Als Autor von Kriminalromanen hat sich der Haitianer Gary Victor inzwischen auch im deutschsprachigen Raum einen Namen gemacht. Mehrfach gelangten seine Werke auf die Litprom-Liste „Weltempfänger“. „Sein jüngstes Werk „Suff und Sühne“ belegte auf der Krimibestenliste der ZEIT mehrfach den ersten Platz. In seinen Erzählungen rückt Gary Victor nah an die soziale Wirklichkeit des Karibikstaates heran. Kenntnisreich analysiert der Journalist und Autor die Entwicklungen dieser vielschichtig bedrohten Gesellschaft. Im Gespräch mit Andrea Pollmeier spricht Gary Victor über seine Rolle als Autor und postkoloniale Mechanismen im französischen Sprachraum.

Haïti

Phantasien über Gut und Böse

Gespräch mit Gary Victor

Andrea Pollmeier: In der haitianischen Literatur sind Kriminalromane untypisch. Mit Kommissar Dieuswalwe Azémar haben sie eine Krimi-Figur erschaffen, die international und in Haiti äußerst beliebt geworden ist. Azemar bewegt sich als Polizist im kriminellen Milieu. Aus dieser Perspektive beobachtet er sehr genau die sozialen Verhältnisse des Landes. Was hat sie gereizt, das Krimi-Genre zu nutzen?

Gary Victor: Ein Kriminalroman darf nicht nur aus purer Fiktion bestehen, sondern muss meiner Meinung nach sehr realistisch sein. Er muss die Orte, die er beschreibt, genau ausloten. Für den Krimi „Soro“ (Litradukt 2015) habe ich zum Beispiel die Zeit während und nach dem Erdbeben von 2010 ganz real beschrieben, einige Passagen entsprechen der journalistischen Reportage. Im fiktionalen Text kann man den Figuren jedoch mehr Gefühl geben, es ist darum trotzdem eine ganz andere Arbeit, einen Krimi zu schreiben.

In Ihrem Roman „Suff und Sühne“ erzählen Sie von einem UN-General Racelba, der in seinem Hotel tot aufgefunden wird. Es gab im Januar 2006 in der Realität einen solchen Fall. Ein militärischer Oberbefehlshaber der UN-Stabilisierungstruppe in Haiti, der brasilianische General Urano Teixeira Da Bacellar, wurde in seinem Hotelzimmer in Port-au-Prince erschossen aufgefunden. Da Bacellar hatte sechs Monate zuvor die Leitung der UN-Blauhelme übernommen. Für Vermutungen, es habe sich um einen Selbstmord gehandelt, gab es zunächst keine offizielle Bestätigung, auch ein Unfall oder Mord wurden nicht ausgeschlossen. Da Bacellar – in Ihrem Roman nutzen Sie ein Anagramm des realen Namens – hatte zuvor hart gegen bewaffnete Banden in Port-au-Prince durchgegriffen. Erzählen Sie im Krimi Hintergründe, die im realen Leben nicht offen ausgesprochen werden dürfen?

Wenn man Journalist ist, wird man durch bestimmte Regeln eingeengt. Nur, wenn man über stichhaltige Beweise und eine betonfeste Dokumentation verfügt, kann man als Journalist über ein Geschehen berichten. Die Fiktion erlaubt es hingegen, Wirklichkeit auf eine andere Weise zu erforschen und Dingen auf den Grund zu gehen.
Der Fall DaBacellar war wahrscheinlich kein Selbstmord. Man hat das sehr viel in Haiti diskutiert, aber die Akten wurden geschlossen, der Fall blieb ungeklärt. Um den Roman zu schreiben, habe ich viele Theorien über das, was möglicherweise geschehen ist, analysiert. Natürlich bleibt mein Text am Ende Fiktion. Doch handelt es sich um eine Fiktion, die von der Wirklichkeit abgeleitet ist. Auch die Figur des Pierre Cartier hat es real gegeben. Dahinter verbirgt sich die Geschichte eines Freundes, der gekidnappt und erschossen worden ist.

Das Justizsystem in Haiti ist marode. Ein möglicher Mord wird zum Selbstmord deklariert und die Strafakte geschlossen. Im Roman greift ihr Protagonist Kommissar Dieuswalwe Azémar als Polizist gelegentlich selbst zur Waffe, um den Schwachen zu ihrem Recht zu verhelfen. Ist Selbstjustiz in dieser Lage eine vertretbare Antwort?

Der Inspektor weiß, dass das Justizwesen in Port-au-Prince nicht funktioniert. Es kommt vor, dass ein Polizist einen Banditen inhaftiert, dieser dann jedoch von einem korrumpierten Richter umgehend freigesprochen wird. Der Bandit, ein sogenannter « Malfras », rächt sich und lässt den Polizisten ermorden.
Vor dem Hintergrund dieser Realität entwickle ich Romanfiguren, die inmitten ihres sozialen Umfelds und ihrer realen Probleme ihrer eigenen, ganz persönlichen Logik folgen. Auch Kommissar Azemar sieht sich manchmal gezwungen, Entscheidungen dieser persönlichen Logik gemäß zu treffen. Er ist eine zerrissene Persönlichkeit. Er leidet an Schuldgefühlen, weil er Verbrecher ohne Gerichtsurteil erschossen hat. Er nimmt sich, weil es keine Justiz gibt, ein Recht zum Töten heraus, um die Gesellschaft vor Banditen zu bewahren. Er hat jedoch auch eine religiöse Erziehung genossen und hält deshalb an bestimmten Prinzipien und Werten fest. Er ist zwischen dem Wunsch nach Effizienz und diesen Werten hin – und hergerissen.

Nach dem Tod meines Freundes, der ein sehr bekannter Dichter war und zwei Jahre vor dem Tod des brasilianischen Generals Da Bacellar gekidnappt, gefoltert und getötet worden ist, habe ich mir oft die Frage nach Gut und Böse gestellt. Phantasien dieser Auseinandersetzung spiegeln sich in der Figur des Kommissar Azemar wider.

Sie verweisen auch auf weiter zurückliegende, historische Ereignisse. Ist es in Ihren Augen Aufgabe der Gegenwartsliteratur, an Phasen wie die Duvalier-Diktaturen zu erinnern?

Als Autor kann ich der Zeit des Duvalierismus, die schwarz und hart war, nicht entkommen. Doch sehe ich mich nicht als ein politischer Autor, der sich direkt in politisches Geschehen einmischt. Politisch engagierte Autoren geraten leicht in die Gefahr, einseitig Partei zu ergreifen und intolerant zu werden. Sie werden „politisch korrekt“. Die Hauptaufgabe des Intellektuellen ist es jedoch meiner Meinung nach, die Realität stetig zu hinterfragen und kritisch zu überprüfen. Es geht also um ein kontinuierliches Nachdenken über die Dinge.

Warum halten Sie es aktuell für wichtig, die Erinnerung an die Diktatur wach zu halten?

Seit 20 Jahren haben wir eine linke Regierung. Sie hat zu einem totalen Schachmatt geführt. Bis heute verstehe ich nicht, wieso gerade eine linke Regierung die schlechteste liberale Politik realisiert hat, eine rechte Regierung hätte solche Entscheidungen vermutlich niemals durchsetzen können. Die Diktatur hat früher beispielsweise die nationale Produktion geschützt, die linke Regierung hat nun jedoch schlimmste Verträge mit ausländischen Regierungen unterzeichnet und ermöglicht, dass amerikanische Produkte die nationale Produktion zerstören. Es wirkt, also ob rechte Politiker vom Ausland aus linke Kräfte in den Ländern Lateinamerikas benutzt haben, um ihre neoliberale Wirtschaftspolitik zu legalisieren. Auf diese Weise haben es linke Kräfte möglich gemacht, dass reaktionäre Kräfte zurückkehren.
Als Bürger ist man verloren. Für Wahlentscheidungen findet man keine Anhaltspunkte mehr. Schließlich landet man an dem Punkt, zu glauben, dass es unter der Diktatur besser gewesen sei. Aber es war nicht besser, es war viel schlimmer! Die nachfolgenden Regierungen haben aber für den Bürger eine derartige Verschlechterung herbeigeführt, dass sie bereit sind, sich wem auch immer in die Arme zu werfen. Das ist eine große Gefahr.

Welche Wirkung erzielt ein Autor in einem Land, in dem ein großer Teil der Bevölkerung keinen Zugang zu Büchern hat?

Man kann in Haiti nicht genau wissen, wer die eigenen Bücher kennt. Ein Teil der Bevölkerung liest die Texte, ein anderer Teil hat von ihnen mündlich gehört. Die Geschichten werden vielfach weitererzählt. Mündliche Traditionen sind weiterhin sehr wichtig und am Ende kann man nicht mehr einschätzen, wie stark die eigenen Ideen im Land wirksam geworden sind.
Literatur besitzt in Haiti jedoch seit langem einen hohen Stellenwert. Haiti ist schon früh mit Hilfe der Feder verteidigt worden. In Schulen wird von Anfang an auch haitianische Literatur gelehrt. Texte haitianischer Autoren prägen die Ideenwelt des Landes.

Steigt die Wertschätzung erkennbar, wenn das eigene Werk im Ausland wahrgenommen wird?

Nein, Haiti ist in diesem Punkt ein ganz besonderer Fall. Denn anders als beispielsweise in Martinique oder Guadeloupe haben sich in Haiti oft Autoren einen Namen gemacht, deren Werk ausschließlich in Haiti selbst gelesen worden ist. Die Texte eines haitianischen Autors müssen also nicht im Ausland anerkannt sein, um im eigenen Land wahrgenommen und verkauft zu werden. Meine Bücher waren beispielsweise lange, bevor ich außerhalb Haitis bekannt geworden bin, bereits Bestseller in Haiti. Umgekehrt gibt es Autoren, die man im Ausland anerkennt und die im Inland kaum bekannt sind.

Haben Sie als Autor, der in Haiti lebt, hinreichend Zugang zum französischsprachigen Literaturmarkt oder gehören Sie abseits von Paris eher zu einer abgedrängten „frankophonen Peripherie“?

Die „Frankophonie“ ist vor allem ein politisches Konstrukt und speziell ein Problem der ehemaligen französischen Kolonien. Ein vergleichbares, von einem Zentrum ausgehendes Phänomen gibt es weder im früheren englischsprachigen, noch im spanischsprachigen Kolonialreich. Weder London noch Madrid stehen so stark im Fokus wie Paris, auch in Deutschland gibt es keine Stadt, die eine kulturelle Monopolstellung für sich in Anspruch nimmt. Das Pariser Primat nimmt die Frankophonie gefangen.

Wie kann man dieser Falle entgehen?

Man kann diesem Konflikt nur durch die eigene politische und ökonomische Entwicklung begegnen. In Afrika gibt es Städte wie Dakar und Yaoundé, die neben Montreal in Kanada einen Gegenpol zu Paris bilden könnten, sogar Haiti könnte aufgrund seiner kulturellen Stärke eventuell eine Polstellung einnehmen, bis heute gibt es jedoch nur Paris als einzigen, zentralen Ort.

Das Gespräch führte Andrea Pollmeier

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 10.9.2017

Gary Victor, © Andrea Pollmeier
Gary Victor, © Andrea Pollmeier

Gary Victor, geboren 1958 in Port-au-Prince,studierte Agronomie und arbeitet als Journalist und Autor in Haiti. Er zählt heute zu den populärsten haitianischen Gegenwartsautoren. Außer Romanen, Erzählungen und Theaterstücken schreibt er auch Beiträge für Rundfunk und Fernsehen. Im deutschsprachigen Raum wurde er durch die Krimis Schweinezeiten und Soro bekannt. Er wurde mit mehreren Preisen, darunter dem Prix RFO ausgezeichnet

Gary Victor
Suff und Sühne
Aus dem Französischen von Peter Trier
Softcover, 160 Seiten
ISBN 978-3-940435-20-0
litraduct, Trier 2017

Buch bestellen

Gary Victor
Soro
Ein Voodoo-Krimi
Aus dem Französischen von Peter Trier
Softcover, 143 Seiten
ISBN 9783940435149
litraduct, Trier 2015

Buch bestellen

Gary Victor
Schweinezeiten
Kriminalroman
Aus dem Französischen von Peter Trier
Broschiert, 156 Seiten
ISBN 978-3-293-20728-8
Unionsverlag, Zürich 2016

Buch bestellen