Thomas Rothschild beklagt das Nebeneinander von sinnlosem Reichtum und entwürdigender Armut in Deutschland.

Kontrapunkt

Die Gleichheit ist vergessen

Im Fernsehen läuft der Film „A40 – Eine Autobahn trennt arm und reich“ von Mark Rösseler. Er erzählt von der Grenze, die quer durchs Ruhrgebiet läuft. Von den Kindern, die nördlich der A40 aufwachsen, haben gerade 15 Prozent die Chance, nach der Grundschule das Gymnasium zu besuchen. Von den Kindern südlich der Autobahn sind es 85 Prozent. Im Norden Essens leben bis zu 40 Prozent Hartz IV-Empfänger. Eine Gymnasiastin aus dem Süden der Stadt berichtet, dass sie keine Mitschüler kenne, deren Eltern Hartz IV-Empfänger seien – und wenn sie es doch wären, würden sie es nicht zugeben.

Kampen, das Ghetto auf der Insel Sylt, wirkt wie ausgestorben. Die Superreichen verschanzen sich hinter dichten Hecken in ihren Luxushäusern. Drei Kilometer entfernt, in Wenningstedt, durchsucht eine Miststierlerin abends die Abfallbehälter nach Plastikflaschen, um sich mit dem Pfand ihr Abendbrot kaufen zu können. Hier die Spitzen der Gesellschaft, die um ein Vielfaches mehr haben, als sie benötigen, deren Kinder niemals werden arbeiten müssen, weil sie von ihrem Erbe im Überfluss leben können, dort die Leidtragenden einer ungerechten Verteilung. Alle reden von Freiheit. Die andere Forderung der Französischen Revolution, die unsere Demokratie erst ermöglicht hat, die Gleichheit ist längst vergessen.

Wie halten wir das eigentlich aus? Was für ein Menschenbild leitet eine Gesellschaft, die dieses Nebeneinander von sinnlosem Reichtum und entwürdigender Armut duldet? Hier ist nur von Deutschland die Rede, einem der reichsten und angeblich demokratischsten Länder der Welt. Global multipliziert sich die tägliche Schande der Ungleichheit ins Unermessliche.

Und da soll es sich erübrigen, über eine bessere Gesellschaft nachzudenken? Etwas dafür zu tun? Und zwar nicht nur vor Wahlen.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 04.9.2017