Mit repräsentativen Großwerken von Cerha, Ligeti, Kurtág und Holliger zeigt das Lucerne Festival nicht nur, dass es finanziell gut ausgestattet ist, sondern auch, dass die Neue Musik dort ernst genommen und optimal aufgeführt wird. Hans-Klaus Jungheinrich beschreibt die glücklichen Zustände und ihre Gefährdung.

Lucerne Festival

Reichtum und Störfeuer

Am Rande des kürzlich veröffentlichten Berichts über den Reichtum in Deutschland war zu erfahren, dass mit wachsender Wohlhäbigkeit auch die Aufgeschlossenheit für neue kulturelle Erfahrungen auffällig zunehme. Mit einem gewissen Bedauern muss man mutmaßen: Die Reichen sind die besseren Kulturmenschen. Wer dächte da nicht an die Schweiz mit ihren unzähligen Museen und bestens dotierten Theatern. Luzern etwa, man möchte die pittoreske Kapitale des Vierwaldstätter Sees kaum schon als Großstadt deklarieren, leistet sich einen unspektakulär hübsch am Limmatufer in die Häuserzeile eingerückten Theaterbau, der im Inneren so klein und eng wirkt, dass man sich in Annaberg-Buchholz oder Neustrelitz fühlen könnte. Aber die vermeintliche Provinzquetsche präsentiert Aufführungen mit Weltniveau, und ihr künstlerischer Leiter Benedikt von Peter, eine Anwerbung aus dem „großen Kanton“ (also Deutschland), ist einer der führenden szenischen Innovatoren und ein geschworener Feind der Guckkastenbühne. In der Schweiz frappiert nicht nur der sich gegenseitig steigernde Konnex zwischen Prosperität und Kunstsinnigkeit, sondern auch beider augenscheinliche Gründung auf ein lebhaft-traditionelles Demokratieverständnis. Das nun erinnert an einen Großschauspieler der Nachkriegsjahrzehnte, an den Rolls-Royce-Fahrer Curd Jürgens, der mit untadeligem Gemeinsinn äußerte, er wünsche sich jedermann im Lande als glücklichen Rolls-Royce-Besitzer. Curd Jürgens, ein demokratischer Pionier. Glatt ein idealtypischer Schweizer Ehrenbürger. Logischerweise spielte er bei den Salzburger Festspielen lange Jahre den Jedermann.

Die English Baroque Soloists und der Monteverdi Choir unter der Leitung von Sir John Eliot Gardiner © Peter Fischli / Lucerne Festival

Mögen sich im deutschsprachigen Ausland die Dürrenmatt- oder Frisch-Leser noch so schadenfroh an diesen Fundamentalkritikern helvetischer Saturiertheit laben: Neid könnte da auch mitspielen. Klar, auch Neid auf die unerreicht schönen und verkehrsgünstig erschlossenen Berg- und Seenlandschaften. Aber wer wollte leugnen, dass außerdem die Schweizer Festspielaktivitäten mächtige Attraktion ausüben! Das Lucerne Festival (früher als „Luzerner Festwochen“ bekannt) tut sich deutlich leichter als die Salzburger Festspiele, als einen wichtigen Pfeiler anspruchsvolle zeitgenössische Musik ins Programm einzuziehen. Dafür ist eigens ein dramaturgischer Spezialist (Mark Sattler) vor Ort tätig. Und es überrascht immer wieder, wie verständnisvoll, ja begeistert hier auch sprödere musikalische Angebote vom Publikum angenommen werden. Natürlich war der Riesensaal des Konzert- und Kunsthauses am Bahnhof bei den drei halbszenischen Monteverdi-Opernaufführungen mit Sir John Eliot Gardiner (mit der musikalisch hochkarätigen Produktion reist Gardiner um die halbe Welt) rappelvoll, bei Friedrich Cerhas abendfüllendem Werk „Spiegel I-VII“ dagegen nur zu gut zwei Dritteln gefüllt. Aber immerhin.

Diese Schweizer Erstaufführung hat es nämlich in sich. Im wesentlichen in den 1960er Jahren komponiert, arbeitet sich das gut 80-minütige Stück fast paradox an zwei Problemen ab. Zum ersten stellt es das Phänomen „Orchester“ aufs leuchtendste und prächtigste heraus – geradezu in der Tradition von Mahler und Strauss, allerdings mit nochmals weiter ausdifferenzierten Klangmitteln. Und das ist die zweite und entscheidendere Besonderheit von Cerhas Kompositionstechnik: Sie sagt dem vor 50 Jahren durchweg verpönten thematisch-motivischen Musikdenken ab und unternimmt den heroischen Versuch, es durch eine Dramaturgie der entfesselten Klangfarben und –formationen zu substituieren. Dabei entwickelt Cerha, als insbesondere der Schönbergschule zugewandter Dirigent ein intimer Kenner moderner Orchestersprache und zudem auch selbst ein „Erfinder“ nie gehörter Instrumentalmischungen und dynamischer Charaktere, eine auf Schritt und Tritt bewundernswerte Klangphantasie. Ein gewaltiger Orchesterapparat (in Luzern fast 150 Spieler) im Zustand äußerster Sich-Verausgabung. Auch das hat mit Reichtum zu tun, sogar einem demonstrativ vorgezeigten.

Mit seinen fast utopischen Anforderungen an die Spiel- und Aufführungspraxis (Cerha dachte zunächst gar nicht an eine klingende Realisierung der monströsen Partitur) appellierte der Autor an jenen „gesellschaftlichen Reichtum“, den uns Achtundsechzigern einst der etwas ältere und klügere Alexander Kluge als den fruchtbaren Boden für Oper und Hochkultur insgesamt namhaft machte. Wir mussten freilich lernen, das gesellschaftlicher und privater Reichtum im neoliberalen Kapitalismus krass auseinanderfallen und somit auch für das Gedeihen der Kultur zu problematischen Kategorien werden. Beim Titel „Spiegel“ dachte Cerha, der als heute Neunzigjähriger keine Scheu mehr hat vor naiven Selbstbekundungen, wohl nicht an orchestral widergespiegelten „gesellschaftlichen Reichtum“, sondern eher an frühe Kriegserlebnisse; es liegt in der Natur enthemmter Orchesterklänge, dass sie, gerade in einem auf „Melodie“ und „Harmonik“ verzichtenden Kontext, zu eruptiven und katastrophischen Darstellungsmöglichkeiten finden, insbesondere im attackierenden vierten der quasi symmetrisch um diesen gruppierten anderen der sieben „Spiegel“, die von unterschiedlicher Länge und Intensität gekennzeichnet sind, bald wolkenhaft-schwebend im vielstimmig geteilten Streicherklang, bald apokalyptisch befeuert mit berstenden Tutti.

Der Dirigent Matthias Pintscher leitet das Orchester der Lucerne Festival Acadermy © Peter Fischli / Lucerne Festival

Allein schon wegen dieser „Spiegel“, ich gebe es gerne zu, hätte ich die Reise nach Luzern gemacht. Obgleich es unter Kennern als Kultstück gilt, wird das Werk nur selten aufgeführt; ich habe es jetzt zum zweiten Mal „live“ erlebt. Die Wiedergabe mit dem aus hochmotivierten und –trainierten jungen Instrumentalisten bestehenden Orchesters der Lucerne Festival Academy war ganz und gar außerordentlich, auch aufgrund der ebenso akribischen wie inspiriert-suggestiven Dirigentenarbeit von Matthias Pintscher. Er trat diesmal nicht als Komponist in Erscheinung, aber nochmals (mit der Academy) als brillanter und eminent genauer dirigentischer Präzeptor zweier teuflisch virtuoser Werke von György Ligeti, dem Klavier- und dem Violinkonzert. In beiden wird das Prinzip der manuellen Artistik so auf die Spitze getrieben, dass es ins Absurde abzukippen scheint – eine „diabolische“ Konsequenz tonsprachlicher Exaltation, die wie die Kehrseite eines nicht mehr möglichen „Durchbruchs zur Transzendenz“ à la Mahler anmutet. David Kadouch (Klavier) und Patricia Kopatschinskaja (Geige) waren die berufenen Vermittler solcher Extremeindrücke.

Erfolg hat in Luzern nicht nur das Spektakuläre, sondern auch Näheerfahrung – mit dem Schweizer Komponisten Heinz Holliger zum Beispiel, der hier sozusagen zu Hause ist und auch in einer Kammerbesetzung der Festival Academy seine neue Lenau-Kantate „Lunea“ vorstellte mit dem Bariton Ivan Ludlow, eine die Fragmentgestalten der Texte subtil auslotende Arbeit, mutig an die Seite gestellt dem „klassisch“-facettenhaften Psychogramm der „Botschaften des gestorbenen Fräuleins R. V. Troussova“ von György Kurtág, vorgetragen von der theatralisch ingeniösen Sopranistin Natalia Zagorinskaya. Nähe vermittelte auch Wolfgang Rihm als Mentor eines Komponistenseminars; leider musste der erst vor kurzem von einer langwierigen Krankheit Genesene Luzern vorzeitig verlassen. Natürlich experimentiert Luzern auch mit wechselnden Spielorten und neuartigen Konzertformaten, etwa einem ganztägigen Konzert-Marathon „unter Gemälden“ im Kunstmuseum, wobei ebenfalls neuere und neueste Musik (von Ravel und Bartók bis zu Poppe und Rihm) erklang.

Komponistenseminar mit Wolfgang Rihm © Patrick Hürlimann / Lucerne Festival

In Kooperation mit dem Lucerne Festival fand schließlich im eingangs erwähnten Theater noch eine denkwürdige Opernpremiere statt: „Le Grand Macabre“ von György Ligeti, seit der Stockholmer Uraufführung 1978 als ein musikalisches Bühnenwerk sui generis berühmt-berüchtigt und nicht selten aufgeführt. Der Luzerner Regisseur Herbert Fritsch setzte auf die drastischen und auch artifiziell ordinären Komponenten des phantastisch-märchenhaften Stückes, das auf weite Strecken als derbe Farce (Orchestertableaus aus Autohupen, Fahrradklingeln und Sirenen) daherkommt, und stellte als Hauptrequisiten grellbunte Särge auf die selbst entworfene Bühne, vergaß aber in allem Wirbel und Trubel auch die leiseren poetischen Elemente nicht, etwa das selbstvergessene lyrische Liebespaar (Magdalena Risberg, Karin Torbjörnsdottir), das den ganzen umständlich hochdramatisch zelebrierten Weltuntergang versäumt und verträumt und eine finale Versöhnlichkeit einleitet, die geradezu an die heiter-weise Weltsicht des Verdi`schen „Falstaff“ anknüpft. Mehr zu diesem als zu einem wirklichen Satan neigt sich auch der in Luzern schreiend rot geschminkte und gewandete „Nekrotzar“ als maitre de plaisir (mit den kleinen Zuschauerraum zum Bersten bringender Stentorstimme: Claudio Orelli). Auch Clemens Heil als Dirigent brauchte sich mit den reichen Kräften des Theaterorchesters nicht um überakustisch gesteigerte Klangwahrnehmung zu sorgen.

Ein Haar dann doch in der scheinbar so sämig reichen Schweizer Kultursuppe: Es geht derzeit landesweit auch hier mal wieder um Sparmaßnahmen und die Streichung von öffentlichen Geldern in unzumutbarem Ausmaß. Alle Schweizer Theater reagierten auf diese Ansinnen mit einer jeweils (etwa) fünfminütigen Pause inmitten jeder beliebigen Aufführung. Diese Pause wirkte im „Grand Macabre“, ohnedies einem Opus der ständigen Störfeuer, wie eigens vom Schockspezialisten Ligeti einkomponiert: Soeben ist eine gewürgte Frau im Begriff, entseelt halb auf den Boden zu sinken; mit noch erhobenen Händen umstehen sie ein paar Männer. Ein Tableau vivant, das den Atem stocken lässt.

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erstellt am 13.9.2017

Konzert und Kunsthaus Luzern, Konzertsaal © KKL Luzern

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Lucerne Festival

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