1929 in Budapest geboren, überlebte Ágnes Heller den Holocaust. Sie promovierte bei Georg Lukács, lehrte Soziologie und Philosophie in Melbourne, New York und Budapest. Zu sagen, was man denkt, diese Freiheit hat sich Ágnes Heller auch unter widrigen Umständen stets genommen. Gudrun Braunsperger stellt die Philosophin vor.

Die Philosophin Ágnes Heller

Im Denken zu Hause

Nachdem sie ihr Physikstudium an der Budapester Universität aufgegeben hatte, um Philosophie bei Georg Lukács zu studieren, wusste sie schon, als 20-jährige, warum sie sich zu diesem Fach berufen fühlte: „Um die Nuss aufzubrechen und zu sehen, was darinnen ist, das Wesen dessen zu erkennen, was wir Welt, Leben oder Mensch nennen“. Im Bannkreis von Lukács, dem Mentor und lebenslangen Gesprächspartner, dessen Assistentin sie war, der sie zum Denken geführt und auch ihren Widerspruch akzeptiert hatte, und später, als Mitglied der philosophischen Budapester Schule auf der Suche nach einem humanistischen, undogmatischen Marxismus, blieb Ágnes Heller lange Zeit überzeugt, dass auf dieser Grundlage ein neues System errichtet werden könne, so wie das alle großen Philosophen vor ihr getan hatten. Es habe gedauert, so schreibt sie in ihrer Autobiographie, bis sie erkannt habe, dass in einem Zeitalter der Interpretation wie dem unsrigen anstelle der großen Systeme das Denken geblieben sei, und dass auch diese Erkenntnis, dass sich nämlich die Nuss nicht knacken lässt, zum Denken gehöre.

Eigenständiges Denken, zu sagen, was man denkt, auch mit allen Konsequenzen, die sich daraus ergeben: Diese Freiheit hat sich die heute 88-jährige ungarische Philosophin auch unter den widrigen Umständen ihrer Epoche stets genommen. Schon früh widersetzte sie sich dem, was von ihr erwartet wurde, zum Beispiel der tradierten Rolle ihres Geschlechts. Selbstbewusst und schlagfertig parierte die Dreizehnjährige das Kompliment ihrer Jugendliebe, wie gescheit, obwohl ein Mädchen, sie doch sei. Heller erwiderte darauf, das sei so, als ob er gesagt habe, „Wie gut du doch Fahrrad fahren kannst, obwohl du ein Affe bist“. Die Episode ist titelgebend für ihre Autobiographie „Der Affe auf dem Fahrrad“. Vom Vater wurde sie in ihrem Selbstbewusstsein unterstützt: Er empfahl ihr den Berufsweg, den er selbst nicht gewagt hatte, nämlich Komponistin oder Philosophin zu werden, „weil es das Absurdeste für ein Mädchen ist und ich möchte, dass du das Absurdeste wirst“. Entgegen den eigenen musischen Neigungen war er Jurist geworden, ein mittelloser Anwalt der Unterdrückten und Entrechteten und ein philanthropischer Lebenskünstler. Er kam in Auschwitz um, nachdem er dabei aufgegriffen worden war, wie er anderen Juden zur Flucht verhalf. Ágnes Hellers Wiener Großmutter war, wie ihre Enkelin, eine unerschrockene Rebellin, sie studierte als eine der ersten Frauen an der Wiener Universität und verschaffte sich durch ihre Leistungen unter den chauvinistischen männlichen Kollegen Respekt. Nach dem Tod ihres Mannes, eines jüdischen Lehrers, musste sie die Familie allein durchbringen. Sie war in ihrer Zeit eine Außenseiterin, eine Rolle, die auch im Leben der Ágnes Heller eine Konstante geworden ist und die als Geschenk zu betrachten sie immer wieder imstande war.

Bücher als Rettungsanker

Jüdisches Bürgertum, vornehm, aber nicht reich, so hat die 1929 in Budapest geborene Ágnes Heller ihre Herkunft beschrieben. Die Vorfahren ihrer Mutter stammten aus einer traditionellen jüdischen Familie des gehobenen Bürgertums in Ungarn, ihre Mitgift und später ihre Arbeit ernährten die Familie. Von Kindheit an erlebt sie die Flüchtigkeit materieller Güter, auf die Entbehrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit folgte nahtlos die Mangelwirtschaft des realen Sozialismus. Für Ágnes Hellers Werdegang konstituierend ist das bürgerlich-jüdische Selbstverständnis von Bildung: Bücher waren für sie der Rettungsanker des geistigen Überlebens in der Bedrohung durch den Nationalsozialismus, als sie auf der Suche nach einem Versteck vor den faschistischen Pfeilkreuzlern mit ihrer Mutter von einem Stadtteil in den nächsten zieht.

Aufsässigkeit und Rebellion zeichnet sie schon früh aus: Mit Widerspruch, der ihr Gegenüber überrascht, umgeht sie als junges Mädchen brenzlige Situationen im Getto und widersetzt sich, wo niemand Widerstand wagt: Einmal bricht sie aus einer Gruppe aus, die zur Deportation eingesammelt wird, und springt mit der Mutter auf eine vorbeifahrende Straßenbahn auf. Ein andermal entgeht sie nur knapp einer Massenexekution am Ufer der Donau: Sie habe in dieser Zeit ständig im Bewusstsein des Todes gelebt, sagte sie später darüber, aber nicht in diesem Augenblick, da konzentrierte sie sich nur darauf, um den richtigen Augenblick für den Sprung in die Donau zu finden. Die mörderische Aktion wurde plötzlich abgebrochen, und sie überlebte. Die Erfahrung hatte die Vierzehnjährige erwachsen werden lassen, traumatisiert blieb sie jahrelang.

Aus der Erfahrung heraus, dem Holocaust nur knapp entkommen zu sein, schloss sie sich den Zionisten und später den Kommunisten an, um bald zur bitteren Erkenntnis zu gelangen, dass nach der Machtergreifung der Kommunistischen Partei 1949 und des moskauhörigen Regimes unter Matyas Rákosi Freiheit und Gleichheit eine Illusion waren und stattdessen eine herrliche Spielwiese menschlicher Niedertracht entstand. Dass sie aufgrund ihrer Faszination durch den messianischen Erlösungscharakter des Marxismus für kurze Zeit mit einer totalitären Ideologie einverstanden war und deren Brutalität übersehen hatte, sollte sie später bedauern. Bald begriff sie, dass sie sich als Intellektuelle zwischen der Rolle eines Paria und der eines Parvenü entscheiden müsse; ein Zwang, der den historischen Umständen ihrer Epoche geschuldet war und ihr persönliches Leben zutiefst beeinflussen sollte. Ihre erste Ehe etwa scheiterte deshalb.

Im Rückblick bezeichnete sie den Ungarnaufstand von 1956 als Wendepunkt ihrer Befreiung zu sich selbst, um „ein Mensch unter Menschen“ zu werden. Bis dahin habe es der naive Glaube an die Ideen einer Partei, deren Strukturen sie verabscheute, und die Tatsache, dass sie als einfaches Parteimitglied nicht an vorderster Front stand, ihr möglich gemacht, sich selbst nicht zu belügen. Die Revolution habe ihr die Liebe zu ihrem Land zurückgegeben und sie vom Holocaust genesen lassen, eine Revolution, die „sich für mich zu einer Revolution der Gefühle und der Identität auswuchs“. Sie besaß den Mut, der für sie als Intellektuelle in einer historisch schwierigen Situation nötig war, weil „in der Philosophie Wahrheit und Authentizität identisch sind“, denn: „Die im Leben geschlossenen Kompromisse kehren in der Philosophie wieder (…) Wenn ich als Philosoph, nur um meine Stellung zu retten, etwas anderes sage, als was ich für richtig halte, dann behalte ich zwar die Stelle, verliere aber meine Philosophie.“

Ein wahrer Marxismus

Im kommunistischen Ungarn hatte sie ihre Stelle mehrfach verloren, zum ersten Mal nach der Niederschlagung des Aufstandes 1956. Nach einer Denunziation durch ihre beste Freundin wurde sie von der Universität entlassen und aus der Partei ausgeschlossen. Das bedeutete auch den Ausschluss vom akademischen Diskurs, von Denken und Schreiben und sinnvoller Arbeit. Ein wichtiger Moment in ihrer Persönlichkeitsentwicklung, so erkannte sie rückblickend: Bis dahin hatte man ihr geschmeichelt, plötzlich grüßte man sie auf der Straße nicht mehr. Fünf Jahre lang unterrichtete sie an einem Mädchengymnasium, bis sie am Soziologischen Institut eingestellt wurde und wieder schreiben konnte – unter den Arbeitsbedingungen des realen Sozialismus: gelockerte Anwesenheitspflicht und freier Gestaltungsraum, solang man die von der Partei eingeräumte ideologische Kontrollzone nicht überschritt. In der philosophischen Budapester Schule von Lukács-Schülern, zu denen auch György Márkus, Mihály Vajda und Hellers zweiter Mann, der Literaturkritiker und Philosoph Ferenc Féher, gehörten, entwickelte sich in den sechziger Jahren eine oppositionell ausgerichtete geistige Gegenwelt, deren Grundkonsens darin bestand, den offiziellen Lügen der Partei einen wahren Marxismus entgegenzuhalten. Diese Aufgabe war lohnend geworden, nachdem nach Stalins Tod auch andere Schriften als das „Kapital“ zugänglich waren. Später wird Ágnes Heller diese Zeit der hitzigen Debatten in Cafés oder engen Wohnungen bei Brot und billiger Knackwurst als eine der aufregendsten geistigen Erfahrungen ihres Lebens bezeichnen.

Während sie mit dem Pariser Mai 1968 sympathisierte und ihre eigene Philosophie des Alltagslebens in einer Revolution der Lebensformen Gestalt annehmen sah, zerschlugen sich die vom Prager Frühling geweckten Hoffnungen auf Reformierbarkeit der kommunistischen Systeme in Osteuropa schon bald wieder. Durch die Unterschrift unter eine Resolution gegen den Einmarsch der Truppen der Warschauer Pakts 1968 war Ágnes Heller neuerlichen Repressionen ausgesetzt. 1973 wurde sie von der ungarische Akademie der Wissenschaften wegen „Rechtsrevisionismus“ verurteilt, abermals von der Universität entfernt und bespitzelt – eine zunehmend unerträgliche Situation, die 1977 schließlich dazu führte, dass sie gemeinsam mit ihrem Mann nach Australien emigrierte.

In Melbourne hatte sie bis 1983 eine Professur für Soziologie an der La Trobe University inne. Dort erlebte sie zum ersten Mal die komfortable Position einer modernen Philosophin, von der man nichts anderes verlangt als zu lehren. 1986 folgte sie Hannah Arendt auf deren Lehrstuhl für Philosophie an der New School for Social Research in New York nach, nach ihrer Emeritierung 2009 pendelte sie halbjährlich zwischen Budapest und der amerikanischen Ostküste.

Dass Hannah Arendt keinerlei -ismen angehangen, sich also nie auf andere Systeme bezogen, sondern immer nur sich selbst gehört habe, das hat Ágnes Heller wiederholt wertschätzend hervorgehoben. Auch Heller hat Philosophie als „Lebenssache begriffen und erlebt“. Vor allem in ihren späten Jahren hat sie zu einem individualisierten Philosophieren, zu einem die Praxis des Lebens reflektierenden Denken gefunden. Im „postmetaphysischen Zeitalter“, in dem philosophische Schulen der Vergangenheit angehören, kann sie ein Lebenswerk des persönlichen Denkens vorweisen, in dem sie auch die jüngsten Herausforderungen ihrer Zeit denkend reflektiert und mit beeindruckender sprachlicher Präzision und klarer Gedankenführung kommentiert, zuletzt in Die Welt der Vorurteile und Von der Utopie zur Dystopie. Dabei ist es der Agnostikerin, die sich doch zum Judentum bekennt, ein Anliegen, dem Leben seine Geheimnisse zu lassen: Auf die Frage nach ihrem Glauben zitierte sie in einem Interview Wittgenstein: „Worüber man nicht sprechen kann, davon soll man schweigen.“

Eigenverantwortung für sich und die Welt

Philosophie, das ist für Ágnes Heller die uralte sokratische Aufgabe, Fragen zu stellen im Bewusstsein, dass es nicht auf alles eine Antwort gibt. Der Sinn ihres Philosophierens, so, wie der Sinn ihres Lebens überhaupt, bestehe darin, das hat sie mehrfach betont, selbstständig zu denken und im Denken sie selbst zu bleiben, also Eigenverantwortung für sich und die Welt zu übernehmen, und wenn nötig, auch gegen die herrschenden politischen Umstände.

Dass sie einen Großteil ihres akademischen Lebens mit Fragen der Ethik und der Geschichtsphilosophie verbracht, obwohl sie sich ursprünglich zur Literatur, Musik, zu den Geheimnissen der Sterne hingezogen gefühlt habe, das sei den Toten von Auschwitz, aber auch denen des Gulag geschuldet. „Wie soll ich mir in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit meinen persönlichen Erfahrungen eine eigene Welt aufbauen, um zu verstehen, wie Auschwitz und der Gulag möglich waren?“ So formulierte sie die zentrale Frage ihres Lebens, die sie zu ihrem gesamten bis dahin entstandenen philosophischen Oeuvre angetrieben habe. Sie habe den Marxismus mit seinem messianischen Erlösungsgedanken hinter sich lassen und nach neuen Bausteinen suchen müssen. „Das Ergebnis: Ich kann sie nicht verstehen, es ist unmöglich (…) Einiges kann man verstehen, das Ganze nicht“.

Zum Gewinn wird die Beschäftigung mit dem Lebenswerk von Ágnes Heller gerade wegen ihres Blicks aus unterschiedlichen Perspektiven, den sie sich durch ein Leben in konträren politischen Systemen erworben hat. Das wirkliche Problem sei die diktatorische Natur der Gesellschaft und der Menschen, aus denen jene besteht: Das hat sie auch in der Begegnung mit westlichen Demokratien, zumal in den USA, wachsam und kritisch bleiben lassen. In ihrer Philosophie hat sich Ágnes Heller immer wieder darum bemüht, Möglichkeiten und Grenzen des Menschseins zu umreißen und auch die Sensibilität für die Logik des Herzens zu stärken, die den Verstand leitet und zum respektvollen und sachlichen Diskurs befähigt.

Die Erfahrung totalitärer Systeme hat die Denkwege der Ágnes Heller geprägt, nicht zuletzt aber auch ihren ungebrochenen Optimismus bestimmt. Ihre Liebe zu ihrem Heimatland ist unerschütterlich, auch angesichts des Regimes von Viktor Orbán, das den Antisemitismus wieder befeuert hat, von dem sie heftig attackiert wird und gegen das sie wieder auf die Straße geht. Nichts sei umsonst, auch nach einer Niederlage gebe es wieder Licht am Ende des Tunnels, so ihre tiefste Überzeugung. Das habe man schon 1956 nicht geglaubt, doch es sei anders gekommen: „Das Schicksal hatte mich in eine Grube geworfen“, so wie in der biblischen Josephslegende. Aber eben der Fall in den Brunnen habe Joseph schließlich zum Traumdeuter des Pharaos gemacht.

Der Beitrag ist zuerst in der österreichischen Tageszeitung „Die Presse“ erschienen.

Ágnes Heller im Gespräch (SRF, Sternstunde Philosophie, 28.05.2017)

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erstellt am 21.8.2017

Ágnes Heller, Foto: Arild Vågen / Wikimedia Commons
Agnes Heller, Foto: Arild Vagen
Zur Person

Ágnes Heller

12. Mai 1929: in Budapest als Tochter jüdischer Eltern geboren

1944: Tod des Vaters in Auschwitz, sie selbst überlebt den Holocaust mit ihrer Mutter in Budapest

1947: Beginn des Studiums der Physik und Chemie, wechselt zur Philosophie

1955: Promotion bei Georg Lukács, wird dessen Assistentin

1956: Entlassung vom Universitätsdienst, Lehrtätigkeit am Gymnasium

1958: Parteiausschluss

1963: Rehabilitierung, Beschäftigung am Soziologischen Institut

1973: neuerliche Entlassung und Repressionen, lebt von Übersetzungen

1977: Emigration nach Australien; Professur für Soziologie an der La Trobe University in Melbourne

1986: Hannah-Arendt-Lehrstuhl an der New School for Social Research in New York; lehrt nach der Emeritierung 2009 weiterhin halbjährlich in Budapest und New York

Zahlreiche internationale Preise und Ehrungen, darunter 2017: Paul-Watzlawick-Ehrenpreis für das Lebenswerk

Auswahl der Werke

Alltag und Geschichte – Zur sozialistischen Gesellschaftslehre. Neuwied 1970. Luchterhand

Das Alltagsleben. Versuch einer Erklärung der individuellen Reproduktion Herausgegeben von Hans Joas. Frankfurt/M 1978. Suhrkamp

Theorie der Gefühle. Hamburg 1980. VSA

Der Mensch der Renaissance. Frankfurt/M. 1980 Suhrkamp

Ist die Moderne lebensfähig? Frankfurt/M. 1995 Campus

Der Affe auf dem Fahrrad. Eine Lebensgeschichte. Berlin/Wien 1999 Philo

Die Auferstehung des jüdischen Jesus. Berlin/Wien 2002 Philo

Die Welt der Vorurteile. Geschichte und Grundlagen für Menschliches und Unmenschliches Wien/Hamburg 2014. Edition Konturen

Von der Utopie zur Dystopie. Was können wir uns wünschen? Wien/Hamburg 2016. Edition Konturen