Neun hohe Cs in einer Arie. Für den amerikanischen Tenor Lawrence Brownlee keine Sache. Er hätte noch zehn mehr davon geschafft. Seine Kunstfertigkeit bewies Brownlee beim Liederabend in der Oper Frankfurt, als eigentlich schon alles vorbei war. Allein wegen der Zugaben hat sich der Abend gelohnt, meint Andrea Richter.

Liederabend in Frankfurt

Entertainer mit hohem C

Der „tenore di grazie“ ist eines der Stimmfächer der Stimmlage Tenor. Beweglich, schlank, leicht, koloraturfähig und hell sind die darauf zutreffenden Adjektive. Wenn er dann noch kräftig ist, hat der singende Kandidat das goldene Engagement-Los gezogen. Denn solche Leute gibt es selten. Besondere Bedeutung haben sie für die Opern des Belcanto, insbesondere Rossini und Donizetti. Da es wie gesagt Wenige gibt, die diese Partien wirklich singen können, zumal die Frauenrollen nicht weniger anspruchsvoll sind, werden Werke wie „Il barbiere di Seviglia“, „La fille du régiment“ oder „L`élisir d´amore“ u.a. seltener aufgeführt, als das Publikum sie wohl gern hören würde. Brownlee gilt derzeit neben Juan Diego Flórez und Javier Camarena als einer derjenigen, die es meisterhaft können.

Zur Musik kam er als Kind durch den Gospelchor seiner Heimatgemeinde, den sein Vater leitete und in dem seine Mutter sang, später als Mitglied des Chores seiner Highschool, wo er mit seiner ungewöhnlich hellen Stimme auffiel, Unterricht erhielt und ermutigt wurde, an Wettbewerben teilzunehmen. Seine ersten Auftritte hatte er mit Popsongs, sein erstes klassisches Engagement nach dem Studium 2002 als Almaviva im Barbier, mit dem er auch 2007 an der Metropolitan Opera New York debütierte. Sein künstlerisches Vorbild: Luciano Pavarotti. Von da an ging es steil bergauf. Erst in den USA, dann auch in Europa. Früher undenkbar: ein Dunkelhäutiger als Liebhaber oder Ehemann (denn diese Rollen fallen Tenören, insbesondere denen „di grazie“, meistens zu) einer weißen Frau auf der Bühne. In Europa sowieso, aber auch in den USA dauerte es bis 1955, bis die Met mit George Shirley eine Tenor-Titelrolle mit einem Nicht-Weißen besetzte. In Europa noch viel länger. Umgekehrt war das schon früher möglich. Man denke nur an Grace Bumbry, Jessey Norman oder Leontyne Price, die sich sozusagen als farbige, weibliche Vorhut in die umjubelte Oberliga der großen europäischen Opern- und Konzertbühnen sangen. Erst jetzt scheint sich das Blatt langsam zu wenden. In diesem Jahr machte Mozarts „La clemenza di Tito“ in Salzburg in der Regie von Peter Sellars und unter dem absolut herausragenden Dirigat von Teodor Currentzis unter anderem deshalb Furore, weil die Partien sehr bewusst hälftig mit farbigen und weißen, allesamt hervorragenden Sängern besetzt waren. Ein durchaus politisches Statement, unterfüttert von höchster musikalischer Perfektion und Emotion. Auch dort ein junger afroamerikanischer Tenor: Russel Thomas in Rolle des Titus. Dennoch: in einem kürzlich erschienenen Fotobuch über die weltbesten Tenöre findet sich nur ein Schwarzer: Lawrence Brownlee. Ein ziemlich unbegreifliches Phänomen. Denn aus dem großen Reservoir der zum Teil hochvirtuosen Gospelchöre sei es in Amerika oder Südafrika müssten sich viel mehr Talente finden lassen.

Im Frankfurter Konzert, sein erster Auftritt in der Mainmetropole, zeigte Brownlee zunächst sein unbekannteres Gesicht. Das des Liedsängers mit einem ungewöhnlichen Programm. Mit den von Giuseppe Verdi im Alter von 33 Jahren 1845 komponierten und selten zu hörenden „Sei romanze“ bewegte er sich noch in der Nähe von Opernarien. Vier der sechs Romanzen präsentierte er. Jedes Wort zu verstehen, richtig italienisch inklusive rollendem Rrrr. Leider zeigte sich bereits beim zweiten Lied, „Lo spazzacamino“ („Der Schornsteinfeger“), dass die Leichtigkeit und Beweglichkeit der Stimme des Sängers von einem mit den Fingern an den Tasten klebenden Pianisten, Henning Ruhe, konterkariert wurde. Seine Unfähigkeit zur nuancierten Interpretation (möglicherweise hat er weder die italienischen noch die darauf folgenden französischen Texte verstanden) wurde in den darauffolgenden fünf Liedern besonders deutlich.

Frankfurter Liederabend mit Lawrence Brownlee, Foto: Barbara Aumüller

Ihr Komponist Francis Poulenc (1899-1963) war Mitglied der Gruppe “Les six”, einem losen Zusammenschluss von Künstlern (u.a. Arthur Honegger und Darius Milhaud), die sich von der romantischen Musik (insbesondere Richard Wagners) und vom Impressionismus eines Claude Debussy ab- und der zeitgenössischen Unterhaltungsmusik wie Jazz oder Varietémusik zuwendeten. Poulencs Werke (170 Lieder) stehen ganz in der französischen Musiktradition und werden dem Neoklassizismus zugeordnet. Die Folge: sie sollten auch in diesem Geist präsentiert werden. Will heißen mit französischer Leichtigkeit, Witz und Ironie, den Texten und den Kompositionen entsprechend. Das ging in diesem Fall für die ersten zwei Lieder „Montparnasse“ und „Voyage à Paris“ ziemlich schief. Ohne Charme. Bei „Reine des mouettes“ (Königin der Möwen) gelang es Brownlee sich vom Pianisten zu emanzipieren. Charmant!

Die letzte Liedgruppe vor der Pause gehörte fünf Liedern von Joseph Marx (1882-1964). Die Werke des Österreichers, der so ganz anders als Poulenc Komponisten wie Max Reger, Alexader Skrijabin und Claude Debussy verehrte, ruhten nach seinem Tod für Jahrzehnte im Archiv. Ihn traf er Vorwurf, sich von den Nazis nicht ausreichend distanziert zu haben (ähnlich wie Richard Strauss). Tatsächlich war er mit jüdischen Komponisten wie Erich W. Korngold eng befreundet. Seine 150 Lieder entstanden im Wesentlichen vor 1912, müssen also dem Frühwerk zugeordnet werden, und stehen in der Tradition von Hugo Wolf. Es lässt sich beim Zuhören leicht die musikalische Linie zu den Liedern von Strauss weiterziehen. Die Lieder zogen schnell in die Programme von Künstlern in ganz Europa und in den USA ein und wurden ausgesprochen populär. Sehr melodiös und von hohen technischen Anforderungen an die Singstimme geprägt, werden sie von üppigem Klavierspiel begleitet. Eine Gelegenheit, die Pianist Ruhe gnadenlos für sich nutzte. Eine Herausforderung für Brownlee, zumal die Leuchtkraft seiner Stimme in der Höhe in der Mittellage etwas verlor. Außerdem scheint er mit dem Wesen der Interpretation des deutschen Kunstliedes noch nicht vollständig vertraut zu sein. Auf alle Fälle muss ihm hoch angerechnet werden, diese selten zu hörenden Lieder auf die Bühne gebracht zu haben, unter anderem das wohl berühmteste „Hat dich die Liebe berührt“.

Alberto Ginastera (1916-1983) war der Komponist der „Cinco canziones populares argentinas”. In diesen fünf mit den Kompositionsmitteln des 20. Jahrhunderts bearbeiteten Volksliedern, die wohl bekanntesten Kompositionen des Argentiniers, wird die gesamte Spannbreite von Emotionen ausgelotet. Mal überschäumend fröhlich (Chacarera und Gato), dann tieftraurig (Triste)oder zärtlich beruhigend (Arrorró). Brownlee nahm den Zuhörer auf eine echte lateinamerikanische Gefühlsreise mit. Großartig!

Dann Landung in Nordamerika. Erst auf dem musikalischen Terrain des 1960 in Syracuse, New York, geborenen Ben Moore. Melodien nach der ersten Strophe zum Mitsingen, auch wenn man sie vorher nicht kannte. Eingängig, süffig, musicalhaft, zu Texten der beiden Iren James Joyce und William Butler Yeats. Hier merkte man bereits, dass Brownlee sich nicht auf die sogenannte ernste Musik festlegen lassen will, sich als Entertainer seines Publikums versteht, egal was er singt. Herrlich schließlich die von Brownlees Freund Damian Speed (geboren 1979) arrangierte „Collection of negro spirituals“. Ein back to the roots für den Sänger und gläubigen Christen. Er spielte genüsslich die Spielarten des Genres aus. In „All night, all day“ arbeitete er buchstäblich mit all seinen Registern, von tiefsten Tiefen in höchste Höhen. Berührend, bewundernswert und gekonnt.

Zurück nach Europa. Zurück zu Donizetti. Hin zu den neun hohen Cs. „Ah mes amis“. Oh ja, Larry Brownlee, wir sind gern deine Freunde, wenn sich dein Gesang in den tenoralen Himmel erhebt. Weich, fast samtig, leicht und klar. Mit wunderbarer Melodieführung, Schwung und ein bisschen verschmitzt, weil er genau weiß, was das Publikum hören will. Brownlee, der Entertainer. Zweite Zugabe: „Una furtiva lagrima“. Wer da nicht seufzte, hatte keine Ohren. „Piu non chiedo“, heißt es in der Arie, und in der Tat, mehr kann man schlechterdings nicht erwarten. Konnte man dennoch, denn mit „La danza“, der neapolitanischen Tarantella Rossinis, setzte er den fulminanten Schlusspunkt. Nur Eines: Brownlee sollte sich für seine Konzerte einen anderen Pianisten suchen. Im kommenden Frühjahr wird er übrigens den italienischen Sänger im Rosenkavalier von Strauss in München singen. Mit Orchester!

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erstellt am 07.9.2017

Frankfurter Liederabend mit Lawrence Brownlee, Foto: Barbara Aumüller