Die Musen sind keine Totengöttinnen, sondern triebhafte Betreiberinnen der Künste. Jede Realisation einer Komposition verlangt ihre wirkungsmächtige Verlebendigung. Hans-Klaus Jungheinrich zeigt anhand von Mozarts „La clemenza di Tito“ und Telemanns geistlicher Vokalmusik, wie weit dieses Verlangen greift.

CD: Unterhaltsames aus dem 18. Jahrhundert

Die Kunst der Informierten

Ich, du, er, sie, es – wir alle sind gerne „authentisch“. Oder etwa nicht? Nun, der prägnant gemeinte Begriff scheint allmählich doch als eher schwammig erkannt zu werden, und vor allem als Modewort hat er jeden Charme verloren. Deswegen sprechen auch die Fans sachkundig wiedergegebener alter Musik nicht mehr von „authentischer“, sondern von „historisch informierter“ Aufführungspraxis. Diese Bezeichnung ist auch ein breites Dach, unter dem sich allerlei Pluralistisches tummeln darf, denn als „historisch informiert“ könnte sich ja auch eine „Matthäuspassion“ mit 500 Mitwirkenden heute gerieren. Sie weiß, dass es bei Bach vor 300 Jahren nur zwei Dutzend Singer & Spieler waren, schert sich aber nicht darum.

Die zu ernstlichen Konsequenzen bereite historisch „informierte“ Aufführungspraxis hat überdies viele Gesichter. Nikolaus Harnoncourt verblüffte schon manchen Musikfreund. Etwa mit einer „Porgy and Bess“-Interpretation, wer hätte ihm so etwas überhaupt zugetraut?, die, ganz anders als eine frühere LP von Lorin Maazel, nicht partiturgenau opernhaft angelegt war, sondern deutlich „unseriöser“ mit Kürzungen und Umarrangements nach der zünftigen Broadway- und Musicalart, was den Bräuchen entsprach, mit denen George Gershwin umging. Und noch ein geradezu brisantes Beispiel von „Werktreue“ offerierte Harnoncourt, etwas, wobei eine traditionell-nationalbewusste tschechische Musikologie im Dreieck springen musste: die tschechische Nationaloper „Die verkaufte Braut“ in deutscher Sprache! Und durchaus mit dem Etikett einer lupenreinen Originalfassung. Denn bei der Musikalisierung des tschechischen Textes war der mit der Muttersprache Deutsch aufgewachsene Komponist seiner späteren Hauptsprache Tschechisch noch sehr unsicher und befasste sich zuerst mit einer deutschen Version – diese konnten Harnoncourt und seine Mitarbeiter aus den Handschriften rekonstruieren.

Doch wenden wir uns der älteren Musik zu, die ja auch, von Monteverdi bis Schubert, das Kerngebiet der Harnoncourt’schen dirigentischen Philologie war. Aus dem späten 18. Jahrhundert ragt eine Opera seria in unsere Zeit, die als Schmerzenskind der Mozart’schen Muse gelten darf: „La clemenza di Tito“, wenige Monate vor dem Tod ihres Autors und also noch nach der „Zauberflöte“ entstanden. Ein Werk mit etlichen traumhaft schönen Arien und einem hochdramatischen ersten Finale (Feuersbrunst in Rom). Die Kehrseite: endlose und stinklangweilige Rezitative (Mozart ließ sie sich wohl von dem Schüler Süßmayr schreiben, der auch das „Requiem“-Fragment ergänzte) und ein recht lederner Intrigen-Plot, der zudem noch gipfelt in triefend edelmütigem Verzeihungs- und Versöhnungsgebaren eines autokratischen Herrschers. Moderne Dramaturgen, Regisseure und Dirigenten sehen sich mithin gezwungen, diese Oper zu retten, indem sie sie zersägen und neu konstruieren. Eine besonders originelle Variante davon boten die Salzburger Festspiele 2017 mit dem russischen Team musikAeterna und dem Dirigenten Teodor Currentzis. Sie implantierten der „Tito“-Oper Teile der c-moll-Messe und instrumentaler Werke Mozarts und konnten damit die Handlung so umbauen, dass das Stück mit dem Tode des Kaisers Titus und nicht mit dessen huldreichem Triumph endete.

In eine andere Richtung „historisch informierter“ Neugewinnung ging die Produktion der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik 2013 mit dem Chor und dem Orchester der Academia Montis Regalis, dirigiert von Alessandro De Marchi. Sie liegt nun auch als CD-Kassette vor. De Marchi besann sich auf den nicht sehr bekannten Umstand, dass „Tito“ nach 1800 für einige Jahrzehnte zu den beliebtesten Mozart-Opern gehörte. Sie wurde aber nicht „mit Haut und Haaren“ gespielt, vielmehr in Bearbeitungen, die auch Arien anderer zeitgenössischer Tonsetzer wie Weigl und Mayr enthielten. Eine solche Hybridfassung, aufgeführt in Wien 1804, präsentiert die Innsbrucker Interpretation. Man kann nicht behaupten, dass die mozartfremden Bestandteile hier musikalische Aufreger wären, aber sie fallen auch nicht heraus. Die ansonsten recht geschwinde und etwas ruppige, ziemlich asketisch mit dem Schönklang der lyrischen (Bassetthorn-) Arien hantierende Diktion entspringt persönlichem Geschmack und hat einen deutlich modernen Zug. Da auch die sängerischen Eindrücke vorzüglich sind (Carlo Allemano in der Titelrolle mit atemberaubenden Tenor-Koloraturen, Kate Aldrich als sensibel-sonorer Sestro), hört man gerne zu und freut sich – auch dank gekürzter Rezitative – dass „historisch informiert“ nicht „Partiturzustand letzter Hand“ bedeuten muss.

Georg Philipp Telemann, der Vielschreiber, starb 1767, ist also wie Kollege Händel auch ein Jubilar des Jahres 2017. Man scheut sich, ihn in einem Atemzug mit Händel oder gar Bach zu nennen. Doch zu verachten ist er auch nicht – er repräsentiert einen tonsetzerischen Standard, der an vielseitiger Professionalität in seiner Epoche kaum zu übertreffen war. Daran erinnern 2017 auch viele CD-Streifzüge durch sein Œuvre. Auch mit protestantischer geistlicher Musik hat Telemann sich hinlänglich beschäftigt. Seine 1727 veröffentlichten Kirchenarien – man darf sie als überaus unterhaltsam und abwechslungsreich bezeichnen – sind nicht unbedingt als „sakral“ kenntlich; man könnte sie sich gut mit weltlichen, sogar hin und wieder frivolen Texten vorstellen. Ihr expressiver Radius umfasst Leidenschaft, Schmerz, Ergebung, pathetische Ermahnung, Theatralik bis zur Koketterie. Die cpo-Veröffentlichung enthält Vokalstücke zu den Sonntagen 10 bis 20 nach Trinitatis; gesungen wurden sie einst in der Nachbarschaft der Predigten im Gottesdienst.

Die auf ansprechende Weise historisierend inspirierten Musiker des GSOConsort agieren auf bestem künstlerischen Niveau: die vital und präsent anmutende Sopranistin Gudrun Sidonie Otto wie auch der insistierend substantielle männliche Alt von David Erler. Die Instrumentalbegleitung ist sparsam, aber charaktervoll: mit Caroline Kang am Violoncello, Karl Nyhlin am lautenähnlichen Gallichon sowie Aleksandra Grychtolik an Cembalo und Orgel. Man höre nur die beiden ersten Arien oder das zornig-sanfte Kontrastpaar „Krache, sinke, morsche Hülle“ und „Wollte doch die Stunde schlagen“ (zum 16. Sonntag nach Trinitatis), und man könnte unschwer zum überzeugten Telemannianer werden!

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erstellt am 11.8.2017

Georg Philipp Telemann
Georg Philipp Telemann (1681-1767)

Wolfgang Amadeus Mozart
La clemenza di Tito
Carlo Allemano, Nina Bernsteiner, Kate Aldrich, Ann-Beth Solvang, Dana Marbach, Marcell Bakonyi, Academia Montis Regalis, Alessandro De Marchi
2 CDs
cpo, 2016

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Georg Philipp Telemann
Geistliche Arien
Gudrun Sidonie Otto, GSOConsort
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