Im August 1947, vor genau siebzig Jahren, endete die britische Kolonialherrschaft auf dem indischen Subkontinent. Bei der Festigung der neuen Nation kam dem Film im postkolonialen Indien eine wichtige Rolle zu. Die filmische Darstellung nationaler Werte und Symbole wandelte sich stets. Heute ist ein Trend zu sozialkritischen Themen spürbar, berichtet Alexandra Schott.

Indischer Film

Mehr als Bollywood

Von Alexandra Schott

Wer kennt sie nicht, die farbenfrohen glamourösen Tanzszenen aus Bollywood. Der indische Film ist allgemein als bunt, kitschig und romantisch verschrien. Er wird geliebt, gehasst und häufig „nur“ als exotisch verstanden – ungeachtet seiner sozio-politischen Schlagkraft und dem steten Wandel seiner cineastischen Erzählformen und Themen.

Die indische Filmindustrie gilt mit einer jährlichen Produktion von heute zum Teil über 1.500 Filmen bereits seit Jahrzehnten als die größte der Welt. Etwa 40 Prozent davon werden in der Sprache Hindi produziert.

Indien ist ein heterogenes Land – multireligiös, multiethnisch, multilingual – und hat viele regionale Kinos hervorgebracht, die in den jeweiligen Sprachregionen weitgehend das Angebot dominieren. Doch der kommerzielle Hindi-Film, besser bekannt als Bollywood, gilt als panindisches Phänomen. Neben den regionalen Kinos wird ihm ein zentraler Stellenwert als Plattform für kulturelle Debatten im öffentlichen Diskurs zugesprochen. Er kann somit als gesellschaftsformend angesehen werden.

Die Entstehung einer Kinokultur

Der anfangs negativ belegte Begriff „Bollywood“, zusammengesetzt aus Bombay und Hollywood, wurde von der englischsprachigen Presse Indiens in den 1970er Jahren eingeführt. Bis heute hat er sich zu einem generischen Begriff entwickelt, der global Verwendung für den indischen (populären) Film findet.

Bombays Entwicklung zu einer der Hauptproduktionsstätten der weltweiten Filmindustrie liegt historisch betrachtet im kolonialen Indien. Zu dieser Zeit hatte die Stadt eine zentrale Stellung in Handel und Manufaktur, und Gelder aus diesen Bereichen flossen in die Filmproduktion. Die erste Filmvorführung fand dort im Juli 1896 statt, kaum ein Jahr nach der Welturaufführung eines Films in Paris. Seit diesem Zeitpunkt entfaltete sich auf dem südasiatischen Subkontinent eine originäre Filmkultur, die sich in wandelnden sozialen, kulturellen und politischen Kontexten entwickelte.

Das indische Kino entwickelte sich analog zum westlichen: Stummfilmära, Studioära, Ausgestaltung eines Starsystems und einer freien Marktentwicklung. Mit der Einführung des Tonfilms 1931 in Indien wurde nicht nur die Wahl einer einzigen Sprache forciert, was die Reichweite der Filme im multilingualen Indien regional begrenzte, sondern sie verhalf auch Musik und Gesang, sich als definierendes Element im indischen Kino zu etablieren. Mitte der 1940er Jahren galt das Kino bereits als indigenisierte Kunstgattung und dominierende Form der Massenunterhaltung.

Die Konsolidierung als Massenmedium wurde durch die Ablösung des Studiosystems von dem System freier Produzenten begünstigt. Ziel war es, ausschließlich kommerziell erfolgreiche Filme zu produzieren, für deren Erfolge die Stars ein wichtiger Faktor waren. Ein weiterer Boom der schnell wachsenden Filmindustrie kam durch eine neue reiche Gesellschaftsschicht, die aufgrund des im Zweiten Weltkriegs entstandenen Schwarzmarkts entstanden war und in profitable Filmproduktionen investierte.

Nach der Teilung des indischen Subkontinents 1947 kam es zu einer Migrationswelle sowohl von hinduistischen als auch muslimischen qualifizierten Arbeitskräften der Filmindustrie nach Indien beziehungsweise Pakistan. Trotz großer sozialer Umwälzungen, den Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs und der traumatisierenden Teilung, die durch enorme Gewaltausschreitungen geprägt war, blieb in der Filmindustrie eine Zusammenarbeit unabhängig von der religiösen oder ethnischen Zugehörigkeit bestehen.

Die unterschiedlichen Gesichter der indischen Nation im Film

Der kommerzielle Hindi-Film konnte sich nach der Unabhängigkeit ohne staatliche Hilfe und trotz hoher Besteuerung sowie einer scharfen Zensur nach viktorianischem Vorbild gegenüber regionalsprachigen Kinos als populärstes Kino etablieren. In Bezug auf Erzählstruktur, Wahl der Themen oder die Ausgestaltung der Heldencharaktere kann der Hindi-Film in verschiedene Phasen untergliedert werden, die durch soziale, politische und ideologische Kontexte einem Wandel unterlagen.

Als Goldene Ära gelten die 1950er Jahre, deren thematische Ausarbeitung unter Ägide von Jawaharlal Nehrus nation building und ökonomischer Entwicklung stand. Die 1970er Jahre stehen dagegen für die politische und gesellschaftliche Frustration der indischen Bevölkerung, die unter der sozialen Ungerechtigkeit und der zunehmenden Korruption und Gewalt seitens des Staates litt – zumal die Euphorie über die erlangte Unabhängigkeit, besonders bei den jüngeren Menschen, verflogen war.

Die zunehmende Verbreitung des Fernsehens in den 1990er Jahren zerstörte die Hegemonie des Kinos als Massenmedium. Es entstand eine Art symbiotische Beziehung zwischen den beiden Medien in Bezug auf Vermarktung und Publicity (von Filmen, Filmmusik und Stars). Zugleich verlief eine filminhaltliche konservative Tendenz zeitgleich zur rasanten, gesellschaftlichen Veränderung infolge der sogenannten Globalisierung. Medien und Staat feierten Familienwerte und brachten diese zugleich mit der Affirmation einer „indischen Tradition“ in Verbindung. Als weiterer Trend wurden die große indische Diaspora und ihre „indischen Werte” in die Filmhandlungen einbezogen.

Gleichzeitig kam das Thema Nationalismus verstärkt, wenn nicht gar aggressiv, auf. Darin wird die Nation als moralische Einheit über kulturelle Verschiedenheit sowie nationalstaatliche Grenzen hinweg gepriesen – und eine nationale Identität anderen Identitäten übergeordnet. Beispielsweise wurde der Gegenspieler Pakistan erstmals im Jahre 1997 in einem Kriegsdrama namentlich genannt. Die 1990er Jahre zeichneten sich auf politischer Ebene durch eine Zuspitzung hindunationalistischer Propaganda aus, die nicht nur ein aggressives Bild eines kämpferischen Hindus postuliert, sondern auch in blutigen Ausschreitungen zwischen Hindus und Muslimen (Pogrome von 1992 in Bombay) gipfelten.

Der Hindi-Film hatte indes stets einen Einfluss auf das nationale Bewusstsein der indischen Bevölkerung. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts verhalfen Medien aller Art dem Unabhängigkeitskampf gegen die Briten auf dem indischen Subkontinent eine enorme Mobilisierungskraft zu verleihen, indem sie die Massen unter einem gemeinsamen Ziel vereinten. Wurden im postkolonialen Indien noch Slogans wie „Unity in Diversity“ („Einheit in Vielfalt“) propagiert, die dem Gründungsmythos eines säkularen Indiens und einer Gandhischen Utopie entsprechen, so ist heute ein Trend zu radikaleren nationalistischen Ausprägungen zu beobachten. Das Bild eines aufgerüsteten, „hinduistischen“ Indiens wird auch im Film verstärkt gezeichnet.

Da Film eine große und heterogene Bevölkerung erreichen kann, trägt dieser dazu bei, bestimmte Werte und Symbole zu (re)produzieren und einzuschreiben. So verwundert es nicht, dass der indische Oberste Gerichtshof im November 2016 entschied, dass die Nationalhymne, die über Jahrzehnte meist nur nach dem Filmabspann gespielt wurde, vor dem Film abgespielt werde müsse – um mehr nationalen Stolz und Patriotismus in der indischen Gesellschaft zu verankern.

Die Flagge erscheint auf der Leinwand und das Publikum ist dazu angehalten auf- und stillzustehen. Dies spiegelt nicht nur die rechtskonservative politische Entwicklung in Indien wieder, sondern provozierte bereits verbale und tätliche Übergriffe auf jene, die dem nicht nachkamen – was wiederum mediale Diskussionen nach sich zog. Dieser Trend bettet sich nahtlos in die heutigen globalen, heiß ausgefochtenen gesellschaftspolitischen Diskurse ein, die eine als begrenzt erfassbare nationale Zugehörigkeit propagieren – und andere Gruppen oder Andershandelnde ausschließen.

Filmtrailer „Lagaan – Es war einmal in Indien“

Ein spürbarer Wandel im populären Film

Doch es gibt auch einen optimistischeren Trend der letzten Jahre, der möglicherweise dem verbreiteten Bild einer homogenen „hinduistischen“ Gesellschaft auch im kommerziellen Film entgegenwirken könnte. Dies ist der erstarkende Einfluss des sogenannten Independent Cinema, das zunehmend ohne moralischen Zeigefinger problematische (Tabu)Themen aufgreift.

Dazu zählen unter anderem Diskriminierung, Kinderverschleppung, Gewalt gegen Frauen oder Analphabetismus. Als Repräsentant Indiens wurde für den Oscar 2002 noch das romantische Historiendrama aus Bollywood „Lagaan – Es war einmal in Indien“ nominiert (welches neben „Einheit in Vielfalt“ auch Kricket als eigentlich „original“ indisch zurücktradiert). 2015 dagegen wurde „Court“, ein regionalsprachiger Art House Film aus Bombay ins Rennen geschickt, der staatliche Willkür und Meinungsfreiheit zum Thema hat, es aber nicht bis zur Nominierung schaffte.

Auch im populären Kino ist ein zarter Wandel der Erzählästhetik zu beobachten, nämlich die eines Autorenkinos, das ohne Tanzeinlagen auskommt. Gleichsam gibt es eine Hinwendung zu einer realistischeren und kritischeren Aufbereitung von zum Teil sensiblen gesellschaftlichen Themen, wie Krankheit im Alter oder Empowerment von Frauen. Neue Stars und Produzenten, die zumeist nicht aus den traditionellen Film-Clans entstammen und mittlerweile auch im kommerziellen Kino mehr und mehr zu sehen sind, könnten mit ihren individuellen Biographien hier ebenso neue Denkanstöße mitbringen. Darunter findet man homosexuelle Produzenten aber auch Schauspielerinnen, die bereit sind, tendenziell rufschädigende Vergewaltigungsszenen zu spielen. Die wachsende Popularität dieser Filme, primär in den städtischen Kinos, spricht für sich.

Zuerst erschienen in: SÜDLINK 180 – Juni 2017 „Unabhängiges Indien“

In der vorliegenden Fassung wurde auf Fußnoten verzichtet.

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erstellt am 18.8.2017

Indisches Filmplakat aus dem Jahr 1951 / Quelle: Wikimedia Commons
Indisches Filmplakat aus dem Jahr 1951
Zur Autorin

Alexandra Schott arbeitete am Südasien-Institut in Heidelberg und lehrte später an der Humboldt-Universität in Berlin, wo sie auch zu Filmfestivals in Indien forschte. 2015 war sie Programmleiterin des Indischen Filmfestivals Stuttgart und ist derzeit für Filmverleiher und Festivals in Berlin tätig.