In einem Buch stellt Hanns Zischler Franz Kafka als leidenschaftlichen Kinogänger vor. Das Filmmuseum München hat nun die von Zischler recherchierten Stummfilme in restaurierter Fassung auf 4 DVDs zugänglich gemacht. Sie eröffnen dem Kafka-Liebhaber eine neue Perspektive auf den Jahrhundertschriftsteller, meint Thomas Rothschild.

Kafka und der Stummfilm

Eine neue Perspektive

Hanns Zischler gehört zu den interessantesten und facettenreichsten Persönlichkeiten des deutschen Kulturbetriebs. Allgemein bekannt ist sein Gesicht, seit er in Wim Wenders‘ Film „Im Lauf der Zeit“ die zweite Hauptrolle neben Rüdiger Vogler spielte. In eine ganz andere Richtung weist Hanns Zischlers Buch „Kafka geht ins Kino“. In der Tat spielt der Film seit seiner Erfindung in der Literatur, zumindest indirekt, eine große Rolle. Welche Filme Autoren kennen, wirkt sich in ihrem Werk bis heute nachhaltig aus. Vielleicht sähen deren Romane ja anders aus, wenn sie statt mit „Harry Potter“, „Spider Man“ und „Planet der Affen“ mit „La Notte“, „Pierrot le fou“ oder mit „Stalker“ aufgewachsen wären. Bei Gegenwartsautoren kann man davon ausgehen, dass die Filme den Lesern bekannt sind. Nicht so bei Kafka. Es war also eine kluge Idee des Filmmuseums München, die von Zischler recherchierten Stummfilme in restaurierter Fassung auf 4 DVDs zugänglich zu machen. Sie erfüllen einen doppelten Zweck: Sie eröffnen dem Kafka-Liebhaber eine neue Perspektive auf den Jahrhundertschriftsteller. Und sie dokumentieren unabhängig davon ein Stück vergessener Filmgeschichte, sind nicht nur lehrreich, sondern auch interessant und vergnüglich. Im Beiheft werden die diversen Quellen, an denen Kafka einzelne Filme erwähnt hat, minutiös aufgeführt, entscheidende Stellen zitiert.

Zu den Höhepunkten der Kompilation gehört der deutsche Spiefilm „Der Andere“ von Max Mack nach einem Drehbuch von Paul Lindau, das wiederum auf einem Theaterstück des seinerzeit erfolgreichen Schriftstellers, Journalisten und Theaterleiters basiert. Es ist dies eine Dr. Jekyll und Mr. Hyde-Geschichte, die dem Interesse jener Jahre an der Persönlichkeitsspaltung und an den Geheimnissen des Unbewussten entspricht. Der Film ist auch deshalb eine Trouvaille, weil er Gelegenheit gibt, die Kunst eines legendären Schauspielers, Albert Bassermanns, zu bewundern. Der Vorwurf von Michael Hanisch in einem der wenigen Aufsätze über diesen Film, „formal gesehen ist ‚Der Andere‘ wenig originell, bleibt die Kamera doch statisch“, ist ungerecht. 1913 war die statische Kamera nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Gerade die langen Plansequenzen lassen Raum für Bassermanns Spiel, das Hanisch für übertrieben hält. Diese „Übertreibung“ ermöglicht es dem Schauspieler, auch komplexe Sachverhalte pantomimisch zu vermitteln – etwa seine negative Beurteilung von Hippolyte Taines These, die er danach selbst bestätigt. Die negative Bewertung von Bassermanns Spiel in diesem Film teilt Hanisch allerdings mit Kafka.

Eine Trouvaille ist auch „Daddy-Long-Legs“ von Marshall A. Neilan mit der bezaubernden Mary Pickford, in die sich der Zuschauer zusammen mit den beiden Verehrern in der Story unbedingt verlieben muss. Der zugrunde liegende Roman der wie die 20 Jahre jüngere Betty Smith bis heute unterschätzten Jean Webster wurde mehrfach verfilmt. Am bekanntesten ist die Musical-Version mit Fred Astaire und Leslie Caron. Aber die Mischung aus Sozialkritik, Sentimentalität und Humor in der Dickensschen Tradition, die Genauigkeit im Timing, die Treffsicherheit filmischer Metaphern – all dies macht den Vorläufer von 1919 zu einem Meisterwerk der Stummfilmzeit. Allein die letzte Einstellung, die äußerste Rührseligkeit mit Witz abfängt, hat Lubitsch-Format.

Ferner enthält die Anthologie kurze Dokumentarfilme aus den Jahren 1907-1913, darunter einen über die 300-Jahr-Feier des Hauses Romanoff, sowie kurze und längere Spielfilme aus den Jahren 1911-1921, darunter eine dänische Räuberpistole, „angefertigt auf Veranlassung des Vereins zur Bekämpfung des Mädchenhandels“ (mit starrer Kamera!), einen biographischen Film über den Schriftsteller Theodor Körner, der exakt zur vaterländischen Kriegsbereitschaft vor 1914 passt (unfreiwillig komisch sind in der unvollständigen Kopie die Zwischentitel „Der Heldentod“ „[Szene fehlt]“), eine mittellange frivole Eifersuchtsgeschichte sowie einen Dokumentarfilm über jüdisches Leben in Palästina in den Jahren 1920/1921.

Als Zugabe: ein Film von Hanns Zischler, der so heißt wie sein Buch: „Kafka geht ins Kino“. Die Manierismen dieses mit allerlei Tricks arbeitenden Films verfehlen allerdings eher seinen Gegenstand, als dass sie auf ihn hinführten. Zum Glück liefert die Edition die ganzen von Kafka erwähnten Filme, aus denen Zischler nur Fragmente zitiert.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 25.8.2017

Franz Kafka (1923)
Franz Kafka

Hanns Zischler
Kafka geht ins Kino
4 DVD
Edition filmmuseum, 2017

DVD-Box bestellen