Textland

In einem falschen Augenblick der Geschichte

„Ich bin nur eine wandernde Seele“ – Madeleine Thien erzählt von einem intellektuellen Boxeraufstand zuzeiten der Kulturrevolution. Sie erschafft eine revolutionäre Romanperspektive auf den Umerziehungsterrorismus im Namen von Mao Zedong

1966 fielen der Kulturrevolution fünfhundert Klaviere im Konservatorium von Shanghai zum Opfer. Der als Volkserhebung inszenierte Staatsterror zwang Direktor He Lüting (1903 – 1999) auf die Streckbank. Man unterwarf den „bourgeoisen“ Komponisten öffentlich der Folter, um ihn zur Selbstkritik zu ermutigen. Lüting widerstand. Schließlich wurde er in sein Amt zurückgerufen. Davon erzählt Madeleine Thien auf den Umwegen der Fiktionalisierung. Ein Degradierter spielt nachts Schallplatten ab und summt Fragmente von Liedern, die nur noch mündlich und illegal überliefert werden. Seine Tochter, eine Computerkoryphäe, demonstriert Jahrzehnte später auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens und flüchtet nach dem „Zwischenfall vom 4. Juni (1989)“, so die offizielle Sprachregelung, nach Vancouver. Da begegnet AI-Ming dem Kind Marie. In diesem Verhältnis wird sie zur unterweisenden Person.

Thien lässt eine Reihe Hochbegabter in familienförmigen Kolonnen aufmarschieren. Ihre Erzählerin ist die sino-kanadische Mathematikerin Jiang Li-Ling, genannt Marie. Im Alter von zehn wurde sie von einem Doppelschlag des Schicksals getroffen. Ihr Vater, ein dissidenter Pianist, verließ sie und brachte sich dann um. Nun ist sie dreißig und versteht noch immer nicht, was damals geschah. Ein Reiz des Romans ergibt sich aus dem Abstand der Erzählerin zu den Gegenständen der Erzählung. Marie orientiert sich an Charles Dickens – und Godfrey Harold Hardy. Der Zahlentheoretiker sagte einmal: „Ich habe in meinem Leben nie etwas Nützliches getan.“ Thien zitiert ihn mit der Charakterisierung, die Mathematik sei „das Strengste und Unnahbarste“ im kosmischen Angebot. Hardy sprach so über Schönheit.

Maries anglo-kanadische Prägung imprägniert sie. Das chinesische Kriegs- und Revolutionsgeschehen erscheint im Spiegel der zerbrochenen Biografien ihrer Altvorderen phantasmagorisch. Die Metaphorik krampft. Der „abgeschlagene Kopf eines Soldatenjungen auf dem Stadttor“ wird seltsam zum Sinnbild der Einsamkeit.

Die Schlechten setzen die an Babylon heranreichenden Zivilisationserfahrungen in den chinesischen Apparaten gegen die „Reaktionäre“ in Paarungen von organisatorischer Effizienz und Sadismus barbarisch ein. Die Guten sind mit der Bewahrung geistiger Konterbande beschäftigt. Der Treibstoff aller Traditionen und jedes Fortschritts wird unter dem Schorf der ins erweiterte Jetzt geschlagenen Wunden in Sicherheit gehalten. Partituren und andere Aufzeichnungen bleiben wie Schätze verborgen, während Maos Garden „rechtsabweichende“ Intellektuelle malträtieren. „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ liest sich wie eine Fundamentalkritik an Versuchen, die Kulturrevolution als einen Zukunftsmotor der Vergangenheit ins Museum zu stellen.

Madeleine Thien, Sag nicht, wir hätten gar nichts, Roman, Luchterhand, 653 Seiten

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erstellt am 13.9.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur.