„Es gibt nichts auf der Welt, was so unsichtbar wäre wie Denkmäler“, schrieb einmal Robert Musil. Ob seine These auch auf zeitgenössische Kunst im öffentlichen Raum zutrifft, möchte Eugen El herausfinden. Er hat sich im Rhein-Main-Gebiet umgesehen und stellt in einer dreiteiligen Serie jüngst eingeweihte Denkmäler vor. Die Reise beginnt in Frankfurt.

Kunst im öffentlichen Raum, Teil 1

Schreibtisch auf der Wiese

Der Campus Westend der Frankfurter Goethe-Universität gilt gemeinhin als einer der schönsten Europas. Auf dem parkähnlichen Areal hinter dem ehemaligen I.G. Farben-Haus sind in den vergangenen Jahren mehrere imposante Hörsaal- und Seminargebäude entstanden. Auf einer Wiese unweit des Hörsaalzentrums, umrahmt von mehreren Sitzgruppen, befindet sich ein etwa zweieinhalb Meter hoher Glaskubus, in dem ein Schreibtisch steht. Auf diesem sind einige Blätter, ein älteres Buch, eine Schreibtischlampe sowie ein Metronom platziert. Ein Stuhl, der so steht, als hätte jemand gerade den Schreibtisch verlassen, findet sich ebenfalls im Glaskubus.

Umfasst ist der Kubus von einigen, in den Boden eingelassenen, schwarzen und weißen Marmorstreifen, die ein Quadrat bilden. An den vier Kanten des Glaskubus' sind im Boden Buchtitel eingraviert: „Minima Moralia“, „Philosophie der neuen Musik“, „Negative Dialektik“ und „Ästhetische Theorie“. Um den Kubus sind zudem einige rätselhaft-vertraut klingende Sätze in die Marmorstreifen eingelassen: „Der Zweck des Kunstwerks ist die Bestimmung des Unbestimmten“ liest man dort, oder auch: „Die Wahrheit ist nicht zu scheiden von dem Wahn, daß aus den Figuren des Scheins einmal doch scheinlos die Rettung hervortrete“.

Sie stellen eine Verbindung zum Philosophen Theodor W. Adorno (1903-1969) her, der in der Nachkriegszeit an der Frankfurter Universität lehrte. Der Glaskubus mit den beschrifteten Marmorstreifen ist ein Denkmal, das Adorno gewidmet ist. Eingeweiht wurde es im September 2003, anlässlich des 100. Geburtstags des Philosophen. Gestaltet wurde das Denkmal vom 1959 in Duschanbe (Tadschikistan) geborenen, in Berlin und Moskau lebenden Künstler Vadim Zakharov. Mit seinem Entwurf wollte Zakharov den Arbeitsplatz eines Intellektuellen beispielhaft nachbilden, ohne sich allzu konkret auf Adorno zu beziehen. Der Entwurf sorgte für kontroverse Diskussionen. Eine Gruppe Frankfurter Kunsthistoriker um Klaus Herding sah in Glaskubus und Marmorstreifen zwei miteinander konkurrierende Elemente und sprach von „Grabmonument versus Gelehrtenstube“. Der Kunsttheoretiker Boris Groys verteidigte Zakharovs Entwurf. Er wies darauf hin, dass zum ersten Mal „die Installation statt Skulptur als öffentliches Denkmal zu ihrem Recht kam“.

Ursprünglich stand das Denkmal auf dem Theodor-W.-Adorno-Platz im Frankfurter Stadtteil Bockenheim, unweit des Institutsgebäudes, in dem der Philosoph wirkte. 2014 beschloss die Stadt Frankfurt den Umzug des Adorno-Platzes und des Denkmals auf den Campus Westend. Im April 2016 wurde das Denkmal schließlich auf den jetzigen Standort verlegt. Vadim Zakharov spricht von einem für ihn „schmerzhaften Vorgang“. Tatsächlich wirkt das Adorno-Denkmal auf dem weitläufigen Campus Westend etwas verloren. Andererseits ist es nun näher an den Studenten. Die Nachwuchsakademiker nutzen die Sitzbänke rund um das Denkmal zum Verweilen und Plaudern. Der Campus Bockenheim wird von der Universität unterdessen aufgegeben.

Fritz-Bauer-Denkmal auf der Frankfurter Zeil, Foto: Eugen El

Spitze des Eisbergs: Fritz-Bauer-Denkmal

Nur wenige Schritte vom Trubel der Einkaufsstraße Zeil entfernt, begegnet mir ein massiver, etwa eineinhalb Meter aus dem Pflaster ragender Stein. Was hat das grünlich schimmernde Gebilde dort zu suchen? Ist es etwa ein Meteorit, der völlig unbeachtet ins Frankfurter Straßenpflaster einschlug? Mein Blick wandert direkt zu zwei beschrifteten Bronzetafeln, die hinter dem Stein angebracht sind. „Sie müssen wissen, es gibt einen Eisberg, und wir sehen einen kleinen Teil und den Größeren sehen wir nicht.“ Dieses Zitat ziert die erste Texttafel. Es stammt von Fritz Bauer (1903-1968), der von 1956 bis zu seinem Tod hessischer Generalstaatsanwalt war.

Die zweite Texttafel klärt über Fritz Bauers Leben und Wirken auf. Er setzte sich für die Ahndung von NS-Verbrechen, den Aufbau einer an Grundrechten orientierten Justiz und für einen humanen Strafvollzug ein. Als Generalstaatsanwalt brachte Fritz Bauer 1963 den Frankfurter Auschwitz-Prozess in Gang. Mit dem „Eisberg“ veranschaulichte Bauer die Verstrickung vieler Deutscher in den Nationalsozialismus, die in der Nachkriegszeit erst Stück für Stück ans Licht kam. So lässt sich der rätselhafte Stein als ein Verweis auf Bauers Zitat lesen.

Der unbearbeitete Stein und die Texttafeln befinden sich vor dem Gebäude des Oberlandesgerichts, der früheren Wirkungsstätte Fritz Bauers. Sie bilden ein Denkmal für den früheren hessischen Generalstaatsanwalt. Eingeweiht wurde es im Mai 2016, gestaltet wurde das Denkmal von der 1964 geborenen Frankfurter Künstlerin Tamara Grcic. Die Idee für das Fritz-Bauer-Denkmal entstand schon 2012. Die Platzierung des Denkmals auf dem Gehweg ist keineswegs zufällig. Tamara Grcic erläutert: „Der Stein stellt sich der Bewegung des Passanten in den Weg und veranlasst zum Stehenbleiben und Fragen.“ Nur wenige Fußgänger bleiben indes am Stein stehen und werfen einen flüchtigen Blick auf die Texttafeln.

Dabei verdient Fritz Bauers Leben und Werk auch heute noch Aufmerksamkeit. 2014 und 2015 widmeten sich mit „Im Labyrinth des Schweigens“ und „Der Staat gegen Fritz Bauer“ zwei deutsche Spielfilme dem deutsch-jüdischen Juristen. Zur Einweihung des Fritz-Bauer-Denkmals sprach der damalige Frankfurter Kulturdezernent Felix Semmelroth. Er erklärte die historische Bedeutung des Kunstwerks: „Das Denkmal repräsentiert das Anliegen der Aufklärung anstatt von Vergeltung, ohne die das moderne Deutschland nicht vorstellbar wäre.“

Denkmal für die Frankfurter Grüne Soße in Oberrad, Foto: Eugen El

Sieben Kräuter: Grüne-Soße-Denkmal

Ich wechsle die Mainseite und erreiche Oberrad, einen dörflich geprägten Stadtteil Frankfurts, der direkt an Offenbach grenzt. In den dortigen Feldern werden Borretsch, Kerbel, Kresse, Schnittlauch, Pimpinelle, Sauerampfer und Petersilie angebaut. Die sieben Kräuter sind unverzichtbare Grundzutaten für eine Frankfurter Grüne Soße. Neben Handkäs' und Apfelwein zählt die „Grie Soß“, die mit hart gekochten Eiern zu Pell- oder Salzkartoffeln serviert wird, zu den kulinarischen Spezialitäten der Mainmetropole.

An einem schmalen Kiesweg am Ortsrand von Oberrad, in Sichtweite der Felder, stehen sieben Gewächshäuser in einer Reihe. Sie scheinen zunächst leer. Auf dem Boden jedes Hauses ist der Name eines Krauts zu lesen, das in die Grüne Soße gehört. Die Gewächshäuser bilden ein Denkmal für die Frankfurter Grüne Soße, es wurde im Mai 2007 eingeweiht. Entworfen wurde das Denkmal von der 1981 geborenen Stuttgarter Künstlerin Olga Lilly Schulz, die damals an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung studierte.

„Meine Recherche bestand hauptsächlich aus Streifzügen durch die Anbauflächen in Oberrad“, erinnert sich die Künstlerin. Es entstand eine Sammlung an Fotos, Zeichnungen und kurzen Texten. Ihr Interesse an den Oberräder Feldern entwickelte sich, noch bevor es einen Auftrag für das Denkmal gab. „Dieses Gebiet zwischen Offenbach und Frankfurt faszinierte mich, da es unbekümmert der wachsenden Skyline, der Autobahn, des Mains und der vielen Flugzeuge, die seinen Himmel durchkreuzen, wie seit Jahrhunderten nur dem Rhythmus der Pflanzen folgt“, erzählt Olga Lilly Schulz.

Die Wände der Gewächshäuser sind aus durchsichtigem, jeweils unterschiedlich grün eingefärbtem Kunststoffglas gefertigt. „Blickt man durch die Häuser hindurch, färbt sich auch das Land, das sich vor einem erstreckt, im jeweiligen Grün“, erläutert die Künstlerin. In der Dämmerung sind die Glashäuser kurzzeitig beleuchtet, was dem Denkmal zusätzliche Aura verleiht. Die Beschriftung der einzelnen Häuser ergab sich, so Schulz, aus ihrer Faszination für die mit Graffiti besprühten Gewächshäuser, die man von der vorbeifahrenden S-Bahn aus sieht.

Im Frühjahr 2018 soll das Grüne-Soße-Denkmal grundsaniert werden, teilt das Frankfurter Umweltamt mit. So sind beispielsweise die Scheiben mittlerweile verblichen und verschmutzt. Sie sollen ausgetauscht werden. Zudem werden die Bodenplatten neu lackiert. „Es freut mich natürlich sehr, dass nach über zehn Jahren das Denkmal erneuert wird und weiter bestehen bleibt“, sagt Olga Lilly Schulz. Auf die Frage, ob sie noch gerne nach Frankfurt kommt, um sich das Denkmal anzusehen, antwortet die Künstlerin: „Wenn ich in der Gegend bin, schaue ich vorbei. Im kommenden Jahr sicher öfter.“

Die Texte sind zuerst in der Tageszeitung Offenbach-Post erschienen.

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erstellt am 31.8.2017

Adorno-Denkmal auf dem Universitätscampus Westend in Frankfurt, Foto: Eugen El