Seit bald dreißig Jahren schreibt der 1960 geborene José Eduardo Agualusa sein Angola – früher eine portugiesische Kolonie, heute Kleptokratie und Erdöl-Dorado, Kulturmetropole und vieles mehr – in die Weltliteratur ein. Jüngst ist sein Roman „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ in deutscher Übersetzung erschienen. Michael Kegler stellt den Autor vor.

José Eduardo Agualusa

Eine angolanische Perspektive

­­Ludovica hatte schon immer eine gewisse Angst vor dem Draußen. Und so kommt es, dass sie sich in den Wirren der angolanischen Unabhängigkeit 1974/75 in ihrer Wohnung einmauert – für fast dreißig Jahre. Erst geht das Telefon kaputt, dann das Radio, schließlich verbrennt sie, um kochen zu können, die Bücher, nimmt Diamanten als Köder, um Tauben zu fangen. Unter Extrembedingungen verschieben sich Paradigmen. Draußen zieht derweil das Leben vorbei, geschehen Gräueltaten, Staatsstreiche, Bürgerkrieg, aber auch Liebe, Solidarität, Glücksfälle, alles. Ludovica befindet sich, ohne es selbst zu ahnen, im Auge dieses historischen, menschlichen Wirbelsturms der angolanischen Hauptstadt Luanda, über die José Eduardo Agualusa schon in seinem 2011 auf Deutsch erschienenen Roman „Barroco Tropical“ schrieb: „Alles, was passieren kann, passiert hier. Was nicht passieren kann, auch.“

Damals war in einer Zeitung zu lesen, der Schauplatz des Romans sei ein fiktives Land, und so ganz von der Hand zu weisen ist dieses journalistische Missverständnis nicht. In Agualusas Schilderung wird Luanda, die angolanische Hauptstadt, zu einem Mikrokosmos der extremen Verhältnisse der Welt. Sich einzumauern – wie die rührend verletzliche Ludovica in „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ (soeben auf Deutsch bei C.H. Beck erschienen) -, wer hätte diesen Impuls des sich Abschotten, des nie wieder etwas hören Wollens nicht auch schon gehabt? Und kommt es uns auf einer anderen Ebene nicht seltsam vertraut vor, wenn Ludovica am Ende des Buches – sie wurde inzwischen nach 30 Jahren Isolation halb verhungert von einem jugendlichen Einbrecher gerettet – die Wand im Flur einreißen lässt und wenige Augenblicke später angesichts der auf sie einstürzenden Ereignisse den Stoßseufzer ausstößt: „Wir hätten die Tür nicht aufmachen sollen“?

Aus Fiktion wird Realität

Seit 1989 schreibt der 1960 in Huambo, im angolanischen Hochland geborene José Eduardo Agualusa sein Angola (die ehemals portugiesische Kolonie, Territorium afrikanischer Weltreiche und Nomadenkulturen, Experimentierfeld der Systemkonfrontation, Schauplatz von Kriegen, heute Kleptokratie und Erdöl-Dorado, Kulturmetropole und vieles mehr) poetisch und dezidiert in die Weltliteratur ein. 1999 erschien er erstmals auf Deutsch mit „Ein Stein unter Wasser“ (übers.: Inés Koebel), in der er ein Motiv des portugiesischen Klassikers Eça de Queiróz (1845-1900) um eine angolanische Perspektive erweitert und damit indirekt zeigt, dass Afrika nicht „anders“ ist, sondern untrennbarer Teil des Ganzen.

Erst 2008 sollte dann der nächste Agualusa auf Deutsch erscheinen: „Das Lachen des Geckos“, kurz zuvor als erstes afrikanisches Buch mit dem Independent Foreign Fiction Prize ausgezeichnet. Auch hier steht im Zentrum Erinnerung – und das Vergessen: Ein Antiquar schreibt gegen Geld Biografien für Leute, die nach dem Ende der marxistischen Ära und ihrem Aufstieg in eine neue Bourgeoisie gern eine andere Vergangenheit vorweisen würden. Manch einer seiner Kunden ist schließlich so überzeugt von den eigenen (fiktiven) Wurzeln, dass sich die eine oder andere Biografie verselbstständigt. Aus der Fiktion wird Realität: Identität.

Realität und Fiktion: Die Realität in Angola (jenem Brennglas der Realität in der Welt) sei teilweise so absurd, dass man sie im Roman als zu dick aufgetragen und komplett ausgedacht empfinden würde, sagt Agualusa gern. Umgekehrt wird in etlichen der inzwischen sehr zahlreichen Rezensionen zu „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ darüber spekuliert, ob die Geschichte wahr sei. Cornelia Zetsche bringt es in ihrer Besprechung für den Bayerischen Rundfunk auf den Punkt: „Reine Fiktion kommt der Wahrheit am nächsten.“

Und doch: Als 2015 Jugendliche in Luanda verhaftet wurden, weil sie gemeinsam heimlich ein Buch über zivilen Widerstand lasen und diskutierten, verklagte man sie nicht nur unter der schweren Anschuldigung, damit einen Staatsstreich zu planen, sondern das Gericht verfügte zur Beweisaufnahme auch eine öffentliche Lesung des inkriminierenden Buches. Nein, so etwas kann man sich nicht ausdenken. Und Agualusa hat bisher auch keinen Roman darüber geschrieben. Wohl aber über den Hungerstreik dieser idealistischen Jugendlichen: A Sociedade dos Sonhadores Involuntários (Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer) spannt wiederum einen poetischen Bogen vom Traum über die Liebe zum Widerstand. Wie „Barroco Tropical“ (Auf Deutsch 2011 erschienen) zwischen den Zeilen auch ein Frontalangriff gegen das zur „Gelenkten Demokratie“ pervertierte System der in Angola Mächtigen, gegen die er selten ein Blatt vor den Mund nimmt.

Nichts hören, nichts sehen

Die Idee zur Figur der Ludovica, die sich einmauert, sei ihm in anderen unruhigen, gefährlichen Zeiten gekommen: Sich einmauern, vergessen, nichts hören, nichts sehen. „In einem Land wie Angola wird ständig darüber diskutiert, ob es besser sei zu vergessen oder zu erinnern“, berichtet Agualusa. Nicht nur in Angola, möchte man als Deutscher hinzufügen. „Was mich angeht“, sagt der Autor, „halte ich es für wichtig, zu reden und sich mit allem Entsetzlichen auseinanderzusetzen, gemeinsam zu weinen. Erinnern.“

Ja, es gibt Leserinnen und Leser, die nur die Geschichte von Ludovica lesen (wollen), die sich aus Angst einmauert. Auch das ist legitim, und man muss nicht alle Details der angolanischen Geschichte kennen, um Agualusa zu lesen. Vielleicht ist dies gerade sein jüngstes Verdienst: Afrikanische Literatur zu schreiben, die nicht augenblicklich als Schilderung der prekären / brutalen Verhältnisse gelesen wird, obwohl sie genau dies unverblümt und geradezu schonungslos leistet. „Es hat mich amüsiert, erinnert, nachdenklich gemacht“, schreibt eine Leserin. Was will man von einem Buch mehr.

Im Juni erhielt José Eduardo Agualusa für „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ gemeinsam mit seinem englischen Übersetzer Daniel Hahn – schon wieder als erster Afrikaner – den International Dublin Literary Award. In seiner Dankesrede betonte er: „Das Thema des Romans ist die Angst vor dem Anderen (…) In den besorgniserregenden Zeiten, die wir gegenwärtig erleben in dieser Welt auf der Suche nach neuem politischen Denken und neuen Idealen, ist die Angst vor dem Anderen eine Art von Pyromanen ausgelöster Flächenbrand, der uns alle zu verschlingen droht.“ Doch: „Das Andere gibt es nicht. Das Andere sind immer wir selbst.“

Agualusas Romane handeln nach wie vor in Angola. Hier ist der Boden, von dem aus er schreibt, auch wenn er schon lange in Portugal, Brasilien oder seit neuestem in Mosambik lebt. Doch zunehmend erklären seine Romane uns europäischen Lesern nicht mehr das Land, aus dem heraus sie entstanden sind, sondern sprechen über dessen Geschichte und die Geschichten in uns selbst. Als Agualusa 2016 Gast der Litprom-Literaturtage war, wurde eine „neue“ Weltliteratur ausgelotet, die den „Globalen Süden“ mit einschließt. Noch immer ist dabei geografische Herkunft, der Sprachraum, das „Fremde“ ein Faktor der Betrachtung aus europäischer Sicht. Eine aufmerksame Lektüre der unterschiedlichsten Rezensionen seines neuen Buchs in traditionellen Medien und im Internet ergibt: Knapp die Hälfte thematisiert noch die Herkunft des Autors. Die anderen rezensieren einfach einen tollen, ergreifenden Roman. Auch das ist Ankommen in der Weltliteratur. Agualusa zeigt: Wir leben alle in einem fiktiven Land, und alles, was passieren kann, passiert hier. Was nicht passieren kann, auch.“

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erstellt am 14.9.2017

José Eduardo Agualusa, Foto: LaraLongle / Wikimedia
José Eduardo Agualusa, Foto: LaraLongle / Wikimedia
Gerade erschienen:

José Eduardo Agualusa
Eine allgemeine Theorie des Vergessens
Roman
Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler
Gebunden, 197 Seiten
ISBN 978-3-406-71340-8
C.H. Beck, München 2017

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Weitere Bücher von José Eduardo Agualusa in deutscher Übersetzung:

Ein Stein unter Wasser (Nação Crioula)
Übers.: Inés Koebel. dtv 1999 – nur noch antiquarisch zu haben

Das Lachen des Geckos
Übers.: Michael Kegler. A1-Verlag, 2008

Die Frauen meines Vaters
Übers.: Michael Kegler. A1-Verlag, 2010

Barroco Tropical
Übers.: Michael Kegler. A1-Verlag, 2011