Zum fünften Mal finden in Münster die Skulptur Projekte statt. Die 1977 gegen alle Widerstände erstmals initiierte Ausstellung dreidimensionaler Werke setzte von Anfang an auf Raumerfahrung und Wahrnehmung der Betrachter und Betrachterinnen. Ursula Grünenwald hat beim Besuch der aktuellen Ausgabe komplexe Handlungs- und Wahrnehmungsgefüge im Zusammenwirken von Körper, Raum und Zeit beobachtet.

Skulptur Projekte Münster

Zeit, Raum, Körper

Zeit, Raum und Körper sind die Koordinaten der Skulptur Projekte 2017, wie dem Statement des Kuratorenteams auf der Website der alle zehn Jahre stattfindenden Ausstellung zu entnehmen ist. So weitgefasst und beinahe selbstverständlich die drei Begriffe für den Bereich der Plastik, Skulptur und Installation zunächst erscheinen, eröffnen sie ein spannungsvolles Feld aktueller Positionen – und gewinnen an zusätzlicher Relevanz, wenn man sie auf die menschliche Existenz bezieht.

Minimalismus, Postminimalismus und sinnlich-haptische Wahrnehmung

Mit Raum, Zeit und Körper werden drei Dimensionen aufgerufen, die die Bildhauer seit dem späten 19. Jahrhundert beschäftigen und im 20. Jahrhundert mit der Minimal Art vermehrt an Bedeutung gewonnen haben. Die Künstler der 1960er Jahre interessierten sich für Phänomene der Wahrnehmung und räumliche Konstellationen, die das Verhältnis von Werk und Betrachter in den Mittelpunkt stellten. Die Vertreter des nachfolgenden Postminimalismus schwächten die Betonung von presence und place des minimalistischen Objekts ab und rückten stattdessen das Prozesshafte des Kunstwerks in den Mittelpunkt. Die 36 Positionen der Skulptur Projekte 2017 knüpften an minimalistische und postminimalistische Ideen an und gehen zugleich darüber hinaus: Sie setzen auf einen haptischen Raumbezug, der alle Sinne der Betrachter anspricht. [1]

Die Plastik der Gegenwart wird nicht mehr nur angesehen und umrundet, sondern auch gefühlt, gerochen und erlebt. Sie ist Teil eines komplexen Handlungs- und Wahrnehmungsgefüges, das sich zwischen Objekt, Betrachter und Umraum entfaltet. Der Ort der Präsentation ist dabei Teil des Werkes, sei es die Eissporthalle bei Pierre Huyghe, die Schrebergartensiedlung bei Jeremy Deller oder das Hafengelände bei Ayşe Erkmen.

Transkulturelle Körpercodes

Die dreisprachige Performance Kabuki Noir, die von einem Team ivorischer und deutscher Tänzerinnen und Tänzern um die Theaterregisseure Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen ausgeführt wird, legt spielerisch und virtuos offen, wie Mode, Bewegung, Mimik und Stimme zusammenwirken, um menschliche Körper als männliche und weibliche zu codieren.

Gintersdorfer/Klaßen, o. T., Foto: Knut Klaßen

Die Tänzer verbinden subkulturelle Elemente aus der Côte d’Ivoire, Japan und Deutschland, wodurch sie mühelos kulturelle Grenzen einebnen und zu einer getanzten Artikulation politischer Kritik gelangen. Historische, globale, ästhetische und politische Bezüge verbinden sich zu einem performativen Arrangement, in das der Betrachter einbezogen ist.
Dieses Zusammenwirken von Körper, Raum und Zeit vollzieht sich, um ein weiteres Beispiel zu nennen, auch bei der Performance Leaking Territories der rumänischen Künstlerin Alexandra Pirici, die den Friedensaal des Historischen Rathauses bespielt.

Alexandra Pirici, Leaking Territories, © Skulptur Projekte 2017, Foto: Henning Rogge

Sich verselbständigender Raum

Während Tänzer und Publikum bei Gintersdorfer/Klaßen ein Kollektiv bilden, setzt Gregor Schneider in einer abgeschlossenen Etage des LWL-Museums für Kunst und Kultur auf Vereinzelung. Durch einen streng kontrollierten Seiteneingang kann immer nur eine Person eintreten, die in eine labyrinthartige Folge von Räumen gelangt.

Gregor Schneider, N. Schmidt, Pferdegasse 19, 48143 Münster, Deutschland, © Skulptur Projekte 2017, Foto: Henning Rogge

Muffige Luft schlägt dem Besucher entgegen; der Parcours führt in diffuses Licht getauchte Räume und Badezimmerinstallationen mit tropfenden Wasserhähnen. Da der Ausgang nicht dort liegt, wo er zu erwarten ist, wird die eigene Raumwahrnehmung in Zweifel gezogen. Das Werk scheint den Betrachter nicht wieder freigeben zu wollen. Während der Raum im Passagenwerk von Walter Benjamin dem durch Eindrücke und Assoziationen berauschten Flaneur launisch zublinzelt und ihm die Frage eingibt, was sich in ihm wohl schon alles zugetragen haben mag [2], möchte man sich das in den beklemmenden Räumen Schneiders lieber nicht vorstellen. Wird der künstlerische Raum hier als unheimliches und vereinnahmendes Gefüge erfahren, stellt dieser sich bei Ayşe Erkmen als freundliche Wohlfühlumgebung dar.

Ayşe Erkmen, On Water, © Skulptur Projekte 2017, Foto: Henning Rogge

Vorgeformte und offene Räume

Auf Erkmens unter der Wasseroberfläche befindlichen Metallsteg können sich die Besucher dem Gefühl hingeben, über Wasser zu gehen. Anders als diese Arbeit, die in einer trendigen postindustriellen Hafenumgebung mit stilvollen Lofts, Cafés und hippen Unternehmen liegt, befindet sich die begehbare Betonplastik von Oscar Tuazon auf einer Industriebrache neben dem viel befahrenen Dortmund-Ems-Kanal. Die längst mit Graffiti besprayte Plastik entfaltet einen offenen Raum, in dem vieles möglich erscheint – zumal der Künstler seine Plastik als Freiluftgrill anbietet.

Oscar Tuazon, Burn the Formwork, © Skulptur Projekte 2017, Foto: Henning Rogge

Posthumanes Ökosystem

Werden die Besucher bei Gintersdorfer/Klaßen angetanzt und angesprochen und zieht Schneider den Betrachter mit Variationen des Unheimlichen in seinen Bann, inszeniert Pierre Huyghe einen Raum, der den Eintretenden zu ignorieren scheint. Der französische Künstler hat in einer stillgelegten Eissporthalle eine wüstenähnliche Landschaft geschaffen, in der die dort angesiedelten Lebewesen und Organismen – Aquariumsfische, Einsiedlerkrebse und menschliche Krebszellen – eine vom Menschen völlig unabhängige Existenz führen. Die einzig sichtbare Dynamik geht von einer Lüftungsklappe im Hallendach aus, die sich in regelmäßigen Abständen öffnet und schließt.

Pierre Huyghe, After Alife Ahead, Skulptur Projekte 2017, Foto: Ola Rindal

Die Zeit scheint stillzustehen, nicht zuletzt auch deshalb, weil die ehemals funktionalen Elemente des Raums unbrauchbar gemacht oder stillgelegt wurden. Man fühlt sich an Land-Art-Projekte der 1970er Jahre erinnert, in denen Flächen durch Schnitte perforiert oder durch Materialanhäufungen bzw. -abtragungen verändert wurden. Huyghe führt den Betrachter in eine Lehmlandschaft, in die die Fragmente des zersägten Betonbodens wie Eisschollen hineinragen. Unterhalb der Lüftungsklappe zeigt sich ein zarter Bewuchs von Grünpflanzen. Die Inszenierung lässt an Robert Smithsons Entropie-Modelle und zugleich an ein experimentelles Ökosystem denken, das die Zeit nach dem Verschwinden der Menschen erprobt. Ironischer, poetischer und beiläufiger kann der Abgesang auf den technischen Fortschritt der westlichen Moderne kaum in Szene gesetzt werden.

Geträumter Raum, verlorene Zeit

Auch die Arbeit von Hreinn Fridfinnsson am Stadtrand von Münster führt ein selbstgenügsames Dasein. In der Konstruktion aus glattpoliertem Stahl in der Größe eines Gartenhauses spiegelt sich das Grün der Umgebung, während in unmittelbarere Nähe die Schnellzüge vorbeifahren.

Hreinn Fridfinnsson, Fourth House of the House Project since 1974, Skulptur Projekte 2017, © Der Künstler, Foto: Ursula Grünenwald

Da die Arbeit zu einer Serie gehört, die Fridfinnsson 1974 begonnen hat, spannt sie einen zeitlichen Bogen zu der Dekade, in der auch die Skulptur Projekte gründen. Während das erste Haus des Künstlers mit seinen tapezierten Außenwänden wie ein geträumter Raum, ein Sehnsuchtsort, inmitten einer kargen Landschaft aufschien, wirkt das Haus von 2017 wie ein aus der Zeit gefallener Prototyp, der in Erinnerung ruft, welche Chancen die Menschen des Industriezeitalters auf ein friedvolles Landleben hatten, jedoch immer wieder verspielt haben.

Die Arbeit ist in dem waldähnlichen Park nicht leicht aufzuspüren, zum Glück zeigen sich die Anwohner überraschend gut über den Standort des Kunstwerks informiert. Es zeigt sich, dass die Skulptur Projekte längst auch an entlegeneren, weniger wohlhabenden Vierteln zu einer Selbstverständlichkeit geworden sind. Auch für dieses Werk gilt, dass der Stadtraum in Münster immer mit ausgestellt und dadurch das besondere Verhältnis von außermusealer Kunst und urbanem Raum erfahrbar wird.

Katalog

Das konzentrierte Format des Katalogs hebt sich irritierend und befreiend zugleich von den Publikationen anderer Großausstellungen ab, etwa vom umfangreichen Schriftenmaterial der documenta 14. Äußerst lesenswert ist in diesem Zusammenhang der Artikel von Gerhard Vinken, der die beiden Großausstellungen vergleicht und analysiert, welch unterschiedliche Funktion der Kunst im Stadtraum von Kassel und Münster zukommt. Die diesjährige Ausweitung der Skulptur Projekte auf die Nachbarstadt Marl eröffnet diesbezüglich ein neues Terrain und verspricht neue Aufmerksamkeit für das Spannungsverhältnis von Plastik, Architektur und urbanem Raum.

Fazit – Vervielfältigte Körper, Räume, Zeiten

Dass in dem Zusammenwirken von Körper, Raum und Zeit stets andere Aspekte in den Mittelpunkt rücken und beliebig viele Spielarten möglich sind, macht den besonderen Reiz der Skulptur Projekte 2017 aus. Das Kollektiv, das über Körpercodes nachdenkt, begegnet dem singulären Subjekt; lokale und globale Raumbezüge formieren sich neben randständigen und imaginären Räumen; historische Geschehnisse treffen auf die Ungleichzeitigkeiten der Gegenwart und eine radikal offene Zukunft. Die Skulptur Projekte 2017 bietet einen großartigen Einblick in die aktuellen Möglichkeiten, die im Bereich Plastik/Skulptur/Installation zur Verfügung stehen, um die brennenden Fragen der Gegenwart zu behandeln.

(1) Zu den einzelnen Positionen vgl. u. a. Kunstforum International, Band 248/2017.

(2) Walter Benjamin, Das Passagenwerk, Gesammelte Schriften, Bd. V/2, hg. v. Rolf Tiedemann, Frankfurt am Main 1991, S. 1009.

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erstellt am 22.9.2017

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