Textland

Dreifaltige Hölle

Es gibt kein Recht auf Hilfe – In der „Hillbilly-Elegie“ erzählt J.D. Vance von seiner taffen Oma. Sein Bericht antwortet auf Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“

Sixteen Tons
Some people say a man is made out of mud
A poor man's made out of muscle and blood
Muscle and blood and skin and bones
A mind that's weak and a back that's strong

You load sixteen tons what do you get
Another day older and deeper in debt
Saint Peter don't you call me 'cause I can't go
I owe my soul to the company store

I was born one morning when the sun didn't shine
I picked up my shovel and I walked to the mine …

Die Liebhaber der Mutter belehren ihn über sein fadenscheiniges Wesen. Zur Not heuchelt er. Für einen alkoholhaltigen Tropfen Anerkennung täuscht J.D. Interesse an Ohrringen, Polizeiautos und Kindern vor, je nachdem, was die Kumpanei mit den Steves, Chips und Kens, die seiner Mutter gerade gefallen, verlangt. Die Frau führt das Leben der Trailerparknomaden. Ständig muss das Kind sich neu einfinden und anpassen. Es wehrt sich gegen Zumutungen, indem es als Heimat verwirft, was die Mutter in ihrem eigenen Protest dafür nimmt. Unumstößliche Zugehörigkeit behauptet es zum Mountainmilieu der Großeltern in Jackson/Breathitt County/Kentucky. In der Wahrnehmung des Heranwachsenden sind Oma und Opa hagestolze Leute, unerschütterlich, bedürfnislos, hilfs- und gewaltbereit und patriotisch auf explosive Weise. In ihrer Obhut gewinnt J.D. eine Identität aus Bruchstücken und Klischees rund um Bergbautristesse, legendäre Familienfehden und weiße Armut in den Appalachen. Im Breathitt County wurden Arbeiter zur Wiederherstellung der Ordnung zusammengeschossen. “State troops were dispatched twice in the 1870s and again in 1903 – after the assassination of U.S. Commissioner James B. Marcum on the courthouse steps – to restore order.” Zitiert nach Wikipedia.

Unbewusst verzichtet der Junge auf Welt, um wenigstens in der Geburtsstadt seiner Großeltern randlos dazuzugehören. Er verherrlicht eine Armee autarker Großonkel als Garanten biblischer Rechtsbegriffe und Bewahrer konföderierter Traditionen. Die taffen Tattergreise ersetzen im Verein mit der alle überstrahlenden Oma den inexistenten Vater, der auch für die Mutter kaum mehr bedeutet haben dürfte als jeder andere Steve, Chip oder Ken.

Der Autor beglaubigt mit solchen Schilderungen sich selbst als Erben einer dem Untergang geweihten Kultur. Zugleich beschreibt er sich als Überwinder von Herkunftsbeschränkungen. Über die Barrieren, vor denen seine Ursprungsfamilie kapitulierte, ging er, so stellt Vance es hin, im Irak als Elitesoldat und in Yale als Elitestudent. Gleichwohl beschwört er seine Zuständigkeit für das arme weiße Amerika, zumal in der iroschottischen Variante. Übrigens war es eine iroschottische Missionsbewegung, die ab dem 6. Jahrhundert Mitteleuropa christianisierte. Nun vergleicht Vance die Omaära mit einer erbärmlichen Gegenwart. Die vordem auf ihre Selbständigkeit bedachten, wohlfahrtsabholden Hinterwäldler versinken in Lethargie. Jackson sei von Methamphetamin verseucht, behauptet Vance. Er vermutet die Schuld für den Niedergang nicht jenseits der Eigenverantwortung. Er interpretiert die Verwerfungen nicht als Folgen staatlicher Vernachlässigung vor sich hin rostender Regionen und desaströser Rahmenbedingungen. „Keine Regierung der Welt kann diese Probleme für uns lösen.”

Es gibt kein Recht auf Hilfe. Auch Vance spielt das Lied vom selbstgeschmiedeten Glück im Moll einer Küchensoziologie, die lediglich vorgibt, dem Verständnis für Verlierer Argumente zu liefern. Die Großeltern hatten sich in den Sechzigern den Torturen der Flexibilität ausgesetzt und waren in den Norden gezogen. Zwar erreichten sie finanziell die Margen des Mittelstandes, doch scheiterten sie mit ihrem phantasmagorisch-eruptiven Lebensstil an urbanen Normen. Sie gingen durch die dreifaltige Hölle Ausgrenzung, Alkoholismus und häusliche Gewalt, wobei Oma wacker mithielt. Einmal zündete sie ihren Mann an. Schließlich kehrte das Paar nach Jackson zurück und widmete sich dem Nachwuchs seiner im permanenten Ehekrach taub gewordenen Kinder. „Und sie verbrachten den Rest ihres Lebens damit … Fehler wiedergutzumachen.”

Vance wähnt die armen Weißen im Abseits jedweder politischer Repräsentanz. Ihre reaktionäre Grundierung entbehrt der Vernunft. In ihrer Welt war Obama ein „Außerirdischer“. Abgehängt seit Generationen: ergeben sich für sie (in der Mittelstandsperspektive) deviante Normalitätsmuster, für die es keine weißen, wohl aber schwarze Referenzen gibt.

J.D. Vance, Hillbilly-Elegie, aus dem Amerikanischen von Gregor Hens, Ullstein, 304 Seiten

Buch bestellen

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 22.7.2017

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.