Musikalisch wie visuell ist das Tanztheater „Vortex Temporum“ für Thomas Rothschild ein Höhepunkt der diesjährigen Salzburger Festspiele. Dort sah er auch eine konzertante Aufführung der Verdi-Oper „I due Foscari“ mit Plácido Domingo. Rothschild berichtet außerdem von Igor Levits zweitem Solistenkonzert, bei dem politische Musik erklang.

Salzburger Festspiele 2017, Teil 3

Applaus statt Solidarität

Dass diese Veranstaltung aus dem Rahmen fällt, wurde schon durch den Ort signalisiert. Sie fand im alternativen Spielraum republic statt, wo früher das Young Directors Project seine Heimat gefunden hatte und wo zurzeit Clubbings mit lokalen DJs das jugendliche Publikum anlocken. Im Rahmen der Programmschiene „Zeit mit Grisey“, die dem Komponisten der Gruppe „L‘Itinéraire“ und Vertreter der so genannten Spektralmusik gewidmet ist, zeigten Anne Teresa De Keersmaekers Rosas zusammen mit dem Ensemble Ictus unter der Leitung von Georges-Elie Octors ihr 2013 bei der Ruhrtriennale uraufgeführtes Tanztheater „Vortex Temporum“ nach der gleichnamigen Komposition für Klavier und fünf Instrumente von Gérard Grisey. Das Unternehmen erinnert an die Zusammenarbeit von John Cage und Merce Cunningham. Avantgarde von gestern? Mag sein. Aber wie lebendig kommt sie doch daher. Sie weist auf, was die gegenwärtigen Realitätsfetischisten vermissen lassen: die formale Anstrengung, die Kunst überhaupt erst zu Kunst macht.

Die siebzigminütige Darbietung beginnt mit einem konventionellen Konzert der sechs Musiker, bei dem allenfalls irritieren mag, dass sich der Pianist den nicht fixierten Konzertflügel immer wieder zurechtrückt. Dann gehen die Musiker ab, die Tänzer kommen auf die Bühne und nützen Elemente des traditionellen Balletts – Gänge und Läufe, Sprünge, Drehungen, Armbewegungen –, um aus kreisenden Bewegungen heraus Figuren ohne musikalische Hilfestellung entstehen zu lassen. Aus der hörbaren Musik wird sichtbare Musik: Tanz eben. Dann kommen die Musiker zurück auf die Spielfläche und werden mitsamt ihren Instrumenten in die Choreographie einbezogen. „Vortex Temporum“ war, musikalisch wie visuell, ein Höhepunkt der diesjährigen Salzburger Festspiele. Hier fahren keine Busse mit Festivaltouristen aus aller Welt vor. Das lässt sich verkraften. Schade nur, dass Salzburg solch einen künstlerischen Glücksfall nachspielen muss. Eine Eigenproduktion dieser Art kostet nur den Bruchteil eines Opernbühnenbilds.

Ein Höhepunkt: Das Tanztheater „Vortex Temporum“ © Salzburger Festspiele / Marco Borrelli

„I due Foscari“ gehört zu den selten gespielten Opern von Giuseppe Verdi. Sie steht unter ihnen, was die Zahl der Aufführungen weltweit angeht, an 18. Stelle, hinter „Ernani“ und vor „Giovanna d‘Arco“ und „Stiffelio“. Rund die Hälfte der Produktionen sind konzertant – mit gutem Grund: Szenisch gibt diese Oper von 1844 nicht viel her.

Sie spielt im Venedig der Renaissance und basiert auf einem von Lord Byron bearbeiteten historischen Stoff. Es geht um den Konflikt zwischen Pflicht und Neigung, zwischen der Rolle des Dogen, der Recht sprechen muss über seinen eines Verbrechens verdächtigen Sohn, und der des Vaters, der den Sohn liebt und an seine Unschuld glaubt. Es geht, wie in „La clemenza di Tito“, um Gerechtigkeit, um „Macht und Ohnmacht“ oder „Strategien der Macht“ (so das Leitthema der diesjährigen Festspiele). Während Mozart aber zeigt, wie es sein soll, genauer: wie Joseph II. nach seinem Begehren handeln sollte, nämlich gnädig, zeigt Verdi, wie es ist: die Gemeinheit siegt. Es gibt keine Gerechtigkeit. Gegen die reale Macht des Zehnerrats kommt die Ohnmacht der beiden Foscari ebenso wenig an wie die Ohnmacht Ludvíks in Milan Kunderas „Scherz“ gegen die angemaßte Macht des größenwahnsinnigen Funktionärs Zemanek. Der Pessimist ist der Realist, der Idealist der Vorläufer des Sozialistischen Realisten. Wenn Verdi bei einem Vergleich der Libretti dennoch den Kürzeren zieht, so liegt das daran, dass das durchaus bedenkenswerte Sujet lediglich behauptet, aber nicht durchgeführt wird. Es bleibt bei Paraphrasen einiger weniger Gedanken, die als Material für die Arien und Ensembleszenen dienen, aber in ihrer Schlichtheit nicht zur Reflexion einladen.

Auch in Salzburg hat man sich für eine konzertante Aufführung entschieden, mit Plácido Domingo als Zugpferd. Der Publikumsliebling, mittlerweile laut Wikipedia 76 Jahre alt, gerüchteweise aber um einiges älter, singt seit mehreren Jahren Baritonpartien, aber die metallische Schärfe in den höheren Lagen verrät immer noch den Star-Tenor von internationalem Ansehen. Seine Stimme ist erstaunlich präsent, wenn die Erinnerung nicht täuscht sogar kräftiger als vor zwei, drei Jahren, und wo sie zu schwächeln droht, kompensiert der Routinier mit Technik.

Plácido Domingo als Zugpferd: Verdi-Oper „I due Foscari“ © Salzburger Festspiele / Marco Borrelli

Der König von Schottland hat, wie der alte Foscari seinen Sohn, seine Tochter Ginevra zum Tode verurteilt, weil sie ihren Bräutigam Ariodante betrogen hat. Und wie Foscari ist er einer Intrige aufgesessen. Christof Loy hat Händels Oper, die von den Pfingstfestspielen in das Sommerprogramm übernommen wurde, in jenem Barockstil inszeniert, den er seit dem Anfang seiner steilen Karriere virtuos beherrscht. Die manierierten Figuren des 17. Jahrhunderts verwandeln sich in Menschen unserer Gegenwart und wieder zurück in Kunstfiguren. Die langen Strecken der redundanten Arien, die die Handlung innehalten lassen, füllt Loy auf mit Choreographien und tableaux vivants mit acht Tänzern, Chor und Statisten. Dazu hat ihm Johannes Leiacker ein kongeniales variables Bühnenbild gebaut, das Roland Edrich mit einer subtilen Lichtregie zum Leben erweckt.

In der Hosenrolle des Ariodante brilliert Cecilia Bartoli schauspielerisch wie sängerisch. Man wäre geneigt, den Erfolg der Aufführung ihren unübertrefflichen Koloraturen zuzuschreiben, stünden ihr mit Sandrine Piau als Dalinda und Kathryn Lewek als Ginevra nicht zwei Sängerinnen zur Seite, die den Abend über die Kabinettstücke hinaus zu einem durchweg beglückenden Erlebnis machen. Angeregt von Virginia Woolfs Roman „Orlando“ lässt Christof Loy Ariodante sich im letzten Akt etwas unvermittelt in eine Frau verwandeln. Eine Frau, die einen Mann spielt und eine für einen Kastraten geschriebene Rolle singt, wird also zu einer Frau. Die Geschlechterverwirrung, die im Zeichen der Konjunktur des Genderbewusstseins bei jeder zweiten Shakespeare-Inszenierung jegliche andere Akzentuierung des jeweiligen Stoffes verdrängt, wird auch hier zum zentralen Motiv.

Man kann, wenn man denn will, Christof Loy einen Hang zum Ästhetizismus vorwerfen, der auf eine Deutung des Stoffes weitgehend verzichtet, aber was er macht, macht er perfekt. Und das ist mehr, als man von anderen Regisseuren sagen kann. Loys Einfälle wirken niemals aufgesetzt, niemals effekthascherisch, sondern fügen sich in eine stimmige Gesamtkonzeption. Und die wiederum befindet sich im Einklang mit den von Cecilia Bartoli gegründeten Musiciens du Prince aus Monaco. Bühne und Orchestergraben lassen einander keinen Moment im Stich.

An den Sälen, in denen die Klavierabende der Salzburger Festspiele angesetzt sind, kann man so etwas wie eine Rangliste ablesen. Grigory Sokolov, Evgeny Kissin, Maurizio Pollini, Martha Argerich und Daniel Barenboim spielen im Großen Festspielhaus (knapp 2200 Plätze), Mitsuko Uchida spielt im Haus für Mozart (knapp 1600 Plätze), András Schiff und Igor Levit spielen im Mozarteum (800 Plätze). Wer wollte, konnte einen direkten Vergleich anstellen zwischen Sokolov (Großes Festspielhaus) und Uchida (Haus für Mozart): beide spielten Mozarts Sonate für Klavier C-Dur KV 545, Sokolov trockener, verhaltener, Uchida lebhafter, heiterer. Uchida ergänzte das bekannte Werk durch eine aktuelle Komposition von Jörg Widmann, der Mozarts Vorlage dekonstruiert – und hier passt einmal der Begriff: er zerlegt die Sonate und konstruiert aus ihren allzu bekannten Bestandteilen etwas Neues.

Unkonventionelles Programm: Zweites Solistenkonzert von Igor Levit © Salzburger Festspiele / Marco Borrelli

Manchmal spiegelt die von den Saalgrößen suggerierte Liste Qualität, manchmal jedoch auch nur den Marktwert, der von allerlei Faktoren abhängt. Jedenfalls zählen Schiff und Levit längst zu den Pianisten der ersten Garde. Igor Levit zeichnet sich zudem durch unkonventionelle Programmzusammenstellungen aus – ein Aspekt, der Markus Hinterhäuser gefallen müsste. Unter anderem propagiert er seit Jahren den amerikanischen Komponisten Frederic Rzewski. Er stand auch, zusammen mit Schönberg und Beethoven, auf dem Programm von Levits zweitem Solistenkonzert bei den diesjährigen Festspielen. Von Schönberg spielte Levit die „Ode to Napoleon Buonaparte (Lord Byron) für Sprecher, Klavier und Streichquartett op. 41“, also nicht als Solist, sondern mit Dörte Lyssewski als virtuoser Sprecherin anstelle des vorgesehenen Sprechers – Schönberg dachte an die Stimme Winston Churchills – und mit Streichern des Klangforums Wien, von Beethoven die „15 Variationen mit einer Fuge für Klavier Es-Dur op. 35 – ‚Eroica-Variationen‘“, zwei Werke übrigens, die auch die Musiktage Mondsee Anfang September kombinieren, die heuer Beethoven gewidmet sind und deren zweites Konzert unter dem Motto „Napoleon“ steht, und von Rzewski „The People United Will Never Be Defeated!“. Dies sind 36 Variationen des Lieds von Sergio Ortega und seiner Vokalgruppe Quilapayun aus dem Jahr 1975, das zur Hymne des chilenischen Widerstands gegen Pinochet wurde.

Sie sind ein gutes Beispiel für politische Musik, deren Bedeutung sich aber, anders als bei Schönbergs „Ode“, erst erschließt, wenn sie vorher durch den Text oder durch den Kontext ihrer Verwendung „erlernt“ wurde. Das gilt auch für Hanns Eislers „Solidaritätslied“, Woody Guthries „This Land Is Your Land“ und „Bandiera rossa“, die in Rzewskis einstündigem Werk zitiert werden. Ob das Festspiel-Publikum wusste, welcher Aufforderung es da am Ende zujubelte? Oder beweist der stürmische Applaus nur, dass im Kulturbetrieb jede politische Motivation verpufft, jede Botschaft eingeebnet wird zu einem „schönen Abend“, Brechts „Resolution der Kommunarden“ („In Erwägung: ihr hört auf Kanonen –/ Andre Sprache könnt ihr nicht verstehn –/ Müssen wir dann eben, ja, das wird sich lohnen/ Die Kanonen auf euch drehn!“) ebenso wie sein von Rzewski musikalisch abgerufener Appell „Proletarier aller Länder,/ Einigt euch und ihr seid frei./ Eure großen Regimenter/ Brechen jede Tyrannei!“? Die Ergebnisse bei den Wahlen demnächst werden es zeigen. „Beim Hungern und beim Essen,/ Vorwärts und nie vergessen:/ Die Solidarität!“ Na ja, wohl eher beim Essen als beim Hungern. Und eher der DAX-Kurs als die Solidarität. „¡El pueblo unido jamás será vencido!“ Tatsächlich? Oder kommt das den Levit-Bewunderern nur spanisch vor?

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erstellt am 18.8.2017

Der Pianist Igor Levit © Salzburger Festspiele / Marco Borrelli

Salzburger Festspiele

21. Juli – 30. August 2017

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