Anders als Nigel Kennedy oder David Garrett ist Alois Kottmann davon überzeugt, dass Musik kein Mittel zur Selbstdarstellung ist, sondern ein Medium der Kommunikation zwischen Menschen. Deshalb ist er auch kein Popstar, sondern ein Musiker mit höchstem Anspruch. Hans-Klaus Jungheinrich würdigt seine kürzlich erschienenen Einspielungen auf CD, sowie die Wiederentdeckung von Anton Urspruch und die Kammermusik von Juan Allende-Blin.

CD-Empfehlungen

Aus Frankfurt und der Welt

Wie namhafte Kollegen, man denke nur an Yehudi Menuhin, ist auch der Geiger Alois Kottmann, Gründer diverser Musikpreise und Konzertreihen, ein von humanitären Idealen bewegter Künstler. In Hanau geboren, in Frankfurt den größten Teil seines Lebens lehrend tätig, nun in Hofheim am Taunus ansässig, ist Kottmann als hervorragender Interpret auch mit bemerkenswerten Tonaufnahmen präsent, darunter mit den Bach’schen Solosuiten und -sonaten, die er mithilfe einer besonderen Bogentechnik nahezu ohne zu arpeggieren auch dreistimmig-akkordisch vorzutragen vermag. Eine aktuelle Veröffentlichung nennt sich „Europäische Wege“ und präsentiert offenbar neuere Aufnahmen (überwiegend vom Hessischen Rundfunk produziert) des jetzt Achtundachtzigjährigen – exzellente Exempel einer universalen Stilsicherheit und –vielfalt. Kottmann besticht hier mit makelloser Technik, groß entwickelter Tonschönheit und unfehlbarer Intonationszuverlässigkeit. Die Anthologie reicht von der spätromantischen Farbenglut des Ukrainers Sergej Bortkiewicz (dreisätzige Sonate g-moll) über die wagnerisch inspirierte, gleichwohl elegant-französische Klangsinnlichkeit von Ernest Chausson (Poème Es-Dur) bis zu Otmar Máchas kapitalen Seikilos-Variationen, die der 2006 gestorbene Tscheche auf Anregung Kottmanns schrieb und dieser aus der Taufe hob. Geigerisch dankbar und unspröde artikuliert sich hier ein ebenso luzid klassischer wie emotionsstarker Geist. Es fehlen im internationalen Komponistenreigen aber auch nicht geigerische pièces de resistence wie Fritz Kreislers Präludium und Allegro e-moll und Arcangelo Corellis Sonata „Folies d’Espagne“ – über ebendieses Thema verfasste Rachmaninow seine berühmten Klaviervariationen. Bei der Mehrzahl der Werke wird Kottmann von dem Pianisten Rudolf Dennemarck engagiert-unaufdringlich begleitet, über den das Booklet leider nichts mitteilt.

Anton Urspruch
Der Komponist Anton Urspruch

Etliche Generationen vor Kottmann gehörte der Komponist Anton Urspruch zum Lehrkörper des Hoch’schen Konservatoriums in Frankfurt am Main, das ja schon im 19. Jahrhundert zu den renommiertesten musikalischen Ausbildungsstätten Deutschlands gehörte (mit ihm verbunden waren etwa auch Hans Pfitzner und Paul Hindemith). Urspruchs große Komische Oper „Das Unmöglichste von allem“, ein Solitär unter den deutschen Musikkomödien (die angenehme Borstigkeit des Titels wird wohl nicht von jedermann ästimiert), wurde vor einigen Jahren von Peter Paul Pachl und seinem pianopianissimo-Musiktheaterensemble aufs neue erschlossen (auch als CD), desgleichen das Liedoeuvre. Nun hat sich die fabelhafte kroatisch-deutsche Pianistin Ana-Marija Markovina des pianistischen Gesamtwerks von Urspruch angenommen, und da kommt schon einiges zusammen – großenteils klein- und mittelformatige Stücke auf drei prall gefüllten Silberscheiben, nicht selten von etwas salonhafter Art; brahmsisch ausgreifend jedoch vor allem die Variationen Opus 10. Auch unter den Deutschen Tänzen (eine schubertische Bezeichnung) gibt es manche Perlen. Am meisten zeigen noch die frühen Fantasiestücke op.2, wie viel Mühe Urspruch hatte, sich vom Einfluss Robert Schumanns – dieser warf über die deutsche Klaviermusik einen ähnlich starken Schatten wie Wagner auf die Musikdramatiker – zu lösen. Urspruch (1850-1907) war da nicht der Einzige, der es nicht leicht hatte, seine eigene Klaviersprache zu entwickeln.

Der aus Santiago de Chile stammende Komponist Juan Allende-Blin kam mit 23 Jahren 1951 nach Deutschland und wurde nach und nach ein deutscher Komponist aus dem Umfeld von Avantgardisten wie Dieter Schnebel und Mauricio Kagel. In 62jähriger Lebenspartnerschaft war er zudem verbunden mit dem Organisten und Komponisten Gerd Zacher – eine ähnlich produktive Musikerfreundschaft wie diejenige von Benjamin Britten und Peter Pears. Auf dem Sektor der unangepassten, traditionskritischen und gleichsam heterodoxen evangelischen Kirchenmusik machten Zacher und Allende-Blin nach der vergangenen Jahrhundertmitte zweifellos Furore, doch lautstarke Exaltationen oder Sensationen waren ihre Sache eher nicht. Sie führten eine Art Nischenexistenz, bewundert von Kennern. Insbesondere der kürzlich verstorbene Zacher machte sich bei einigen Wortführern der Avantgarde sogar unbeliebt, indem er etwa das schrille Halberstädter Vorhaben eines über viele kommende Jahrhunderte sich erstreckenden Orgelstückes nach Cage als unzulässige Zukunfts-Inbesitznahme verurteilte.

Das Unsägliche in der Musik

Ein informativ ausgestattetes Album mit 3 CDs enthält vier wichtige Vokal- und Ensemblewerke von Allende-Blin, sodann ein ausführliches biographisches Interview, das nicht von einem gesottenen Experten der neuen Musik geführt wird, sondern mit der interessierten und empathischen Laiin Mirjam Wiesemann – vielleicht kein Nachteil, dass man auf diese Weise mehr von allgemeinen Voraussetzungen und aus der familiären Herkunft in Santiago erfährt. Auf einer dritten CD äußert sich Gerd Zacher glasklar über die Musik seines Freundes, auch in einem (von Matthias Geuting gelesenen) geschriebenen Text, der einige typische Merkmale der Allende’schen Musik wunderbar plastisch und umfassend analysiert (die Pausen, die langen Töne, die gebrochenen Klänge). Dieser letzte Text ist insofern ein Paradox, als er unter dem Motto „Das Unsägliche in der Musik“ (da denkt man natürlich an Victor Janklévitchs Philosophie des „Unsagbaren“ in der Musik) so pfeilgenau und eindringlich musikalische Phänomene in Worte fasst, wie man es selten erleben kann – und selbstverständlich leitet dieses „Sagen des Unsagbaren“ zielgerade auf die Musik hin.

Allende-Blins Kompositionen sind unbedingt geprägt von den nachwebernschen Prinzipien, die nach 1950 virulent wurden; zugleich repräsentieren sie eine ganz eigene Klangwelt. Man darf dabei aber nicht vordergründig an „Südamerika“ denken und folkloristisch-mestizische Residuen erwarten. Eher sind die Stücke von räumlichen Vorstellungen und Proportionen inspiriert – unverkennbar, dass der junge Allende-Blin Mathematik und Architektur studierte. Ein Gegengewicht dazu bilden expressive und, vor allem bei Vokalwerken, textbezogene Elemente. So suggeriert das „Fragment nach Hölderlin“ (1984) unmittelbare Hölderlinnähe mit beträchtlichen Aufschwüngen, geradezu Attacken der Sopranstimme (Silvia Weiss) – eine ins Utopische hinaufschießende Ausdruckskraft, gleichzeitig diszipliniert in der kammermusikalischen Faktur, die sich nicht im Demonstrativen verliert. Kräftiger und mehr auf „Zusammenhang“ bedacht das Quartett „Distances“, in dem vor allem der Schlagzeugpart eine mehr erzählende als interpunktierende Rolle spielt. Das 2007 komponierte Quartett für Flöte, Klarinette, Posaune und Klavier wirkt als ausgespartes Alterswerk, ohne sich in die Sphäre früherer „punktueller“ Schreibweise zurückzubegeben. Die halbstündige Kantate „L’emigrant“ (nach einem Gesicht von Jules Supervielle) erinnert an eine Thematik, die Allende-Blin (und Zacher) lebenslang existentiell gegenwärtig war. Die Edition aus der Reihe „Künstler im Gespräch“ ist nur ein erster Blick auf einen (oder mit Zacher zwei) Musiker, die viel für die Wiedererinnerung an Kollegen im Exil bewirkt haben und nun, gewissermaßen als Fremde in einer veränderten Zeit, selbst zu Randerscheinungen der Historie geworden zu sein scheinen. Nein, die „Furie des Verschwindens“ sollte auch für sie gebannt sein.

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erstellt am 19.7.2017

Europäische Wege
Alois Kottmann, Violine, Rudolf Dennemarck, Klavier
(Bortkiewicz, Chausson, Kreisler, Corelli, Mácha)
CD
musicaphon M 59003

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Complete Piano Works
Ana-Marija Markovina, Klavier
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sowie Aufnahmen mit der Originalstimme von Juan Allende Blin
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