaldo von Händel. Foto: Barbara Aumüller

Oper

Rinaldo

Von Georg Friedrich Händel 1685-1759
Dramma per musica in drei Akten
Text von Giacomo Rossi, Szenarium von Aaron Hill nach dem Epos La Gerusalemme liberata (1574) von Torquato Tasso

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung Simone Di Felice
Regie Ted Huffman
Bühnenbild Annemarie Woods
Kostüme *Raphaela Rose

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