Textland

Die Befreiung der Sprache

In Lina Wolffs Roman „Bret Easton Ellis und die anderen Hunde“ denkt die Erzählerin über die Gründe seelischer Spannweitenverluste im Lebenslauf ihrer Nächsten nach

Der Park Güell in Barcelona dient einer verdämmernden Moderne als weltberühmtes Beispiel für urbanen Freiraum. Ein Magnat des 19. Jahrhunderts gab dem Park seinen Namen. Gestaltet wurde er von dem Architekten Antoni Gaudí. Markant sind großflächige Mosaike – ein keramisches Feuerschluckerkunstgewese zwischen Tierkreiszeichen und Fabelwesen. Salvador Dalí fand die Arrangements präsurrealistisch. Im Wirkungsschatten des Spektakels besucht Araceli Villalobos eine Schule für Übersetzer und Dolmetscher. Sie beklagt den Firlefanz falscher Konnotationen und ersehnt die Befreiung der Sprache vom Joch „idiotischer Monopole“. Zu denken gibt ihr die Klugheit Muriels, die als alttestamentarisch-drakonische Freundin der Erzählerin im Roman auftaucht. Ihre Analyse einer Lehrerin namens Elaine Moreau ist so geistreich, dass sich an ihr alles aufhängen lässt, was sonst bemerkenswert erscheint im Leben einer an der Armutsgrenze kreuzenden, in einem Kosmos extravaganter Schicksalswendungen und psychologischer Unwahrscheinlichkeiten Heranwachsenden und schließlich erwachsen vor sich hin Trudelnden. Eine illegal eingewanderte Guatemaltekin übernimmt Aracelis Kinderzimmer und platziert die Tochter der Hausherrin mir nichts, dir nichts auf dem Sofa. Blosom kapert die Wohnung samt der Belegschaft. Ihre Unverfrorenheit ist nicht von dieser Welt. Lina Wolff schildert einen vitalen Zombie. Sie erkennt eine frei fluktuierende Zerstörungskraft im Wesenskern der lebenden Toten. Ihre Heldin spürt an den Rändern merkwürdiger Ereignisse kompakte Realität wie Seltene Erden auf. Als Kind ließ sie sich mit einem Eisberg beschenken, die Absichten des Spendablen durchschauend. Der Candyman warnte vor sich selbst. Als ein anderer Humbert Humbert wollte er nicht das Schwein sein, das ein verbotenes Begehren mit einer strafbaren Handlung verbindet. Trotzdem rührte er den Brei des Verderbens an. Araceli spielte nach Art der Blinden Kuh mit, bis ihr aufging, worin sich das Verhältnis in der Legalität erschöpfen musste – in einer Mesalliance der Erwartungen und der Vermögen.

„Was, wenn ich bei ihm klingele, und wenn die Tür aufgeht, steht da ein klappriger Casanova … und vielleicht packt er dann mein Handgelenk und flüstert: Endlich, Araceli, endlich!”, so dass der volljährigen Lolita nur die Zuflucht eines abrupten Abschieds bliebe.

Die Erzählerin denkt über die Gründe seelischer Spannweitenverluste im Lebenslauf ihrer Nächsten nach. Die Autorin isoliert Kristallisationen äußerster Souveränität. Sie schildert Prozesse im Geleit der Hochpunkte, das Nachlassen und Absinken und die Verirrungen. Araceli lebt lange in einer Hausgemeinschaft mit der Schriftstellerin Alba Cambó, die den männlichen Körper als Missbrauchsdomäne literarisch besetzt und so allen antwortet, die den weiblichen Körper als Gegenstand männlicher Sensationen in einer Endlosschleife der Redundanz halten. Vermutlich wird sich jede Gesellschaft bis zu ihrem Ende über die Verwendung des Weiblichen definieren und entgegengeschlechtlichen Gleichungen den Vorschub der Plausibilität verweigern. Das begreift man im Begreifen der Erzählerin. Sie legt sich einen Hund zu, der nach einer Nachttischlektüre Bret Easton Ellis heißt. Die Namensfindung entspricht einer Lektion in der feministischen Grundschule. Andere Hunde hören auf die Schriftstellernamen Chaucer und Dante. Sie kriegen verdorbenes Fleisch vorgesetzt, wenn ihre Herrinnen das Vergnügen der Zufriedenheit entbehren. Wolff verhandelt die Ungerechtigkeit auf einer Schaukel der Ambivalenz. Eindeutig fallen die Charakterisierungen der Lehrerin Moreau aus, laut Muriel „der größte Witz, den das weibliche Geschlecht je hervorgebracht (hat). Eine Laune, eine Parenthese, ein punktiertes Soufflé, etwas, das man zurück in den Kühlschrank stellt, um es schleunigst zu vergessen.“

Lina Wolff, Bret Easton Ellis und die anderen Hunde, Roman, aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat, Tempo bei Hoffmann und Campe, 304 Seiten

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erstellt am 25.8.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur.