15.09.2017

Internationales Literaturfestival Berlin

Verbrechen ohne Strafe

Afrikawissenschaftler Jürgen Zimmerer und Afrikaexperte Thilo Thielke im Gespräch über koloniale Verbrechen in Namibia

„Dass Trotha die ganze Nation vernichten oder aus dem Land treiben will, darin kann man ihm beistimmen. Der entbrannte Rassenkampf ist nur durch die Vernichtung oder vollständige Knechtung der einen Partei abzuschließen. Die Absicht des Generals von Trotha kann daher gebilligt werden. Er hat nur nicht die Macht, sie durchzuführen.“ Alfred Graf von Schlieffen

Gastgeber Bismarck prägte auf der Berliner Konferenz 1884 das Wort vom „Platz an der Sonne“, den sich Deutschland im kolonialen Wettbewerb mit den europäischen Großmächten und dem Osmanischen Reich sichern müsse. Der deutsche Platz an der Sonne war klein und wurde nicht lange gehalten. Das rechnet man heute zu den entlastenden Momenten deutscher Geschichte. Die Einschätzung ignoriert einen Völkermord und vernachlässigt die Tatsache, dass Deutsche seit dem 15. Jahrhundert an globalen Ausbeutungsfeldzügen beteiligt waren. Der Kolonialismus war ein „europäisches Projekt“ (Joseph Conrad), das die Fugger und Welser genauso vorantrieben wie die Medici und die Kaufleute der Niederländischen Ostindien-Kompanie. Die Trennungen zwischen staatlichen und privaten Unternehmungen waren durchlässig. Kaufleute traten als Statthalter auf und nahmen Regierungsaufgaben wahr. Ein Grundstock der ersten deutschen Kolonie in Afrika war das Lüderitzland (heute Namibia), benannt nach dem Bremer Tabakhändler Adolf Lüderitz. Daran erinnerte der Afrikawissenschaftler Jürgen Zimmerer bei einer Veranstaltung des 17. Internationalen Literaturfestivals. Er sprach mit Thilo Thielke, einem Journalisten, der nun in Tansania „Ostafrikas einzige Bauhaus-Lodge“ am Fuß des Kilimandscharo im ewigen Frühling betreibt. Die deutschen Spuren seien in Tansania sehr viel sichtbarer als etwa in Kenia, erklärte Thielke. Deutlicher sind sie in Namibia. Repräsentanten der Nachkommen eines Genozids an Hereros und Namas klagen gegen die Bundesrepublik. Sie fordern auch Entschädigungen für Enteignungen zugunsten deutscher Siedler in der Zeit von 1885 bis 1915. Nach der Niederschlagung des Herero Aufstandes erklärte Lothar von Trotha das Volk für nicht mehr existent. Folglich konnten Hereros kein Land besitzen. Das wirkt sich bis heute aus.

Zimmerer erläuterte, wie sich das kolonialistische Selbstverständnis im 20. Jahrhundert wandelte. Hitler habe Russland „zu unserem Indien“ und die Wolga „zum deutschen Kongo“ erklärt. Großer Pluspunkt – keine britische Marine könne sich dem Deutschen Reich auf dem Weg nach Russland entgegenstellen.

„Wir müssen nicht übers Meer.“

Nach Afrika musste man übers Meer. Das trieb die Reeder an. Die Woermann-Linie hatte ein Monopol auf deutsche Truppentransporte. So rentierten sich die Freiheitsbestrebungen und Verzweiflungsakte auf einem anderen Kontinent. Bis hin zu den Zuhälterkalkulationen auf der Reeperbahn war die Verschiffung von Soldaten ein Geschäft.

„Die kolonialen Verbrechen vollzogen sich ungeniert vor der Weltöffentlichkeit“, schloss Zimmerer seine erhellenden Ausführungen.

Tom Cooper, Foto: Jamal Tuschick
Tom Cooper, Foto: Jamal Tuschick

15.09.2017

Internationales Literaturfestival Berlin

Blowout

„Das zerstörte Leben des Wes Trench“ – Der Schriftsteller Tom Cooper las auf dem 17. Internationalen Literaturfestival

Katrina machte Wes Trench zum Halbwaisen. Die Mutter rutschte ihm durch die Finger und wurde zum Spielball des Hurrikans. In der Handlungsgegenwart liegt das hausgemachte Unglück, Vater Bob, ein halsstarriger Shrimpsfänger, hatte sämtliche Evakuierungsfristen verstreichen lassen, fünf Jahre zurück. Wes ist siebzehn und sieht sich der nächsten Heimsuchung ausgesetzt. Ein Blowout hat die Bohrplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko abgefackelt. Eine Ölpest bedroht weit und breit alles. Das erzählt Tom Cooper in seinem ersten Roman „Das zerstörte Leben des Wes Trench“. Im Original: „The Marauders“.

Der deutsche Titel verfehlt die Geschichte. Wes wurde in einer Gemeinschaft sozialisiert, die frei von Pathos biblische Gleichungen annimmt. Sie lebt nach der Hemingway’sche Formel „Man kann zwar vernichtet werden, aber man darf nie aufgeben“.

Grandios in den Seilen hängende Typen bevölkern die Barataria Bay. Die von Zypressenwäldern verdunkelte Marsch westlich des Mississippi Deltas entspricht als Landschaft einem Meskalinrausch. In den alten Tagen des französischen Südens war sie ein Rückzugsraum des Piraten Jean Lafitte. Immer noch lädt der Sumpf zu Verbrechen, maßlosen Erwartungen und Autonomiebehauptungen ein.

„Der Sumpf ist ein Romancharakter“, erläuterte Tom Cooper im Rahmen des 17. Internationalen Literaturfestivals. Der Schriftsteller stammt aus Florida und begreift sich als Southerner – als Mann des Südens. Das sei eine stoische Existenzform. Coopers Helden sind auf eine introvertierte Weise eher explosiv. Sie orientieren sich an der Natur und vergleichen sich mit Ratten. Der Autor übertreibt es beinah mit seiner Menagerie und dem Reptilienaufkommen. Alligatoren und Schlangen sind in der fiktiven Bayou Siedlung Jeanette genauso so zuhause wie Tres und der einarmige, zwanghaft witzelnde, seinen Traum tablettensüchtig jagende Schatzsucher und Shrimper Gus Lindquist. Außerdem wirken da noch die traurigen Gestalten Cosgrove und Hanson und die handfesten Zwillinge Toup. Als Marihuanafarmer genießen sie einen tadellosen Ruf. Sie erscheinen der Gemeinde wie Castor und Pollux. Zumal Lindquist, den die Brüder zu Unrecht verdächtigen, sich an ihren Pflanzen vergriffen zu haben, spielen sie übel mit.

Lindquist ist der heimliche Held des Romans. Er ist viel zu großartig für das klägliche Schicksal, das ihm Cooper verpasst hat. Sein Comeback wäre sogar dann realistisch, wenn man ihn von den Toten wiederauferstehen lassen müsste. Wes steigt bei ihm ein.

„Das zerstörte Leben des Wes Trench“ wird verfilmt. Cooper versteht die mediale Verwandlung als eine Möglichkeit, all das auszupacken, was er und sein Bruder dem Text aus dramaturgischen Gründen weggenommen haben, wie zum Beispiel siebzehn weitere Charaktere. Der Bruder habe grundsätzlich die Funktion eines „bullshit detector“.

Cooper bekannte, nicht zu wissen, was er als nächstes schreiben soll. Ich habe sogar schon den Titel für ihn: „Gus Lindquist kommt zurück“.

Tom Cooper, Das zerstörte Leben des Wes Trench, Roman, aus dem Amerikanischen von Peter Torberg, Ullstein, 384 S. Buch bestellen

15.09.2017

Internationales Literaturfestival Berlin

Vom Urknall zur Höhlenmalerei

„sonnenstaub also sind wir – aus stoff der in sternen entstand.“ – Der Mensch kommt aus der Sternenschmiede. Wir sind alle Kinder des Alls.

So steht es geschrieben in Raoul Schrotts Epos „Erste Erde“. Auf dem 17. Internationalen Literaturfestival präsentiert er ein im Geist der Naturwissenschaften und der Sprache sich magisch-sachlich erschöpfendes Weltbegreifen vom Urknall bis zur Höhlenmalerei in aller Ausführlichkeit. Er liest jeden Abend um sechs eine epochale Passage und überlässt das Weitere einem Wissenschaftler. Im ersten Durchgang erklärte der Physiker Josef M. Gaßner die Trinität von Symmetriebruch, Phasenübergang und kosmologischer Inflation. Gaßner lockte das Nichts aus einer Reserve der Quantenfluktuation und zeigte wie es zu Eigenschaften kommen kann. Nun nimmt der Astrophysiker Thomas Bührke in einem Hangar der Berliner Festspiele einen Schluck Wasser und rahmt die Extravaganz mit der Bemerkung: „Auch dieser Wasserstoff kommt aus dem Urknall.“ In der Inflationszeit erreichte das Universum den zehnten Teil seines aktuellen Durchmessers. Die primordiale Nukleosynthese in den ersten drei Minuten nach der Zündung organisierte Wasserstoff, Helium und in geringen Mengen Lithium und Beryllium. Das Universum war höllisch heiß und schwarz, Sterne und Galaxien starteten erst fünfhunderttausend Jahre später ihr Feuerwerk. In den kollabierenden Sternen der ersten Generation bildeten sich weitere Elemente. Daraus sind wir gemacht. Wir sind alle Kinder des Alls.

„mein körper die zwei kilo asche die von mir übrigbleiben: vom kohlenstoff über spuren von blei und gold bis zum radium.“

Der Mensch kommt aus der Sternenschmiede genauso wie der Sauerstoff. Schrott erzählt von George, der seiner schwangeren Freundin die Zeit verkürzt, indem er sich in ihrer Gegenwart an Experimente der Kindheit erinnert, die das Elternhaus in Brand setzten. George poetisiert sein Halbwissen. Er richtet den Blick auf das Sternenentstehungsfeld des Orions. Ihn unterhält ein planetarischer Pirouetten Effekt, der Körper immer schnellere und engere Kreise um einen Stern ziehen lässt.

Foto: Jamal Tuschick
Foto: Jamal Tuschick

08.09.2017

Internationales Literaturfestival Berlin

Kosmologische Inflation

„Wir irren uns empor“ – Beim 17. Internationalen Literaturfestival erklärte der Physiker Joseph M. Gaßner, „wie das Nichts zu Eigenschaften kommt“ im Dialog mit Raoul Schrott, der seine Urknall-Saga „Erste Erde: Epos“ in täglichen Vorträgen dem Publikum zu Gehör bringt.

Wikipedia sagt: „Als kosmologische Inflation wird eine Phase extrem rascher Expansion des Universums bezeichnet, von der man annimmt, dass sie unmittelbar nach dem Urknall stattgefunden hat.“

„Wie lockt man das Nichts aus der Reserve?“

Symmetriebruch, Phasenübergang, Expansion aka Kosmologische Inflation. Der Physiker Joseph Gaßner führt die Quantenfluktuationen des Nichts als primären Zustand ein. Plötzlich kommt es zu einem Symmetriebruch, der das ursprünglichste molekulare Gleichgewicht stört. Etwas entsteht aus Nichts in einem Phasenübergang. So beginnt das Weltspiel in seiner zeitgenössischen Interpretation.

Gaßner erklärt, „wie das Nichts zu Eigenschaften kam“ im Dialog mit Raoul Schrott, der seine Urknall Saga „Erste Erde: Epos“ beim Internationalen Literaturfestival in täglichen Vorträgen dem Publikum komplett zu Gehör bringt. Seine Aussprache ist erdig. Sie gibt den Wörtern Augen, Ohren und Hasenscharten. Man hört sie wimmern, verletzt wie von einem Spatenstich. Schrott erzählt von der Spukhaftigkeit des Humanen im Universum. Er vergleicht Planeten mit Zeug und Zwiebeln. Die Sachen fliegen bei einer Expedition im australischen Busch von der Ladefläche.

„Alles wird einmal gewesen sein.“

Schrott verfügt über sagenhafte Mittel der Fesselung. Es stellt sich die Frage, wieviel Karl May in diesem Richard Dawkins der Literatur steckt. Gaßner äußert sich im Stil von Douglas Adams‘ „Per Anhalter durch die Galaxis“. Seit Jahrzehnten transportieren Mathematiker und Physiker Wissensbruchstücke von der Erkenntnisfront in die Laiensphäre auf Schienen der Regression. Das sorgt dafür, dass in jedem Auditorium drei Fragen gestellt werden. 1. Wo ist Gott? 2. Könnte es nicht doch ein ursprüngliches Etwas im Nichts gegeben haben? 3. Könnte es nicht auch ganz anders (gewesen) sein?

Gaßner reagiert vorhersehbar. Er lobt jeden, der nicht an sich halten kann, in Grund und Boden. Vermutlich ist Intelligenz das schärfste Mittel der Segregation. Sie fördert eine Ungleichheit, die sich nicht politisch korrigieren lässt. Wirkt sich eine ungleiche Verteilung so drastisch aus, dass sie jeder sehen kann, wird sie allgemein als Angriff bewertet. Dem Stereotyp enteilt der Referent in die Vermeidung.

Raoul Schrott, Erste Erde Epos, Hanser Verlag, 848 Seiten Buch bestellen

Elif Shafak, Foto: Tuschick
Elif Shafak, Foto: Tuschick

07.09.2017

Internationales Literaturfestival

Eine Löwin in Berlin

Elif Shafak eröffnete das 17. Internationale Literaturfestival in Berlin

„Ich komme aus einem Land, in dem Worte schwer wiegen. Jeder Kommentar in den sozialen Medien kann dich in Schwierigkeiten bringen.“ – Elif Shafak hielt die Rede zum Auftakt des 17. Internationalen Literaturfestivals im Haus der Berliner Festspiele. Sie stellte fest: „Als türkische Schriftstellerin kann man es sich überhaupt nicht leisten, nicht politisch zu sein.“

Shafak brach das Gesetz des Schweigens, indem sie sich zum Völkermord an den Armeniern äußerte. Eine Anklage wegen Beleidigung der Republik nach Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuchs wurde fallengelassen. Türkische Nationalisten werfen ihr kulturellen Verrat vor, weil sie auf Englisch schreibt. Shafak ist trotzdem die meistgelesene Autorin in der Türkei. Den Zuspruch versteht man richtig als Hinweis auf eine gesellschaftliche Spaltung. Im Haus der Berliner Festspiele flogen Shafak die Herzen zu. In ihrer Auftaktrede beschrieb sie den zynischen Umgang politischer Rückwärtsgeher mit demokratischen Spielregeln. Sie erinnerte an das Credo der Lupenreinen: „Wir benutzen die Demokratie wie eine Straßenbahn. Wenn wir angekommen sind, steigen wir aus.“

„Autoritäre Gesellschaften sind sexistisch.“

Shafak analysierte eine Türkei, die nicht mehr laizistisch ist. Sie schilderte Paradoxien einer konservativen Revolution. Die Gesellschaft verweigert ihre Emanzipation zugunsten eines religiösen Cocooning – als Reaktion auf Schock und Scham in Konfrontationen mit mehr als einer Moderne seit den letzten osmanischen Zuckungen. Die Türkei startet nun hinter den Markierungen von Atatürk.

Shafak warnte: „Wer die Türkei isoliert, spielt den Nationalisten in die Hände.“

„Die Überflüssigkeit der Demokratie in der islamischen Welt“ ist zu einer intellektuellen Flaniermeile geworden. Zu Wildreisrisotto und Kaviar sehnt sich die Creme nach einer „fürsorglichen Diktatur“. „Demokratie ist reine Zeit- und Geldverschwendung”, heißt es in Shafaks letztem Roman „Der Geruch des Paradieses“.

Die Festrednerin skizzierte ihre Biografie als eine Nomadenexistenz in Straßburg, Ankara, Istanbul, Phoenix und London. Sie habe mehr als einen Herkunfts- und Ursprungstext. Sei wie das Wasser, sagte sie mit Bruce Lee. Mit Antonio Gramsci bot sie dem Auditorium einen Trost für den Totalverlust der westlichen Fortschrittsgläubigkeit: „Er glaubte an all den Pessimismus des Verstandes und an all den Optimismus des Willens.“

Shafak schloss mit der Gleichung: „Totalitären Staaten Unterworfene sind in ihrer Mehrzahl unglücklich.“ Individuelles Unglück führe zu staatlicher Instabilität.

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erstellt am 10.9.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur.

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