Textland

Detonationen an der Sinnesperipherie

In „Exit West“ beschreibt Mohsin Hamid den Weltbürgerkrieg im Stadium seiner Entstehung

Die ersten Kampfhandlungen wirken kaum alarmierend. Ab und zu mal ein Schusswechsel oder eine Detonation an der Sinnesperipherie organisiert Gewöhnung und hilft dem Trotz auf die Sprünge. Niemand gibt seiner Angst einen Job als Ratgeberin. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten. Ein ausgebranntes Fahrzeug gewinnt als Wegmarke Bedeutung. Ein Viertel verliert seinen permissiven Charakter.

Die Topografie wird abenteuerlich, zumal unter dem Einfluss von Halluzinogenen. Apocalypse now. Angeturnt bewegen sich zwei nach den Spielregeln der Liebe aufeinander zu. Nadia tarnt ihre innere Unabhängigkeit mit den Erkennungszeichen religiöser Ernsthaftigkeit. Ihre Einraumwohnung hat sie sich mit der Lüge erschlichen, eine Kriegerwitwe zu sein. Sie fährt auf einer Geländemaschine durch die Stadt und nimmt täglich Drogen.

Die Emanzipation erfolgt unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Saeed erscheint viel säkularisierter als Nadia. In Wahrheit sind seine traditionellen Bindungen stärker und seine Bereitschaft zur Anpassung ist größer. Er arbeitet in der Werbung und wohnt bei den Eltern. Während Saeed ein typisches Produkt seine Klasse ist, repräsentiert Nadia nur sich selbst. Ihre Freiheit verträgt kein Forum. In den „sozialen Medien“ verwendet sie „Online-Entsprechungen ihrer schwarzen Gewänder“. Sie bestellt berauschende Kahlköpfe (Psilocybe mexicana) im Internet bei einem Händler, der außerdem Spitzenrestaurants mit Schlauchpilzen beliefert. Ihn erwartet ein furchtbarer Tod in nächster Zukunft.

Das erzählt Hamid im Eingangsbereich des Romans wie hinter vorgehaltener Hand. Die Stadt und das Land der frühen Ereignisse haben keine Namen, die Milizen werden mit ihren allgemeinsten Merkmalen charakterisiert. Der Bürgerkrieg schweißt das Paar zusammen, wer weiß, ob Nadia und Saeed zusammengeblieben wären ohne die vereinende Not. Durch die lange Schlucht eines Versorgungsengpasses gelangen die Liebenden in Saeeds ewiges Kinderzimmer. Seine Mutter stirbt, der Vater verfällt, am vorläufigen Ende der Geschichte geht eine Tür nach Europa auf.

Hamid variiert die Türmetaphorik von William Blake über Aldous Huxley bis zu Jim Morrison und den Doors. Erst öffnen Rauschpilze „die Pforten der Wahrnehmung“, später dreht sich ein Lagertor auf Mykonos in den Angeln der Freiheit. Nadia und Saeed erreichen London. Feinde der Flüchtlinge eskalieren, in besetzten Villen schließen sich Migranten landmannschaftlich ab. So weit weg von Zuhause sucht Saeed Trost im Gebet. Für Nadia ist das keine Lösung.

Hamid beschreibt eine Dystopie in unserer zeitlichen, räumlichen und seelischen Reichweite. Der Autor schildert im Spiegel biografischer Verwerfungen das Verhalten der saturierten Gastgeber von Teilnehmern einer Völkerwanderung. Kein Mensch betritt mehr einen Flughafen ohne Katastrophenempfindungen im Abraum des Zugelassenen. Abweichungen von vertrauten Kursen erscheinen rasch vertraut als neue Wege. Lauerte der Weltbürgerkrieg nicht schon immer unter der Friedensfirnis? Natürlich nicht. Was da stattfindet, sind Kriegsvorbereitungen, die mentale Einrüstung empfindlicher Wesensteile in Prozessen der Annahme eines neuen Grauens.

Mohsin Hamid, Exit West, Roman, DuMont Verlag, 224 Seiten

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erstellt am 31.8.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur.