Die kurze Erzählung „Das Pferd“ des Literaturnobelpreisträgers Claude Simon ist kürzlich in deutscher Übersetzung erschienen. Sie handelt von Simons Zeit bei der französischen Kavallerie im Zweiten Weltkrieg. Die Erzählung kann als Keimzelle eines faszinierenden Werkes gesehen werden, meint Martin Lüdke.

Lüdkes liederliche Liste

Reiten, reiten, reiten

Claude Simon, Foto: Dutch National Archives, The Hague / Wikimedia Commons
Claude Simon (1913-2005)

Nicht um die Erzählung des Abenteuers, sondern umgekehrt um das Abenteuer der Erzählung, darum ging es dem französischen Nobelpreisträger Claude Simon, und das sein Leben lang. 1913 auf Madagaskar geboren, kam er noch vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit seinen Eltern nach Frankreich zurück. Gleich zu Beginn des Krieges, im August 1914, fällt sein Vater. Er selbst, noch blutjung, wird gleich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs zum Militär eingezogen. Zur Kavallerie. Sein Bild des Krieges ist nüchtern, fern aller romantischen Verklärung, fern von Heldentum und erhebender Tragik. Das exakte Gegenteil seines beim großen Publikum so erfolgreichen Vor-Reiters:

„Reiten, reiten, reiten, durch den Tag, durch die Nacht, durch den Tag. Reiten, reiten, reiten.“

Durch eine rhythmische Verdichtung zeichnete Rainer Maria Rilke in seiner „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“, 1899, die Monotonie einer Truppenbewegung der Kavallerie nach, die sich in einem langem Ritt auf ungarisches Schlachtfeld zubewegt. Eindrucksvoll und trotz (oder gar wegen?) der (scheinbar?) schmucklos knappen Sprache auch pathetisch. Die Auflage ging bald in die Hunderttausende und übertrifft damit die Gesamtauflage des Nobelpreisträgers von 1985 Claude Simon. Rilkes Geschichte nimmt, erwartungsgemäß, ein trauriges Ende. Im letzten Satz „weint“ eine „alte Frau“.

Etwa dreihundert Jahre später reiten wieder Soldaten durch den Tag, durch die Nacht. Am Anfang des Zweiten Weltkriegs. Eine Truppenbewegung in (vermutlich) Flandern. Ebenfalls ein Kavallerieregiment, das schon lange unterwegs ist, reitet und reitet, bei strömenden Regen, durch die stockdunkle Nacht.

„Alles war dunkel. Man konnte die Spitze der Kolonne nicht sehen. Man konnte überhaupt nichts sehen (…), nur das monotone, endlose und mannigfache Getrappel, das mannigfache Hämmern von der Hunderte von Hufen auf dem Asphalt der Landstraße.“

Der Anfang: diese beiden kurzen Sätze. Dann, nahezu eine ganze Seite lang, ein dritter Satz, der die Bewegung der Pferde, den Regen, der ununterbrochen fällt, die Soldaten, die, im Sattel sitzend, schlafen, durchnässt, erschöpft wie die Pferde, die sich schlafend vorwärtsbewegen, zuweilen ins Stolpern kommen, wodurch die Reiter aufschrecken, fluchen, die Geräusche, die den Schlaf durchdringen, dieser dritte Satz, der das alles beschreibt, was bei Rilke nur beschworen wird.

Eindrucksvolle Bilder

Claude Simons kleine Erzählung „Das Pferd“, erstmals 1958 im Original erschienen, in zwei Teilen in der Zeitschrift „Les Lettres Nouvelles“, kann als die Keimzelle seines ersten großen Romans „Die Straße in Flandern“, 1960, gesehen werden.

Bilder. Bestechende, eindrucksvolle Bilder.

Simon hat einmal gesagt: „Allmählich bin ich zu der Erkenntnis gelangt, daß das Schreiben nicht ermöglicht wiederzugeben, was man Wirklichkeit nennt, sondern stattdessen etwas zu sagen, das zur ‚Wirklichkeit’ in der annähernd gleichen Beziehung steht wie ein gemalter Apfel (…) zu einem Apfel, dem man greifen und in den man hineinbeißen kann.“ Das heißt: Die genaue Beschreibung zielt nicht auf die vermeintliche Wirklichkeit, sondern auf die Bilder der Erinnerung. Entsprechend der Einsicht, dass auch alle Geschichtsschreibung eine Re-Konstruktion ist, sucht Simon die Wirklichkeit in der Erinnerung. „Alles besteht aus Bildern.“ – schreibt er in dem späten Roman „Die Akazie“. Diese Bilder will er in seinem Schreiben gegen eine, wie er sagt, „niederschmetternde Diskontinuität“ der Erinnerung in Stellung bringen.

Was er schreibt, das ist zwar auf der Grundlage von Erlebtem geschrieben, nur fügt es sich nicht mehr zu einem sinnvollen Ganzen zusammen. Im Gegenteil, es erweist sich, so wie es auch Walter Benjamin gesehen hatte, als eine Kette von Katastrophen. Und so, als wäre es die Aufgabe der Literatur, diesen Katastrophen ihre Bilder abzulesen, beschreibt Simon seine Erinnerungen.

„Im Streiflicht der Laterne schien sich der Kopf des Pferdes in die Länge zu ziehen, nahm ein apokalyptisches, erschreckendes Aussehen an, und man konnte seine keuchenden Atem hören. Doch das offene Auge schien jetzt weder Vorwurf noch Anklage mehr zu enthalten. Nicht, daß es dem Anschein nach aufhörte, uns anzustarren, aber es war, als sähe es jetzt durch uns hindurch etwas, was wir nicht sehen konnten, wir, deren verkleinerte Bilder sich noch immer auf dem feuchten Augapfel widerspiegelten wie in einer jener goldbraunen Kugeln, die in einer verzerrenden, schwindelerregenden Perspektive die Gesamtheit der sichtbaren Welt zusammenzufassen, aufzusaugen, zu verschlingen scheinen, als hätte es bereits auf das Schauspiel dieses Universums verzichtet, um seinen Blick umzukehren, sich auf eine innere Sicht zu konzentrieren, auf eine Realität, die realer wäre als die Realität (…)“

Die kurze Erzählung ist erst kürzlich wieder aufgetaucht. Sie wurde von Eva Moldenhauer, wie gewohnt, bestens in Deutsche übertragen. Ergänzt durch ein ausführliches, auch informatives Nachwort von Mireille Calle-Gruber.

Dieses schmale, allerdings, wie bei diesem Verlag üblich, erlesen ausgestattete Buch kann als Lehrbuch genutzt werden. Wer wissen will, was Literatur ist und was Literatur sein kann, kann es hier erfahren.

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erstellt am 17.8.2017

Claude Simon
Das Pferd
Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer
Mit einem Nachwort von Mireille Calle-Gruber
Halbleinen, fadengeheftet, 80 Seiten
ISBN 978-3-946334-17-0
Verlag Berenberg, Berlin, 2017

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