„Es gibt nichts auf der Welt, was so unsichtbar wäre wie Denkmäler“, schrieb einmal Robert Musil. Ob seine These auch auf zeitgenössische Kunst im öffentlichen Raum zutrifft, wollte Eugen El herausfinden. In einer dreiteiligen Serie stellt er jüngst eingeweihte Denkmäler vor. Diesmal hat sich El in Offenbach am Main umgesehen.

Kunst im öffentlichen Raum, Teil 2

Steine mit Symbolik

Im Herzen Offenbachs, am Eingang zum Büsing-Park, fällt eine Skulptur ins Auge. Wie eine monumentale Bücherwand wirkt sie zunächst. In sechs Schichten stehen Dutzende Steine eng beieinander. An den Stirnseiten entdecke ich spiegelverkehrte Notendrucke, ein Porträt, alte Stadtansichten sowie zwei Texttafeln, die Informationen zu Kontext und Entstehung der Skulptur bieten. Das „Relief der Lithografie-Steine“ wurde im Dezember 2010 eingeweiht und ist dem Erfinder der Lithografie, Alois Senefelder (1771-1834), gewidmet. Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte er das Steindruckverfahren. Im Jahr 1800 wurde es erstmals kommerziell angewandt. In der Offenbacher Notendruckerei von Johann Anton André (1775-1842) entstanden die ersten Lithografien von Notenblättern aus Mozarts Nachlass.

Das drei Meter hohe und fast zwei Meter breite „Relief der Lithografie-Steine“ wurde vom Frankfurter Designer Kai Linke entworfen. Seine Skulptur steht an der Stelle der weltweit ersten Lithografiewerkstatt, die Senefelder einrichtete. Das Haus überstand den Zweiten Weltkrieg leicht beschädigt, wurde jedoch in der Nachkriegszeit abgerissen. 1984 wurden dort bei Kanalbauarbeiten etwa 150 Lithografiesteine aus der Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckt. Für seine Skulptur ließ Kai Linke 180 Steine aus Beton produzieren, die formal Lithografiesteinen nachempfunden sind. Die Abbildungen an ihren Stirnseiten zeigen lithografische Motive. Die Notendrucke stammen aus dem Musikverlag André, während das eingangs erwähnte Porträt Alois Senefelder zeigt. Die Stadtansichten lassen sich Offenbach zuordnen.

Die Schichtung der Steine übereinander geht indes auf die charakteristische Archivierung von Lithografiesteinen zurück. Darauf stieß Linke während seiner umfangreichen Recherchen im Haus für Stadtgeschichte und im Offenbacher Stadtarchiv. Zudem verweise das Denkmal auf alle wohlbekannten Archive rund um die Welt, schreibt Kai Linke. Im Zuge der Umsetzung seines Entwurfs musste Linke seine Arbeitsweise als Designer um neue Aspekte erweitern: „Die Größe und das Gewicht waren die größten Neuerungen für mich an dieser Arbeit.“ Beim „Relief der Lithografie-Steine“ stand für ihn „die Kraft der Symbolik“ im Vordergrund.

Doppelhelix-Skulptur am Offenbacher Mainufer, Foto: Eugen El

Teil eines Gesamtkunstwerks: Doppelhelix

Verwegen schwingen sie sich in fünfzehn Meter Höhe empor. Als hätte eine anonyme Wucht die Schienen der alten Offenbacher Hafenbahn gebogen und gen Himmel gehoben. Die im April 2010 eingeweihte Skulptur „Doppelhelix“ des Designers und Künstlers Frank Flaskämper erinnert formal an den menschlichen DNA-Strang. Ein Symbol für den Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft, ist die Skulptur zugleich ein Blickfang am Offenbacher Mainufer. Radfahrer, Inlineskater, Jogger und Fußgänger passieren die Skulptur, ohne von ihr Notiz zu nehmen.

Die Doppelhelix ist kein von der Umgebung isoliertes Kunstwerk. Vielmehr ist sie Teil des „Kulturgleises“, eines noch unvollendeten Projekts, das von der benachbarten Hochschule für Gestaltung (HfG) initiiert wurde. Als vor einigen Jahren die Schienen der alten Hafenbahn abgebaut wurden, erreichten HfG-Studenten den Erhalt eines etwa 300 Meter langen Teilstücks. Am westlichen Ende des Kulturgleises, etwa auf Höhe des Isenburger Schlosses, fungiert ein ehemaliger Güterwaggon als Ort für Konzerte, Jam Sessions, DJ-Sets, Filmabende und Lesungen. Eine weitere Bodenplastik von Frank Flaskämper soll das Projekt bald vervollständigen.

Der Entwurf für die Doppelhelix entstand 2007 als Frank Flaskämpers Diplomprojekt an der HfG. Flaskämper sicherte damals zu, den Entwurf auch umzusetzen. Es dauerte drei Jahre, bis der Diplom-Designer sein Versprechen einhalten konnte. „Frank hat körperlich bis zur Erschöpfung gearbeitet“, erinnert sich HfG-Professor Manfred Stumpf, den ich in seinem Hochschulatelier unweit des Mainufers besuche.

Etwa fünfeinhalb Tonnen schwer ist die Doppelhelix. Sie besteht aus einer Gerüstkonstruktion aus zwei gedrehten Stahlschienen, die mit Holzbohlen verbunden sind. Eine etwa zweieinhalb Meter hohe Rampe aus Stahlbeton sichert die Skulptur, ebenso wie ein golden schimmernder Dorn, der sich mitten durch die Doppelhelix zieht. Man kann Frank Flaskämpers Kunstwerk als eine schon fast hochmütige Geste sehen, als zeitgenössischen Ausdruck für das menschliche Streben nach Fortschritt. Die stolz in die Höhe ragende Doppelhelix und der Waggon am Kulturgleis bilden zwei Pole eines urbanen Gesamtkunstwerks.

Die Texte sind zuerst in der Tageszeitung Offenbach-Post erschienen.

Siehe weiter

Kunst im öffentlichen Raum, Teil 1

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erstellt am 14.9.2017

Relief der Lithografie-Steine im Offenbacher Büsing-Park, Foto: Eugen El

Hintergrund

Offenbach am Main

Spätestens seit dem beachteten wie umstrittenen Auftritt als „Arrival City“ auf der letztjährigen Architekturbiennale in Venedig hat sich das öffentliche Bild Offenbachs gewandelt. Lange galt vor allem die Innenstadt als schmuddelig und unattraktiv. Mittlerweile boomt der Offenbacher Wohnungsmarkt. Nicht wenige Frankfurter ziehen wegen der vergleichsweise niedrigen Wohnungspreise in die östliche Nachbarstadt.

Siehe auch

Gespräch mit dem Künstler Heiner Blum über Offenbachs Wandel