Der Künstler und Designer Bruno Munari (1907-1998) bewegte er sich in seiner Jugend im Umfeld der Futuristen. 1942 veröffentlichte Munari ein schmales Buch, in dem er Fantasiemaschinen beschreibt und bebildert. Der Diaphanes Verlag hat das Buch jetzt in deutscher Übersetzung zugänglich gemacht. Thomas Rothschild stellt es vor.

Bruno Munari (1907-1998)

Lob des Nutzlosen

Bruno Munari, Foto: Wikimedia
Bruno Munari

Unter anständigen Menschen wie unsereins gilt es als abgemacht, dass alles bedeutsam, tiefsinnig und gesellschaftlich relevant sein müsse. Theater wird gemahnt, wenn es nicht politisch genug ist, Kunst wird mit einem Bannfluch belegt, wenn sie nicht zur Revolution aufruft oder zumindest die Missstände dieser Welt anklagt. Damit sind wir unversehens in die Falle des Verwertungsdenkens geraten, das die Grundlage der kapitalistischen Warengesellschaft bildet. Die Künste dürfen nicht sie selbst sein – L‘art pour l‘art gilt in manchen Kreisen als Schimpfwort –, sondern haben einem Zweck zu dienen, der ihnen äußerlich ist. Im Laufe der Überprüfung, ob ein Kunstwerk funktional und somit als zulässig einzustufen sei, vergessen die oft politisch halb- und künstlerisch ungebildeten Richter zunehmend nach der ästhetischen Qualität zu fragen. Sie wollen nicht wahrhaben, dass es gute und schlechte politische Kunst gibt, wie es gute und schlechte politisch enthaltsame Kunst gibt. Nur darauf aber kommt es an: auf die Qualität. Sie vereint Schwitters und Heartfield, Arp und Grosz.

Dem Standpunkt, der die Künste in den Dienst außerkünstlerischer Aufgaben nehmen möchte, ließe sich, ebenso einseitig, entgegenhalten, dass es gerade die Nutzlosigkeit sei, was Kunst auszeichne. Darin besteht auch ihre Provokation. Dass sie sich der Verwertung entzieht, ist für die Machthaber zumindest ebenso anstößig wie die Benennung von Unrecht oder der Entwurf einer paradiesischen Zukunft.

Der Italiener Bruno Munari (1907-1998) ist ein Virtuose des Unnützen. In seiner Jugend bewegte er sich im Umfeld der Futuristen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verdiente er sein Brot mit Industrie-Design, einer funktionalen Ausrichtung also, aber selbst hier nahm er Anregungen des Futurismus und des Surrealismus auf. Dass es sich bei Munari nicht um einen marginalen Spinner handelt, mag die Tatsache belegen, dass er je zweimal zur Biennale in Venedig und zur documenta eingeladen wurde.

1942 veröffentlichte Munari, der auch Kinderbücher illustriert hat – sie können als ein zugelassener Freiraum für Nonsens und Verspieltheit gelten –, ein schmales großformatiges Buch, in dem er Fantasiemaschinen beschreibt und bebildert. Der Diaphanes Verlag hat dieses Buch jetzt in der vorzüglichen deutschen Übersetzung von Sabine Schulz zugänglich gemacht. Es stellt Munari als frühen Verwandten des 25 Jahre jüngeren Ror Wolf, aber auch der Multitalente der Wiener Gruppe vor. Die Lust am Blödeln, am Unnützen eben, verbindet sich mit einem anachronistischen Gestus. Da gibt es eine Maschine zur Zähmung von Weckern, eine Vorrichtung, um an künstlichen Blumen zu riechen, ein automatisches Kochzeitmessgerät für harte Eier, ein Verfahren zum Schalmeispielen bei Abwesenheit von Zuhause, ein Gerät zur vorzeitigen Inaugenscheinnahme der Morgenröte, eine Schwanzwedelmaschine für faule Hunde, einen Taschentuchwinkapparat bei Abfahrt des Zuges. Die technischen Beschreibungen parodieren Gebrauchsanweisungen, imitieren die Sprache von Instruktionen, die genau das verfehlen, wofür sie geschrieben wurden, nämlich sich verständlich zu machen, und überraschen durch beiläufige, weit hergeholte Einschübe und Anmerkungen.

Die Welt wird dieses Buch nicht verändern. Aber es eignet sich für intelligentes Vergnügen. Und auch zum Verschenken. Nebenbei: wieviel hat „Der stille Don“ verändert oder Picassos „Guernica“? Wenn nicht alles täuscht, kommen sie an ein Treffen zwischen Trump und Putin nicht heran. Das ernüchtert in Bezug auf den Nutzen der Kunst. Dann doch lieber gleich ein Verfahren zum Außer-Gefecht-Setzen von Mücken.

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erstellt am 15.9.2017

Bruno Munari
Munari-Maschinen
Übersetzung: Sabine Schulz
34 Seiten, 32 farbige Abbildungen
ISBN: 9783037349960
Diaphanes, Zürich-Berlin 2017

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