Der Hauptakt der Bregenzer Festspiele findet unter freiem Himmel statt. Kasper Holten setzt bei seiner „Carmen“-Inszenierung auf knallbunte Kostüme, Stunts und ein überdimensionales Bühnenbild. Neben dem Spektakel auf der Seebühne gibt es in Bregenz eine zweite Operninszenierung im Festspielhaus. Diesmal ist es Rossinis „Moses in Ägypten“, berichtet Thomas Rothschild.

Bregenzer Festspiele

Tragisch, aber trocken

Die Bregenzer Festspiele sind ein Festival für Opernliebhaber, die der Oper misstrauen. Deshalb überlagert das Beiwerk, was Oper ausmacht, die Musik, den Gesang, die Interpretation und szenische Umsetzung eines Librettos, deshalb verdrängt ständiges lautes Geschwätz das konzentrierte Zuhören, das eigene wie das der Nachbarn. So ist es halt, so soll es sein. Dazu passt das Programmheft, das eher einer Werbebroschüre gleicht und dem man intellektuelle Überforderung gewiss nicht vorwerfen kann.

Der Hauptakt der Bregenzer Festspiele findet unter freiem Himmel statt. Darin besteht seine Attraktivität, aber das macht ihn auch vom Wetter abhängig. „Carmen“ ist so ziemlich die risikofreiste Wahl, die man sich ausdenken kann. Konsequenterweise sind alle Vorstellungen bereits vor der Premiere ausverkauft. Ein Erfolg. Ein Erfolg? Traut man dem Bregenzer Publikum, einschließlich dem österreichischen Bundespräsidenten, wirklich nichts zu, was ein bisschen näher an der Gegenwart, ein bisschen überraschender ist als Bizets Knüller? „Carmen“ auf der Seebühne hat mehr mit André Heller zu tun als mit Kunst. Aber das Publikum weiß das. Und so harrt es auch zwei Stunden lang tapfer im Regen aus. Und ist am Schluss begeistert, nachdem sich der Himmel als gnädig erwiesen hat und die Oper zwar erwartungsgemäß tragisch, aber trocken geendet hat.

Carmen, Bregenzer Festspiele 2017, Foto: Karl Forster

Die Regeln besagen, dass die Aufführungen wetterbedingt ins Festspielhaus verlegt werden können. Dort aber ist nur Platz für die zwei teuersten von sieben Preiskategorien. Die Besucher der Kategorien drei bis sieben erhalten den Kartenpreis zurück, wenn eine Aufführung innerhalb von sechzig Minuten in den Saal verlegt werden muss. Es versteht sich, dass die Veranstalter auch bei zunehmendem Regen so lange wie möglich draußen auf dem See weiterspielen lassen. Ein Abbruch kommt sie teuer zu stehen. Aber auch die Zuschauer auf den billigen Rängen, die zum Teil von weit her angereist sind, wollen kein vorzeitiges Ende. Sie wollen nicht ihr Geld zurück, sondern „Carmen“ (oder „Turandot“, oder „Die Zauberflöte“) sehen, sie wollen das Event. Es ist eine typische Win-win-Situation, wenn dem Regen getrotzt wird. Nur die Sänger können einem leid tun.

Was dann, mit oder ohne Regen, auf der Seebühne gezeigt wird, versucht in der Regie des Dänen Kasper Holten, seit 2011 künstlerischer Leiter der Covent Garden Opera, gar nicht erst, eine neue Deutung der um circa ein Drittel gekürzten „Carmen“ zu entdecken wie etwa Dmitri Tcherniakov eben erst in Aix-en-Provence. Stattdessen: knallbunte Kostüme, Stunts, Wasserspiele, Pritscheln im See und das überdimensionale Bühnenbild über der Wasseroberfläche, diesmal zwei Damenhände von Es Devlin, die Karten durch die Luft schleudern, die wiederum als Videoflächen fungieren, und mit einer Zigarette zwischen den Fingern, aus der in regelmäßigen Abständen Rauch aufsteigt. Die Wiener Symphoniker sitzen, wie stets in Bregenz, im Trockenen, im Festspielhaus eben, von wo Bilder vom Dirigenten, von Musikern und sogar vom Souffleur auf zwei riesige Leinwände übertragen werden.

Genau dies unterscheidet den Effekt von seriöser Kunst: Weil das tonnenschwere Riesenbühnenbild, weil der See vorhanden sind, muss gekraxelt, geschwommen, getaucht und Schifferl gefahren werden, auch wenn es nicht dem aktuellen Stück oder einer Konzeption dient. Die Akrobatik ist, ob bei „Carmen“, „Turandot“ oder „Zauberflöte“, Selbstzweck wie im Zirkus. Die Hände ragen aus dem Bodensee wie bei der Biennale aus dem Canale Grande – egal: Hauptsache sie ragen.

Musikalisch konnte die Premiere der Inszenierung, für die die Hauptrollen dreifach besetzt sind, befriedigen, obwohl Bregenz auf die ganz großen Namen verzichtet. Hervor stach die Interpretin der Micaela, Elena Tsallagova. Hier traf man auf eine Sängerin, die schon auf mehreren internationalen Festivals reüssiert hat, zwei Jahre lang zum Ensemble der Bayerischen Staatsoper zählte und zurzeit dem der Deutschen Oper in Berlin angehört. Ihr möchte man gerne wiederbegegnen.

Moses in Ägypten, Bregenzer Festspiele 2017, Foto: Karl Forster

Neben dem Spektakel auf der Seebühne gibt es in Bregenz traditionell eine zweite Operninszenierung drinnen im Festspielhaus. Sie wird lediglich drei Mal gezeigt, viele „Carmen“-Besucher wissen nicht einmal von ihr. Unter dem Vorläufer der gegenwärtigen Intendantin, unter David Pountney diente dieser Programmplatz für die Präsentation neuerer Opern, darunter auch solcher Entdeckungen wie Mieczysław Weinbergs „Passagierin“. Elisabeth Sobotka, nunmehr bald drei Jahre im Amt, hat in ihrer ersten Spielzeit „Hoffmanns Erzählungen“ angeboten, 2016 überraschte sie mit einer vergessenen Hamlet-Oper von Franco Faccio, diesmal „wagt“ sie Rossinis selten gespielte Oper „Moses in Ägypten“. Obgleich – „selten“ ist relativ. Es gilt nur für die erste italienische Fassung von 1818. Bei den Salzburger Festspielen lief die spätere französische Überarbeitung dieser Oper „Moses und Pharao oder Die Durchquerung des Roten Meeres“ gerade erst vor neun Jahren.

„Moses in Ägypten“ verbindet die alttestamentarische Erzählung vom Auszug der Hebräer aus Ägypten mit einer Liebesgeschichte zwischen dem Sohn des Pharaos und der Jüdin Elcìa, die ein privates Motiv für die Entscheidungswankelmütigkeit des ägyptischen Herrschers beisteuert. Diese Lovestory kommt ziemlich klischeehaft daher, ermöglicht aber intime Musiknummern, die mit den wirkungsvollen Chören kontrastieren.

Die niederländische Regisseurin Lotte de Beer hat sich für ein Verkleidungstheater mit historisch nicht zuordenbaren Kostümen entschieden, das in den Massenszenen an Cecil DeMille erinnert, eine Seebühne ohne See. Dazu hatte sie die Idee, zwei Frauen und einen Mann vom Ensemble Hotel Modern auf der Bühne umhertigern zu lassen. Sie sind so etwas wie Archäologen, die die biblische Geschichte aus dem Sand ausgraben und zugleich arrangieren, redigieren, vielleicht sogar verfälschen. So legen sie den Arm des Pharaos um Moses, als sollten diese wie Arafat und Rabin für ein Zeitungsfoto posieren. Sie lassen den Chor zu Tableaus erstarren und schaffen derart einprägsame Bilder die im Gegensatz stehen zum Liebespaar-Idyll. Sie basteln den Blitz, der dazu bestimmt ist, den Sohn des Pharaos zu erschlagen und mit ihm das Hindernis für den Auszug der Juden zu beseitigen. Vor allem aber nutzen sie Spielzeugfiguren, die auf offener Bühne bewegt und mittels Video stark vergrößert projiziert werden. Diese Minipüppchen ergänzen und verdoppeln, was die Darsteller aus Fleisch und Blut im Schweiße ihres Angesichts und singend spielen.

Verkleidungstheater mit Puppenspiel: Moses in Ägypten, Bregenzer Festspiele 2017, Foto: Karl Forster

Diesen Einfall könnte man für originell halten, wenn die Verwendung von Puppen nicht zurzeit in Österreich grassierte wie eine Epidemie, seit die Theaterleiter in seltener Einmütigkeit und ohne Konkurrenzfurcht ihre flammende Liebe zu dem Puppenspieler und Kunstpfeifer Nikolaus Habjan entdeckt haben. Aber auch jenseits der Originalität des Einfalls mag man sich fragen, wie intelligent und zu Ende gedacht die Regiekonzeption ist. Noch vor der Pause findet, zu imposanter Größe aufgeblasen, ein Pogrom als Puppenspiel statt. Ein niedliches Pogrömchen, inklusive Vergewaltigung, Mord und Totschlag. Und weil das so schön ist, wird etwas später auch im Puppenformat an die ertrinkenden Boatpeople von heute erinnert. Irgendwie funktioniert die Rettung nicht mehr wie im Alten Testament. Dabei hat in Bregenz das Rote Meer in einem Aquarium Platz.

Musikalischer Höhepunkt ist neben den Chören ohne Zweifel das Quartett „Mi manca la voce“ mit dem jüdisch-ägyptischen Liebespaar Elcìa, Osiride, der Frau des Pharaos Amaltea und Moses‘ Bruder Aaron, der in der Oper Aronne heißt. Der Bundespräsident Alexander van der Bellen war auch diesmal zugegen. Was passiert eigentlich, wenn mal einer ins oberste Staatsamt gewählt wird, der Rosenzüchtung mehr schätzt als Opern? Muss der dann keine Festspiele eröffnen? Darf er seine Reden stattdessen bei der Eröffnung einer Gartenschau halten? Große Eingriffe würden seinem Redenschreiber sicher nicht abverlangt.

Mittlerweile schickt sich das Komikerpaar Kurz und Kern an, HC Strache zum Juniorpartner oder gar zum Bundeskanzler zu machen, unterstützt von unbeirrbaren Anhängern, die eben noch die Welt untergehen sahen, falls dessen Parteifreund Norbert Hofer Bundespräsident würde. Einen Moses werden sie nicht brauchen. Sie werden aus dem österreichischen Ägypten nicht ausziehen, sondern sich mit dem FPÖ-Pharao arrangieren. Ist ja nicht so schlimm. Eine Welt, die einen Trump und einen Orbán aushält, kann auch mit einem Strache leben. Die paar, die es existentiell betrifft, werden die Österreicher schnell aus den Augen verlieren. Wie sie es immer schon taten. Das Rote Meer braucht sich für sie nicht zu teilen. Und falls doch welche das Land verlassen wollen? Niemand wird sie daran hindern. Das Problem heutiger Flüchtlinge ist meist nicht die Abreise, sondern die Ankunft.

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erstellt am 24.7.2017

Carmen, Bregenzer Festspiele 2017, Foto: Anja Köhler

Festival am Bodensee

Bregenzer Festspiele

19. Juli bis 20. August 2017

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