Im Deutschen Kunstverlag ist der reich bebilderte Essay „Marcel Proust“ des Literaturkritikers Andreas Isenschmid erschienen. Er erzählt Prousts Leben und die Entstehung seines Werkes in sechs „Geschichten“. Isenschmid zeigt sich als intimer Kenner des gesamten Proust, meint Martin Lüdke.

Lüdkes liederliche Liste

Ein Bild von Marcel Proust

Marcel Proust
Marcel Proust (1871-1922)

Ein völlig verrückter Spinner, „verrückt und hochbegabt“, dem wir eines der größten Werke der Weltliteratur verdanken. Fast lebensuntauglich, hat er buchstäblich bis zu seinem letzten Atemzug an seinem Werk gearbeitet. Er war ein Hypochonder und tatsächlich krank. Er hat aus seiner Krankheit die Energie bezogen, derer es bedurfte, das versäumte Leben in sein Werk zu transformieren. Er hat „die verlorene Zeit“ in seinem Werk „wiedergefunden“. Sieben Bände. Tausende von Seiten. Proust-Leser, ich fürchte, es werden immer weniger, erkennen einander. Worte wie Combray, wie Balbec sind ihre Losungen. Der Held dieses monumentalen Werks heißt, wie sein Autor, Marcel. Wer darin autobiographische Züge vermutet, liegt richtig. Wer die „Suche nach der verlorenen Zeit“ für eine Autobiographie hält, liegt aber falsch. Denn Proust greift nicht nur nach den Sternen, er will mehr. Er will dem Tod trotzen. Er will das Vergangene im Gegenwärtigen wieder lebendig werden lassen. Er will das Unmögliche. Und: er hat es erreicht.

Der große Philosoph Theodor W. Adorno, heute so vergessen wie Hegels Hund, hat vor dem großen Marcel Proust klein beigegeben. Immer wieder hat er sich auf Proust bezogen. Aber zusammenhängend mit ihm auseinandergesetzt hat er sich nur in seinen „Kleine(n) Proust-Kommentare(n)“, knapp fünfzehn Seiten lang. Sieben Textstellen kommentierte Adorno. Seine Absicht: durch „Versenkung ins Bruchstück“ etwas „von dem Gehalt des Ganzen“ aufleuchten zu lassen“. Vielleicht das einzige Verfahren, dem Autor gerecht zu werden.

In der Reihe „Leben in Bildern“, herausgegeben von Dieter Stolz, ist jetzt der Band „Marcel Proust“ von Andreas Isenschmid erschienen. Der Schweizer Literaturkritiker, einer der klügsten im deutschsprachigen Raum, bedient sich eines ähnlichen Verfahrens. Er erzählt Prousts Leben und die Entstehung seines Werkes in sechs „Geschichten“, die jeweils am Einzelnen etwas von dem Ganzen aufscheinen lassen. Er stellt uns die „Fragmente“ einer Kindheit vor, geprägt von der jüdischen Mutter und ihrer Verwandtschaft. Er erzählt von der Gymnasiastenzeit Prousts, von seinen Versuchen, im gesellschaftlichen Leben in Paris zu reüssieren, im Salon Greffulhe akzeptiert zu werden, von der Rolle des englischen Kunsttheoretikers Ruskin und schließlich von dem Vorhaben der „Recherche“, die Kunst als Widerstand gegen den Tod zu etablieren. Isenschmid wechselt dabei mit einer geradezu tänzerischen Leichtigkeit von der Biographie zum Werk und wieder zurück. Isenschmid zeigt sich als intimer Kenner des gesamten Proust.

Es ist tatsächlich ein Bilderbuch, das uns hier präsentiert wird. Wunderbare Bilder, die aus dem Leben stammen und das Werk beleuchten. Die Familie, die jüdische Verwandtschaft, die beiden Jungens, der Bruder Robert, der in den Fußstapfen des Vaters Arzt werden wird, und Marcel, beide in „schottischen Kleidern“. Bilder seiner Freunde und ersten Lieben, Bilder des Vorbilds für die Herzogin von Guermantes. Die Orte seines Lebens und seines Werks. Für Proust-Leser wird dieses schmale Buch, keine hundert Seiten umfassend, zu einem unverhofften Geschenk. Das große Format, DIN A 4, erlaubt es leider nicht, es immer bei sich zu tragen. Das ist sein einzige Manko.

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erstellt am 04.8.2017

Andreas Isenschmid
Marcel Proust
Gebunden, 96 Seiten, 69 Abbildungen
ISBN: 9783422073982
Deutscher Kunstverlag, München 2017

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