Bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen erlebte Thomas Rothschild Standing Ovations für den Pianisten Igor Levit, einen Auftritt der Violinistin Julia Fischer und ein grandioses Feuerwerk, das von einer Wagner-Gala übertrumpft wurde. In Stuttgart besuchte Rothschild zudem das internationale Tanzfestival „Colours“.

Ludwigsburger Schlossfestspiele 2017, Teil III

Die Früchte der Geduld

Nie war Schostakowitsch so nah an Johann Sebastian Bach wie mit seinen 24 Präludien und Fugen op. 87, die nicht nur in ihrer Form – wobei Schostakowitsch im Quintenzirkel und nicht, wie Bach, in chromatisch aufsteigender Reihe voranschreitet und auf jede Dur-Tonart die parallele, nicht die gleichnamige Moll-Tonart folgen lässt –, sondern auch in einzelnen Phrasen dem großen Vorbild Reverenz erweisen. Igor Levit, einer der zahlreichen Musiker, mit denen Russland, ein schier unerschöpflicher Nährboden für junge Talente, den Westen bereichert, interpretiert den kompletten Zyklus im verschwitzten langärmeligen T-Shirt mit differenzierendem Feingefühl in den lyrischen und donnernder Kraft in den dramatischen Passagen. Standing Ovations nach mehr als drei Stunden im Ordenssaal, in dem auch Fächer keine Kühlung zu verschaffen vermögen. Hier mussten nicht ein paar Wichtigtuer, die schon beim letzten Ton aufspringen und sich prüfend umsehen, ob die anderen ihr Beispiel nachahmen (eine zunehmende Unsitte), den Applaus erzwingen. Die Begeisterung war echt und einmütig.

Der Pianist Igor Levit, Foto: Robbie Lawrence

Der Reigen erstklassiger Solistinnen und Solisten, die jede und jeder für sich eine Reise zu den Ludwigsburger Schlossfestspielen rechtfertigten, setzte die Violinistin Julia Fischer fort, die zusammen mit dem Cellisten Daniel Müller-Schott und dem Pianisten Herbert Schuch Klaviertrios von Beethoven und Tschaikowsky interpretierte. Nach Beethovens zugleich komplexem und in bestem Sinne eingängigem „Erzherzog-Trio“ keimt doch der Verdacht auf, dass Tschaikowskys einziges Klaviertrio, das der Komponist dem Andenken des Pianisten und Freundes Nikolaj Rubinstein gewidmet hat und dem das Programmfaltblatt bescheinigt, es sei „Kammermusik beinahe sinfonischen Ausmaßes“, auch ziemlich trivial oder, unfreundlich ausgedrückt, ein Schmarren ist. Bei jedem der schlichten Themen weiß man spätestens nach vier Takten, wie‘s weitergeht. Zu Beethovens Klaviertrio verhält sich diese Komposition wie Mozarts „Musikalischer Spaß“ zu dessen Hornquintett Es-Dur.

Ein exakt abgestimmtes Feuerwerk

Nach der Zugabe von Wieder, Gansch und Paul kam Mnozil Brass selbst mit seinem neuen Programm „Cirque“. Das Wiener Bläserensemble ist bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen Stammgast und füllt mittlerweile mühelos das Forum am Schlosspark, mit einem Publikum auch, das nicht unbedingt zu Alter Musik in den Ordenssaal geht. Diesmal verzichtete Mnozil Brass auf eine Handlung und reihte stattdessen Clownsnummern aneinander, mit Reminiszenzen an Klassiker des Genres von Grock und Popow bis zu Pic vom Circus Roncalli. Das lief einher mit der betörenden Musik, diesmal unter anderem von Johann Strauß, Mahler, Strawinsky, von Anton Karas („Der dritte Mann“), Henri Betti („C‘est si bon“) und Queen. Die Blasmusik wurde ergänzt durch Close Harmony-Gesang. Die Herren können bedenkenlos mit den Andrews Sisters konkurrieren.

Das Klassik Open Air Konzert vor dem Schlösschen Monrepos, das sich längst als Publikumsmagnet erwiesen hat, eine Art „Proms in the Park“, inklusive Picknick, fand diesmal unter dem Motto „Weiße Nächte“ statt: ein Best of Russian (Bühnen)Musik. Zur Einstimmung las Intendant Wördehoff den Anfang von Dostojewskis mehrfach verfilmter Novelle vor: „Es war eine wunderbare Nacht, eine von den Nächten, die wir nur erleben, solange wir jung sind, freundlicher Leser. Der Himmel war so sternenreich, so heiter, dass man sich bei seinem Anblick unwillkürlich fragen musste: können denn unter einem solchen Himmel überhaupt irgendwelche böse oder mürrische Menschen leben?“ Und ich frage mich, nachdem ich diese Sätze auftragsgemäß auf den Heimweg mitgenommen habe, wie man in der ersten der Weißen Nächte, in denen es in Sankt Petersburg bekanntlich nicht dunkel wird, die Sterne am Himmel sehen kann. Wie in den vergangenen Jahren wurde das letzte Stück – Tschaikowskys Ouvertüre „1812“ – von einem exakt abgestimmten Feuerwerk begleitet, das selbst die Verächter dieser Lustbarkeitsgattung zu begeistern vermochte, die einst, im Barock, die Könige unterhielt und heute Volksfeste schmückt. Apropos: Unter den 7800 Besuchern des Open Air Konzerts war auch der Bundestagspräsident Norbert Lammert. Er saß irgendwo in der 19. oder 20. Reihe mitten unter den „normalen“ Zuhörern. Kurz davor, am Nachmittag, hatte ich im Fernsehen eine Sendung über das oberschwäbische Dorf Oberstadion gesehen. Beim sonntäglichen Gottesdienst sitzen der ansässige Graf und seine Gemahlin nicht etwa inmitten der Kirchengemeinde, sondern in einer gräflichen Loge neben dem Altar. Offenbar hat sich in Oberstadion und bei der Kirche 99 Jahre nach Abschaffung der Monarchie noch nicht herumgesprochen, was Demokratie ist. Den Fernsehreporter juckt das nicht.

Man muss Wagnerianer sein

Das Feuerwerk wurde zu guter Letzt übertrumpft von einer Wagner-Gala. In den vergangenen Jahren häuften sich die Kurzfassungen des „Rings des Nibelungen“. In Ludwigsburg kommt man mit zwei Sängern aus, um Szenen aus den letzten beiden Teilen des Zyklus, aus „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ konzertant zu zelebrieren. Man muss wohl Wagnerianer sein, um diese geballte Ladung von ungebrochenem musikalischem Pathos ganz ohne szenische Ablenkung ironiefrei zu genießen. Wenn der etwas voluminös geratene Siegfried Simon O‘Neill seine ihn um einen Kopf überragende Brünnhilde am Dirigenten vorbei verliebt anstrahlt, hat er sich vielleicht geirrt, denn dort stand anstelle der angekündigten Christine Goerke Lise Lindstrom. Immerhin darf er sich darüber freuen, dass er nicht in Gefahr des Inzests gerät, nachdem ihn die – erst einmal nur im wörtlichen Sinne – erweckte Brünnhilde, die Siegfried zunächst für seine Mutter hält, aufgeklärt hat: „Du wonniges Kind! Deine Mutter kehrt dir nicht wieder.“ Dem Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg und seiner Frau Gerlinde, die nahezu einen Walküren-Namen trägt, hat es gefallen. Winfried Kretschmann ließ die Öffentlichkeit wissen: „Die hervorragenden Musiker und die stimmgewaltigen Solisten unter Leitung von Chefdirigent Pietari Inkinen haben die Wagner-Gala im Forum am Schlosspark für meine Frau und mich zu einem großartigen Erlebnis gemacht. Mit ihrem erstklassigen und abwechslungsreichen Programm stehen die Ludwigsburger Schlossfestspiele als Internationale Festspiele Baden-Württemberg beispielhaft für die lebendige Kulturlandschaft unseres Landes.“ Hojotoho. Was Kretschmann unter „Kulturlandschaft“ versteht, hat er vor einem Jahr bei der Landespressekonferenz deutlich gemacht: „Die bäuerliche Landwirtschaft prägt das Gesicht unserer Kulturlandschaft.“

Die feindselige Kritik an Thomas Wördehoff, die in den ersten Jahren nach seiner Berufung im Jahr 2009 geäußert wurde, nicht zuletzt von Seiten eines grünen Lokalpolitikers (in Sachen Kultur erweisen sich die Grünen immer wieder als ebenso kenntnislos und borniert wie ihre Kollegen von der SPD und der CDU), ist inzwischen angesichts von 37000 Zuschauern und 30 ausverkauften Veranstaltungen (das ist es, was bei Politikern zählt) verstummt. Aus der Ludwigsburger Erfahrung könnte man, wenn man bloß wollte, lernen: neue Konzeptionen brauchen ihre Zeit, um sich durchzusetzen. Das Publikum ist lernfähig und nimmt, auch unter Veränderung seiner Zusammensetzung, Anregungen gerne an. Man darf nur nicht allzu schnell die Geduld verlieren. Wenn man den Architekten von Kulturveranstaltungen so nachgiebig entgegenkäme wie den Baumeistern der Elbphilharmonie, des Berliner Flughafens oder von Stuttgart 21, sähe manches besser aus. Aber weil die Politikmarionetten gegenüber der Wirtschaft machtlos sind, lassen sie ihre Herrschaftsgelüste auf dem Gebiet der Kultur aus. Bis ihre Namen dem Vergessen anheim gegeben sind. Das benötigt oft weniger Zeit, als normale Menschen brauchen, um neuen Wegen in der Kultur zu folgen.

A Love Supreme, Tanzfestival Colours, Theaterhaus Stuttgart, Foto: Anne van Aerschot

Für die Ludwigsburger Schlossfestspiele war die Saison zu Ende. Die zweite Auflage des von Eric Gauthier ins Leben gerufenen Tanzfestivals „Colours“ im zehn Kilometer entfernten Stuttgarter Theaterhaus und ein paar Kilometer weiter auf Plätzen der Innenstadt hatte noch einen Tag Zeit für seinen Abschlussabend. Anne Teresa De Keersmaeker und Salva Sanchis haben ihre Choreographie zu John Coltranes „A Love Supreme“ von 2005 überarbeitet und im Theaterhaus vorgestellt, ehe sie weiter auf Reisen geht, zu Festivals in Wien und Genf, in Brüssel und Amsterdam, in Philadelphia und New York. Getanzt wird überall. Tanzfestivals haben Konjunktur. Früher pilgerte man nach Wuppertal, um die Truppe von Pina Bausch zu sehen. Heute kommen die Stars der Tanzszene in jedes Nest. Gut fürs Publikum am Ort. Schlecht für die kulturelle Diversität.

Es dauert eine gute Viertelstunde, ehe die Musik von der legendären Platte von 1965 einsetzt. Davor tanzen vier Männer barfuß und in T-Shirts, drei in Schwarz, einer in Grau, ganz ohne akustische Begleitung. Nach ein paar Minuten ziehen sich drei von der Tanzfläche zurück, einer, der später dem Tenorsaxophon, also John Coltrane zugeordnet werden wird, vollzieht kurze Gänge und hält an, als wolle er das Terrain vermessen, Positionen prüfen. Dann gerät sein Körper in Bewegung, er windet sich wie zuvor das ganze Quartett. Das kommt zurück auf die Fläche, die Musik setzt ein, jeder Tänzer wird je einem Instrument zugeordnet, dem Saxophon John Coltranes, dem Klavier McCoy Tyners, dem Kontrabass Jimmy Garrisons und dem Schlagzeug von Elvin Jones. Bei einem Solo entfernen sich die übrigen drei Tänzer, wenn das Tenorsaxophon aussetzt, verlässt der entsprechende Tänzer die Fläche.

Die vier Männer beschreiben mal einheitliche Figuren, mal drückt sich jeder individuell aus. Dabei folgen sie der Struktur der Musik nur stellenweise, keineswegs illustrativ. Dass sich ein Tänzer zu Boden fallen lässt, wenn Coltrane eine absteigende Melodie bläst, ist die Ausnahme. Eine leitmotivisch wiederkehrende Geste ist der nach oben durchgestreckte Arm, den man, wenn man denn will, als visuelle Umsetzung des religiösen Subtextes von Coltranes Stück interpretieren kann. Diese Möglichkeit sollte man jedoch nicht überstrapazieren. Richtiger ist es wohl, „A Love Supreme“ von Keersmaeker und Sanchis als getanzte Musik im engsten Verständnis zu begreifen. Viel Beifall nach nur 50 Minuten. Mehr braucht es nicht zum Glück.

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erstellt am 27.7.2017

Feuerwerk, Klassik Open Air, Ludwigsburger Schlossfestspiele 2017, Foto: Werner Kuhnle

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