Textland

Gute Deutsche

Bernd Ulrich präsentierte seinen „Weckruf“ „Guten Morgen, Abendland“ im Gespräch mit Wolfgang Schäuble in der Berliner Akademie der Wissenschaften

Jedes Volk ermächtigt sich in einer Geschichte, die das Göttliche mit der Geografie verbindet. Besonders blumig erscheint die Selbstvergewisserung, wenn sie von einer beseelten Natur ausgeht und in einer Schlange oder Löwin die Geburtshelferin der Nation erkennt. Fragt man die Leute, dann ist der deutsche Haupttext ein Heldenepos voller Nebel, Tarnkappen und Gemeinheiten. ZEIT-Redakteur Bernd Ulrich sieht das anders. In seinem „Weckruf“ „Guten Morgen, Abendland“ behauptet Ulrich, die Helden der Nibelungen seien ausgemustert worden. Stattdessen ginge es in der neuen Großerzählung um Schuld und Sühne als etwas immer weiter Wirkendem.

Der Autor sprach über „die Integration der Schuld in die Nationalgeschichte“ und den Ausbruch der Marginalisierten „aus ihren Demutsgefängnissen als einer Nebenfolge der Globalisierung“ mit Wolfgang Schäuble in der Berliner Akademie der Wissenschaften. Schäuble nannte Ulrichs Deutungsversuche indirekt die Dramatisierung eines historischen Wimpernschlags. Was sind schon siebzig Jahre Nachkriegsgeschichte vor dem Hintergrund eines Reichsgeschehens, das mit Childerich blutig anfängt. Behutsam warf Schäuble dem Journalisten Alarmismus vor. Zugleich freute er sich über die im Ruf laut werdende Heimatliebe.

Ulrich stapelt starke Behauptungen auf manchmal sehr treffende Beobachtungen, gelungene Simplifikationen und die Wiedergabe von Einsichten, die auf Sportplätzen, in Gaststätten und im Internet billig gewonnen wurden. Ulrich schreibt: „Mit der merkelschen Entscheidung … kamen eine Million arabisch geprägte, also mutmaßlich „schwierige“ Muslime ins Land“. Der Autor verfolgt die Entwicklung der Schwierigen auf Facebook: „Ob diese jungen Männer zu „guten Deutschen“ werden oder auf einen islamischen Abweg geraten, hängt … auch von der politischen Kultur (ab), mit der sie konfrontiert sind.“

Ulrich schildert eine „aus den Fugen“ geratene Welt. Schäuble hielt dagegen, dass die Welt für jede Generation aus dem Gleisbett springt. „Gehen Sie nur einmal hundert Jahre zurück. Da hatten wir den Ersten Weltkrieg.“

Die Gesprächspartner waren sich unheimlich nah, der Stuhlkreis-Liberale Ulrich und ein Schäuble im Schafspelz. Schließlich ging es um nichts. Der Politiker bezeichnete das Flüchtlingsmenetekel als „Rendezvous mit der Geschichte“, die nun denen Beine macht, die bisher keinen Grund zum Laufen sahen. Er erwähnte „die Doppelgesichtigkeit des Menschen“ und gab sich halb als Geschichtsfatalist, angeblich kleingehalten von einem Mandat, mit dem man von der Geschichte gar keine Aufträge annehmen kann.

Bernd Ulrich, „Guten Morgen, Abendland – Der Westen am Beginn einer neuen Epoche – Ein Weckruf“, Kiepenheuer & Witsch, 296 Seiten

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erstellt am 07.9.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur.