Reform, daran muss erinnert werden, bedeutet, das unförmig Gewordene wieder in die Form zu bringen, die es hatte. Das aber ist offensichtlich nicht gemeint, wenn in der öffentlichen Diskussion von Reform die Rede ist. Was tatsächlich hinter der Reform steckt, schreibt Thomas Rothschild im Kontrapunkt.

Kontrapunkt

Reformer

Als Ludwig XVI. bemerkte, dass es ihm an den Kragen ging, anerkannte er die Nationalversammlung, in der alle Stände vertreten waren. Die Ablösung der absoluten durch die konstitutionelle Monarchie war ein Fortschritt. Aber sie reichte nicht aus. Das Gebot der Stunde war die Republik. Zudem – auch dies eine dringliche Lehre der Geschichte – war die scheinbare Progressivität des Königs pure Heuchelei. Bei erster Gelegenheit wollte er seine unter Druck zustande gekommene Kulanz mit der Hilfe der österreichischen Armee rückgängig machen.

Als Hans Küng bemerkte, dass einige der Positionen der katholischen Kirche selbst bei gläubigen Christen, die das Papsttum nicht grundsätzlich in Frage stellen, nicht mehr haltbar waren, schlug er ein paar Reformen vor. Selbst die genügten, um einen Entzug der Lehrbefugnis loszutreten und Küng als Progressiven innerhalb einer reaktionären Institution erscheinen zu lassen. Aber Küngs Kritik reichte nicht aus und hat den Bestand der Institution nicht angekratzt. Dass Küngs Rebellion eher systemstabilisierend als -gefährdend gewirkt hat, macht Hans Albert in seiner kürzlich erschienenen Streitschrift „Zur Analyse und Kritik der Religionen“ deutlich, die, wenn die Trennung von Kirche und Staat und die Verpflichtung zum wissenschaftlichen Denken im Erziehungssystem ernst genommen würden, ebenso selbstverständlich in die Schulen gehörte wie es der Religionsunterricht immer noch ist.

Als die Sozialdemokratie bemerkte, dass die Verteilungsgerechtigkeit nicht zuletzt in den Jahren, in denen sie an Regierungen beteiligt war, ab- und nicht zugenommen hat, versprachen einzelne Politiker, daran etwas zu ändern. Es blieb bei der Reformrhetorik. Sie konnte nicht Wirklichkeit werden, wo die Eigentumsverhältnisse nicht angetastet werden sollen und die Freie Marktwirtschaft mit allen ihren Konsequenzen als heilige Kuh betrachtet wird. Dem SPD-Politiker Peer Steinbrück lag die Bankenrettung weit mehr am Herzen als die materielle Lage der Hartz IV-Empfänger. Hat der „Hoffnungsträger“ Martin Schulz dies als das soziale Verbrechen seiner Partei bezeichnet, das es, genau besehen, ist?

Reformen reichen nicht aus. Ein halbes Übel ist immer noch ein Übel, und manchmal ist es schlimmer als das ganze, weil es eine Lösung der Probleme vortäuscht und diese gerade dadurch verhindert. Die „Progressiven“ innerhalb von Institutionen sind in Wahrheit deren Bewahrer, weil sie die Illusion erzeugen, deren Beseitigung habe sich erübrigt. „Wir brauchen nicht nur das Stück Brot / Wir brauchen den Brotlaib selbst. / Wir brauchen nicht nur den Arbeitsplatz / Wir brauchen die ganze Fabrik. / Und die Kohle und das Erz und / Die Macht im Staat.“

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 18.9.2017