Kall in der Eifel liegt nicht nur, wie Norbert Scheuers neuer Roman es im Titel verrät, „Am Grund des Universums“, sondern im Zentrum einer imaginär-realen Welt, die Scheuer mit seinen Romanen geschaffen hat: im Urftland. Das Buch hat keine Handlung, die man so einfach nacherzählen könnte. Dafür Spannung, die sich aus dem Personal entwickelt. Martin Lüdke empfiehlt es.

Lüdkes liederliche Liste

Der Nabel der Welt

Ein dolles, ein mutiges, ja ein großes Buch, faszinierend, berührend und packend. Phantasievoll, ohne ins Phantastische abzugleiten. Kühn in der Konstruktion, konsequent in der Ausführung. Mit Menschen, wie etwa der kleinen Nina, die jeden Morgen, in aller Herrgottsfrühe, ihren Bollerwagen mit den neuen Zeitungen durch das gottverlassene Nest karrt. Das Mädchen kann zwar schreiben, aber – so etwas gibt es – nicht lesen. Sie lebt in ihrer Phantasie, mit ihrem Bruder Gregor, der auf einem kleinen Boot auf dem großen, weiten Meer unterwegs ist. Es sind Gestalten, die in Erinnerung bleiben. Auch der aus Afghanistan zurückgekehrte Paul, erst im Rollstuhl, ein armseliger Krüppel, am Ende Biologe an der Kölner Universität. Keine originellen Gestalten, aber meist originäre. Bis auf den Luftschiffer Lünebach, ein begnadeter Spinner, der gleich zu Beginn in höhere Sphären abhebt und fortan als Legende weiterlebt.

Ich wiederhole mich: ein dolles, ein starkes Buch. Von einem unserer besten Autoren.

Natürlich, das ist mir klar, dienen solche Attribute auch dazu, die Schwierigkeiten zu bemänteln, die sich bei der Beschreibung seiner Qualitäten, und zwar unerwartet, einstellen. Denn beim Lesen merkt man nichts davon. Im Gegenteil. Es liest sich gut. Es liest sich leicht. Nur hat es keine Handlung, die man so einfach nacherzählen könnte. Dafür Spannung, die sich aus dem Personal entwickelt.

Deshalb zur Sache:

Die Vergangenheit, so lässt sich bei William Faulkner lernen, ist nicht tot. Sie ist, sagt er, nicht einmal vergangen. Mit anderen Worten: sie ist immer noch offen. Was war, das wird. Davon zehren die „Grauköpfe“, wie Norbert Scheuer sie nennt, die alten Männer, die sich Tag für Tag in der Cafeteria vom Supermarkt treffen und auf eine Zukunft warten, die für sie und auch für den kleinen Ort, in dem sie leben, längst vergangen ist. Immer wieder erzählen sie ihre Geschichten.

„Geschichten, in denen sich selbst das zukünftige Leben in der Vergangenheit abzuspielen scheint. Sie sind mit jedem, der den Supermarkt betritt, über eine oder mehrere Ecken verwandt oder bekannt. (…) Die Alten kennen immer jemanden, der jemanden kennt.“

Und alle, fast alle, kommen sie vorbei, auch der Wirt der gegenüberliegenden Kneipe.

Es hat etwas von einem antiken Chor, wie die „Grauköpfe“ da agieren. Fast immer im Plural auftreten. Die Menschen, die durch den Supermarkt in die Cafeteria kommen, werden begutachtet, sie werden eingeordnet und zuweilen noch abschließend bewertet. Die „Grauköpfe“ sind für den Klatsch zuständig, aber auch für die tatsächlichen Neuigkeiten. Alles Geschehen wird von ihnen kommentiert.

„Wörter bewegen sich wie Staub in Sonnenstrahlen, berühren sich, und es ist, als flüsterten die Stimmen aller Gäste, die jemals in der Kneipe getrunken haben, ununterbrochen durcheinander.“

Die „Grauköpfe“ sind für das Hintergrundgemurmel zuständig. Im Vordergrund vollzieht sich, über die Köpfe der Menschen hinweg, eine Handlung, deren Held der Ort selbst ist.

Ein Kaff, namens Kall, am Nordrand der Eifel gelegen, also dort, wo das Klima besonders rau ist. Amtlichen Angaben zufolge leben hier 11.607 Einwohner. Das heißt: jeder kennt jeden. Wer nicht erkannt wird, der wird folgerichtig zum Fremden. Kall dehnt sich über 66 Quadratkilometer aus und liegt 389 Meter über dem Meeresspiegel. Der Ort wird im Guide Michelin, dem einschlägigen Restaurant-, Hotel- und Reiseführer, nicht einmal erwähnt.

Und doch ist Kall, kaum zu glauben, der Nabel der Welt. Kall in der Eifel liegt eben nicht nur, wie dieser Roman es bereits in seinem Titel verrät, „Am Grund des Universums“, sondern im Zentrum einer imaginär-realen Welt, die Norbert Scheuer mit seinen Romanen geschaffen hat: im Urftland. Klein und oft auch gut versteckt, finden sich die Hinweise auf Städtepartnerschaften zwischen Kall und den berühmten Metropolen der großen Literatur, Jefferson im Yokapatapha County William Faulkners, Prousts Combray und dem Macondo des Garcia Márquez.

Scheuer hat im Laufe der Jahre, also von Buch zu Buch, sein Kall mit seinen Figuren immer weiter bevölkert und zu einer mythischen Literaturlandschaft ausgebaut. Er hat einen Kosmos geschaffen. Seine Leute sind weggefahren und manchmal auch wiedergekommen. Sie sind älter, krank geworden und zum Teil auch gestorben. In der Cafeteria leben sie weiter. Er hat ihre Lebensgeschichten auf- und dann fortgeschrieben, mal diesen, mal jenen ins Zentrum gestellt, und jetzt, seine bislang radikalste Lösung, ein ganzes Kollektiv zum Helden seiner Geschichte gemacht.

Ein Stausee, vor den Toren der Stadt, soll vergrößert werden. Ein Ferienpark wird geplant. Dieses Projekt, das die ganze Region beleben soll, findet nach zögerlichen Anfängen immer breitere Unterstützung. In einem knappen Vorwort, einer Art Motto, dem Roman vorangestellt, erläutert Scheuer den Aufbau eines Staudamms. Meist ist ein trapezförmiger Querschnitt zu finden. Die dem Wasser abgewandte Seite wird Böschung genannt, die Oberseite Dammkrone. Der gesamte Damm ruht auf einer Dammsohle. Die drei Hauptteile, in die sich der Roman gliedert, sind mit diesen Bezeichnungen benannt. Hier durchdringen sich auf diese Weise Geschichte und Naturgeschichte. Die einzelnen, oft sehr kurzen Kapitel beschreiben den Gang der Dinge. Immer wieder, das ganze Buch hindurch, geht es nach drei, vier, fünf Seiten in die Cafeteria zurück. Zu den „Grauköpfen.“ Dem Chor. Die Alten haben jetzt viel zu erzählen. Denn die Ereignisse überschlagen sich regelrecht. Doch auch wenn viel passiert, es geschieht wenig. Kall und seine Bewohner haben am Ende die Katastrophe hinter sich. Der Staudamm ist gebrochen. Die hochfliegenden Pläne sind unter einer Schlammlawine begraben. Kein Fortschritt ist eingezogen. Alles ist beim Alten geblieben. Doch die alten „Grauköpfe“ fahren, von der Versicherung bezahlt, neue Autos. Das Leben geht weiter. Nina, die Zeitungsträgerin, und Paul, der aus Afghanistan zurückkehrte Krüppel, der wieder gesund geworden ist, die beiden sind die einzigen, die noch in der Gegenwart leben. Für sie könnte es – deshalb – eine gemeinsame Zukunft geben.

Es ist eine Dialektik im Stillstand, die sich hier vollzieht.

Dass es immer so weiter geht, das sei, so hat einmal ein Philosoph behauptet, die eigentliche Katastrophe.

Der Luftschiffer Lünebach, der eingangs, wie erwähnt, in fremde Galaxien aufgebrochen war, hat ein Vermächtnis hinterlassen:

Er „reiste durch endlose Nebelschleier fremder, weit entfernter Milchstraßen hin zu verglühenden Planeten und erblickte die Schönheit erlöschender und neu entstehender Welten. Auf einem Zettel stand, er werde eines fernen Tages zurückkehren.“

Scheuers Poesie macht aus dieser Ankündigung eine Prophezeiung.

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erstellt am 14.9.2017

Norbert Scheuer
Am Grund des Universums
Roman
Gebunden, 240 Seiten
ISBN 978-3-406-71179-4
C.H. Beck, München 2017

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