Der Dirigent Michael Gielen, langjähriger Leiter des Sinfonieorchesters Baden-Baden, wird am 20. Juli 2017 neunzig Jahre alt. Die CD-Edition, mit der sich der SWR bei Michael Gielen bedankt, widmet sich in der fünften Box den Komponisten Béla Bartók und Igor Strawinsky. Thomas Rothschild hat sich die Aufnahmen angehört.

Michael Gielen

Gegensatz und Verbindendes

Michael Gielen
Michael Gielen

Die verdienstvolle Edition, mit der sich der SWR bei dem langjährigen Leiter des SWF Sinfonieorchesters Baden-Baden bedankt, das seit 1996 SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg hieß und 2016 als eigenständiger Klangkörper zerschlagen wurde, durch die Fusion von SDR und SWR im SWR-Symphonieorchester aufging, widmet sich in der fünften bisher erschienenen Box ausschließlich Béla Bartók und Igor Strawinsky, dem ungarischen und dem russischen Komponisten, deren Geburt nur ein Jahr, deren Tod aber sechsundzwanzig Jahre auseinander liegt. Michael Gielen selbst, der Intellektuelle als Dirigent, wird am 20. Juli 2017 neunzig Jahre alt. Die Aufnahmen stammen aus den Jahren 1967 bis 2014 und liegen zum Teil erstmals auf CD vor.

Mit Bartók und Strawinsky stellt Gielen, der in der Klassik gleichermaßen daheim war wie in der Neuen Musik, zwei der wichtigsten Komponisten einander gegenüber, die, in einzelnen Kompositionen noch dem Impressionismus und dem Expressionismus verpflichtet, als Scharnier zwischen Überlieferung und Neuer Musik gelten können. Was sie verbindet, ist das gesteigerte Interesse für die ost- und südosteuropäische Folklore. Damit erweisen sie sich als Erben einer Tendenz, die sich dem Nationalismus des 19. Jahrhunderts verdankt, die sie aber im Geist der Moderne weiter entwickelt haben. Zeitgenossen von Anton Webern und Alban Berg und nur rund ein Jahrzehnt jünger als Schönberg, gehen sie ihren eigenen Weg, weniger radikal als die Wiener Schule, aber ebenfalls in kritischer Auseinandersetzung mit der Tradition.

Beide, Bartók wie Strawinsky, haben Ballettmusiken geschrieben, die sich bis heute in den Repertoires der Tanzensembles gehalten haben und als „Klassiker“ des Genres gelten. Warum Bartók deutlich weniger populär ist als sein russischer Kollege, der den größeren Teil seines Lebens in Frankreich und den USA gelebt hat – darüber kann man nur spekulieren. Am musikalischen Anspruch kann es nicht liegen. Adornos harsches Verdikt über Strawinsky und sein differenziertes Urteil über Bartók haben sich offenkundig nicht ausgewirkt. Michael Gielen dirigiert neben häufiger gespielten Werken Bartóks wie der „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ auch weniger bekannte wie das atemberaubende erste von zwei Violinkonzerten, das aber erst posthum uraufgeführt wurde.

Die Beliebtheit der „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ dürfte sich jenem Element verdanken, das Bartók so faszinierend macht und von den Komponisten seiner Zeit – mit Ausnahme vielleicht des zwei Jahre jüngeren Edgar Varèse – unterscheidet: der Vorliebe für das Perkussive. Dazu kommt der ungewöhnliche Klang der Celesta als Soloinstrument. Volkstümlich im Wortsinn ist Bartóks Tanz-Suite Sz. 77 (Sz steht für das Werkverzeichnis von András Szőllősy), die auf Dvořáks „Slawische Tänze“ oder auch auf Borodins „Polowetzer Tänze“ zurück verweist.

Beide, Bartók wie Strawinsky, haben sehr kurze Stücke von weniger als zwei Minuten geschrieben, Bartók allerdings vor allem für Klavier, weshalb sie in der vorliegenden Edition von Orchester- und Chorwerken nicht enthalten sind. Im übrigen kann man Bartók ohne Kenntnis seines Klavierwerks nicht gerecht werden. Strawinskys kurzen Stücken oder Sätzen aber widmet Gielen in der Auswahl viel Raum. Zu den interessantesten Aufnahmen gehören die dem Gedächtnis von Aldous Huxley gewidmeten Variationen für Orchester, in denen Strawinsky seine seit den fünfziger Jahren aufgenommene Beschäftigung mit der Zwölftonmusik fortsetzt. Es ist ein weiter Weg von dem auf Pergolesi rekurrierenden „Pulcinella“ zu den „Variationen“. Zwischen der Entstehung dieser beiden Werke liegen 40 Jahre. Strawinsky war 82, als er diese, seine letzte Komposition schrieb, hatte aber noch sieben Jahre bis zu seinem Tod. Michael Gielen gibt auf der CD zu den „Variationen“ eine kurze Einleitung, die eine Kostprobe liefert von seinem bewundernswerten didaktischen Engagement.

Es ist bezeichnend, dass sich Gielen mehr für die „Variationen“ oder auch für „Agon“ interessiert als für die bekannteren frühen Werke Strawinskys wie den „Feuervogel“ oder „Petruschka“. Für den Hörer hat dies den Vorteil, dass er Entdeckungen machen kann. Es mag verblüffen, dass es da Stücke gibt, die gar nicht nach Strawinsky klingen, von dem man doch meint, man würde sein Idiom sofort erkennen. Michael Gielens analytische Dirigierkunst lässt sich exemplarisch am dritten Satz von Strawinskys Psalmensinfonie studieren. Wie er die Stimmen des Chors und der einzelnen Orchestergruppen herausholt und wieder vereint, wie er die dynamischen Kontraste und den abrupten Wechsel der Tempi herausarbeitet, das hält jeden Vergleich aus.

Der Musikredakteur und intime Gielen-Kenner Paul Fiebig erläutert in einem Beiheft die einzelnen Titel ausführlich. Dort findet man auch die Daten, die man in einer verdienstvollen Edition zwar erwarten, aber leider nicht voraussetzen darf.

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erstellt am 17.7.2017

Michael Gielen
Edition Volume 5
Bartók – Strawinsky
6 CDs
SWR Music, 2017

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