Textland

Bronske Beat

Der Imbisswagen auf dem Supermarktparkplatz als Sinnbild einer verfehlten Existenz – Sven Amtsberg bindet in „Superbuhei“ den ganz normalen Wahnsinn zu einem Bouquet wermütiger Heiterkeit

Wieder einmal geht es um das Scheitern in seinen Spielarten. Ein Elvisimitator namens Bronske, der nicht singen kann und dem Original über die Korpulenz hinaus auch nicht ähnlich sieht, verliert seine Frau am 17. August 1993. Das Datum merkt er sich ohne Eselsbrücke und Gedächtnisstütze, da es den sechzehnten Geburtstag seiner Zwillinge Aaron und Jesse beziffert. Angeblich bricht an diesem Tag eine rührend desinteressierte Mutter nach Amerika auf, doch wer weiß, vielleicht siedelt die Missschlemmerstuben-Wettbewerbsteilnehmerin von 1972 auch nur von Hamburg-Rahlstedt nach Sonstwo in Österreich über. Jesse findet einen passenden Taucheranzug und folgt den Eltern „in das brackige Becken der Gewöhnlichkeit“. Wahlweise in das „Ermüdungsbecken der Bedeutungslosigkeit“.

Aaron bleibt alldieweil wie ein Kampftaucher unsichtbar in Schussweite. Will er den Zwilling ersetzen und Jesses studiobraune, mit heimlichen Schlafmittelgaben zum Träumen gebrachte Freundin Mona als falscher Bruder dämonisch erobern? Sven Amtsbergs Erzählmanier erinnert an Jakob Arjounis B-Film-Melancholakonie mit dieser verschwitzten Vorliebe für Audrey Totter in der abgerockten Daseinswüste des seelisch verkarstenden Vinylfetischisten. Jede Säuferampel wirkt wie ein Analeptikum und alle Tristesse zitiert Edward Hopper.

Amtsberg macht in seinem Debüt zuerst HH-Rahlstedt zur Chiffre verunglückten Lebens. Er erweitert das Programm bis zu einem Meilenstein des Schönerwohnens vor Hannover, ich rede von Langenhagen, „dem Tokio Niedersachsens“, wo Mona von jeher daheim ist: in einem „atmenden Haus“, das ein „landkranker“ Seemann einst direkt einem Maismeer als knatternden Strandbau vorgesetzt hat. Mona „füllt den Büstenhalter mit dem Bauch“, Klaus Meine meinte, man müsse Mona schon sehr lieben, um ein Foto von ihr in der Brieftasche zu haben.

Ja, Klaus Meine ist ein wichtiger Mann im Buch. Wikipedia sagt, „Klaus Meine ist der Sänger der Hard-Rock-Formation Scorpions und maßgeblich am Verfassen der Liedtexte und seit Ende der …“. Jesse bewirtschaftet die Abfüllstation gleichen Namens im Anbau des Supermarktes Buhei, zu dem sich die Kaschemme Klaus verhält wie der Pickel zum guten Arsch. Mona arbeitet an der Marktkasse, sie wacht über Jesses Suff. Jesse steckt lange schon im Suchtkerker, sein Unbehagen schiebt er den Gästen in die Schuhe, die unbefangen durchhängen. Er denunziert die Leute, reibt sich an ihren Schwächen, als gäbe es da was zu holen oder auch nur zu begreifen. Das wird zur Schwäche des Romans, dieses Motzen wegen irgendwelcher Mumien in längst trockengefallenen Brunnen. Die Todgeweihten erwarten den Herrn der Hähne jeden Vormittag mit der speichelnden Vorfreude unserer vierbeinigen Freunde. Um über die Runden zu kommen, mussten sie vortrinken, das Büchsenbier aus dem Supermarkt in Ehren kann einem keiner verwehren.

Es folgt die Druckbetankung, ab Nachmittag beamt sich Lord Jim ins Geschehen und gibt die Schlagzahl an. Wann Nachmittag ist, hängt vom Empfinden ab. Die phonetische Nähe von Eichstrich und „Eichelstrich“ auch, so weit es die Lustigkeit betrifft. Der Diminutiv ist Chef im Ring. Jesse macht sich Gedanken über das Innere eines Säufers, er stellt sich die beschleunigte Gärung in ihrer Prozesshaftigkeit vor. Er schläft mit einem Gewehr im Bett, wähnt sich aber ständig selbst im Fadenkreuz. Sein Sein leuchtet im Strahlenkranz der Paranoia.

Sven Amtsberg, Superbuhei, Roman, Frankfurter Verlagsanstalt, 315 Seiten

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erstellt am 18.8.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur.