Der Komponist Hanns Eisler (1898-1962) schrieb im amerikanischen Exil die Musik zu Fritz Langs „Hangmen Also Die“. Weniger noch als diese Filmmusik sind sein Beitrag zum Dokumentarfilm „The 400 Million“ von Joris Ivens und die Musik zu John Fords „The Grapes of Wrath“ bekannt. Nun ist eine neue Aufnahme von Eislers Filmmusiken erschienen, und Thomas Rothschild hat sie sich angehört.

Hanns Eisler

Immer noch unterschätzt

Es hat ohne Zweifel mit Hanns Eislers politischer Haltung zu tun, dass er zwischen Gebrauchsmusik und Absoluter Musik, zwischen funktionaler und autonomer Kunst keine scharfe Grenzlinie zog. Bestens vertraut mit den zeitgenössischen Ansprüchen einer Absoluten Musik, war er als dezidierter Marxist nicht gleichgültig gegenüber dem Nutzen, den die Kunst im Allgemeinen und die Musik im Besonderen für die Rezipienten hat. Und so kann auch sein Interesse für Filmmusik nicht verwundern. Der Film, gerade drei Jahre vor Hanns Eisler „zur Welt gekommen“, erreichte schließlich schnell eine phänomenale Popularität weit über die Kreise der traditionellen bürgerlichen Kulturkonsumenten hinaus, der fälschlich Lenin zugeschriebene Satz, der Film sei die wichtigste aller Künste, besitzt auch ohne Bezugnahme auf den russischen Revolutionär eine starke Evidenz.

Mitten im Krieg, im amerikanischen Exil, schrieb Hanns Eisler – nicht nur, aber auch aus ökonomischer Notwendigkeit – die Musik zu Fritz Langs „Hangmen Also Die“ („Auch Henker sterben“) über den Fall des in Prag ermordeten Reichsprotektors Reinhard Heydrich, zu dem Eislers Freund und Partner Bertolt Brecht zusammen mit Fritz Lang und John Wexley das Drehbuch geschrieben hatten. In einzelnen, meist kammermusikalisch besetzten Passagen erkennt man den vertrauten Eisler-Ton, insgesamt aber ist der Schönberg-Schüler mit dieser Filmkomposition gar nicht so weit von dem deutlich jüngeren Bernard Herrmann, von Max Steiner, Franz Waxman oder von Erich Wolfgang Korngold entfernt, die für Hollywood stilprägend wurden.

Wohl weniger noch als Eislers Musik zu Fritz Langs politischstem Film sind sein Beitrag zu dem Dokumentarfilm „The 400 Million“ von Joris Ivens und erst recht die Musik zu John Fords „The Grapes of Wrath“ („Die Früchte des Zorns“) bekannt, die Eisler als Alternative zu der von Ford verwendeten Musik des erfolgreichen Routiniers Alfred Newman komponiert hatte.

Für die Aufnahme von Hanns Eislers Filmmusiken ließ sich kaum ein Besserer finden als der Komponist und Dirigent Johannes Kalitzke, der neben Ingo Metzmacher mit Beharrlichkeit und Forschungseifer für die Verbreitung der Musik des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart in Deutschland sorgt. Als „Zugabe“ zu den Filmmusiken enthält die vorliegende CD mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin Eislers „Kleine Sinfonie“ von 1932 sowie die nur zweieinhalb Minuten lange „Hörfleißübung“ von 1931. Apropos Gebrauchsmusik: Eisler hatte keine Bedenken, Kompositionen – so auch aus der Filmmusik zu „The 400 Million“ – in unterschiedlichen Zusammenhängen erneut zu verwenden, sich selbst also zu plagiieren. Dass uns Stellen immer wieder bekannt vorkommen – die schnellen, synkopierten Marschrhythmen, die schrillen Trompetentöne, einzelne Reizharmonien –, beruht nicht auf einer Sinnestäuschung oder mangelhaftem musikalischem Gedächtnis, sondern hat seine realen Ursachen.

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erstellt am 31.8.2017

Hanns Eisler, 1940, Foto: C. M. Stieglitz / Wikimedia
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