Mit Giuseppe Verdis „Troubadour“ startet die Oper Frankfurt in die neue Saison. Regisseur David Bösch verlegte das Melodram über Grausamkeit und Rache vom 15. Jahrhundert in eine undefinierte moderne Kriegszone. Die geschmeidige Italinità des Dirigenten und die Brillanz der Sänger trösten über die unschlüssige Inszenierung hinweg, meint Stefana Sabin.

Oper

In Turnschuhen sterben

Es ist eine ziemlich blutrünstige Geschichte von Rache und Leidenschaft, die Antonio García Gutiérez in seinem Stück El trovador erzählt. 1836 uraufgeführt, war das Stück ein Riesenerfolg – und schien dazu gemacht, um zum Libretto zu werden! Verdi wandte sich an den ausgewiesenen Librettisten Salvatore Cammarano, der für die Verworrenheit seiner Geschichten ebenso berüchtigt war wie für ihre Schauerromantik berühmt. Cammarano verschränkte die beiden Erzählstränge, die im Stück erst am Ende zusammenkommen, also eine Liebesgeschichte und ein Bruderzwist, und fügte der Handlung eine quasi politische Ebene hinzu, nämlich den Kampf des aragonischen Adel gegen Rebellen. Er baute die Zigeunerexotik effektvoll aus, reduzierte die Schauplätze, vereinfachte die Charaktere.

Die Uraufführung von Verdis Oper Il Trovatore, Der Troubadour, fand in Rom im Januar 1853 statt. Die Handlung dreht sich um die bittere Rivalität zwischen dem Grafen Luna, einem aragonischen Adeligen, und dem Zigeunersohn Manrico, dem Troubadour aus dem Titel, die beide in Leonora, eine Hofdame, verliebt sind. Diese Dreiecksgeschichte wird durch die politische, ja militärische Gegnerschaft der beiden Rivalen verkompliziert und durch die sinistre Geschichte der Zigeunerhexe Azucena, die ihren Sohn getötet und Manrico als eigenen Sohn erzogen hat, eingerahmt. Bis heute ist diese Verdi-Oper, die ziemlich zeitgleich mit Rigoletto und Traviata entstand, eine Problemoper. Zwar gehören einige der Arien zu den ergreifendsten, die Verdi je geschrieben hat (und sie sind regelrechte Schlager geworden!), aber anders als Rigolettos paranoische Vaterliebe und anders auch als Traviatas gutherzige Selbstopferung bietet der tragische Kindsmord der Zigeunerin Azucena, der den Kern der Opernhandlung ausmacht, keine Projektionsfläche für moderne Emotionen.

Il Trovatore, Oper Frankfurt. Foto: Barbara Aumüller

Vielleicht war dem deutschen Regisseur David Bösch, der mit dieser Inszenierung am Royal Opera House Covent Garden in London vor zwei Jahren debütierte, das Problem gegenwärtig, als er beschloss, die Handlung aus dem 15. Jahrhundert in eine moderne Kriegszone zu verlegen und der Männerrivalität eine sozialpolitische Dimension zu verleihen. So zeigt das Bühnenbild von Patrick Bannwart, der schon bei mehreren Inszenierungen mit Bösch gearbeitet hat, eine düstere Kriegslandschaft, in der nur die gelegentlichen Schneeflocken eine gewisse Helligkeit bringen. Zwischen den Schmetterlingen, die auf der Rückwand projiziert werden, und dem Stacheldraht, der die Gefängnislandschaft verdeutlicht, bleibt die Bühne immer karg und kahl. Das Herz aus Stacheldraht, das zum Schluss über die toten Liebenden zu brennen beginnt, ist ein Bild der Verzweiflung zwischen Kitsch, Punk und Grufti. Aber die Anachronismen sind mehr Staffage als Neudeutung und so fehlt dieser Inszenierung die emotionale Stringenz, damit man den Figuren die schrecklichen Leidenschaften, die sie treiben, abnehmen kann.

Mehr Wanderzirkus als Guerilla

So steht Graf Luna, den Brian Mulligan mit volltönender Stimme und großer Bühnenpräsenz spielt, einer Armeeeinheit vor, die immer wieder mit einem Panzer von links auf die Bühne einmarschiert. Und damit man auch weiß, wer diese Panzereinheit kommandiert, ist sein Name darauf gesprayt. Im Militärmantel und mit Dekorationen behangen ist Luna der Machthaber, während Manrico im Tigerhemd und Lederjacke den Rebellen gibt. Wenn er aber im dritten Akt zum Baseballschläger greift, um in den Kampf zu ziehen, würde er eher als Rowdy wirken – nur, dass man dem sardischen Tenor Piero Pretti die Gewaltbereitschaft nicht glaubt. Die Zigeunerrebellen um Manrico, um Lagerfeuer und Wohnwagen versammelt, werden klischeehaft als bunten Haufen vorgeführt: mehr Wanderzirkus als Guerilla.

Im dunklen Kleid und mit wuscheligem Haar ist Azucena eine beeindruckende Zigeunerhexe, die die amerikanische Mezzosopranistin Marianne Cornetti mit stimmlicher Fülle abgibt. Und dass sie, kurzfristig für die erkrankte Tanja Ariane Baumgartner eingewechselt, bei der Generalprobe nicht dabei war, merkte man bei dem wenigen, was die Inszenierung an Personenführung bot, so gar nicht. Die fehlende Personenführung war vor allem in den Leonora-Szenen auffällig, wenn Elza van den Heever, bis 2014 noch Ensemblemitglied und jetzt als Gast in Frankfurt, auf der dunklen Bühne steht und singt – aber sie singt ganz großartig. Sie hat eine warme Klangfarbe, ein inniges, leises und doch immer durchhörbares Piano, technische Brillanz bei den Koloraturen und große schauspielerische Ausstrahlung. Wie sie in Turnschuhen in den Tod schritt, war sie der Star des Premierenabends.

Der andere Star war der Dirigent Jader Bignamini, der das Orchester versiert und engagiert führte. Seine Rhythmik federte und er gab bei den richtigen Stellen im Tempo etwas nach, um dann wieder, vor allem bei den Nachspielen, zu beschleunigen. Bignamini atmete sozusagen mit den Sängern und sorgte so für eine perfekte Balance zwischen Gesang und Orchester. Seine Begeisterung übertrug sich auf die Orchestermusiker, die zusammen mit den Sängern die Premiere doch noch zu einem musikalisch gelungenen Abend machten.

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erstellt am 13.9.2017

Elza van den Heever (Leonora) und Piero Pretti (Manrico), Il Trovatore, Oper Frankfurt. Foto: Barbara Aumüller

Oper

Il Trovatore

Von Giuseppe Verdi
Text von Salvadore Cammarano
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung Jader Bignamini
Regie David Bösch
Bühnenbild Patrick Bannwart
Kostüme Meentje Nielsen

Oper Frankfurt