1852 erschien in einer New Yorker Zeitung der Fortsetzungsroman „Das Leben und die Abenteuer von Jack Engle: Eine Autobiographie, in welcher der Leser einige vertraute Charaktere finden wird“. Der amerikanische Literaturwissenschaftler Zachary Turpin entdeckte kürzlich den Text und schrieb ihn Walt Whitman zu. Jetzt erscheint die deutsche Ausgabe, und Martin Lüdke hat sie studiert.

Lüdkes liederliche Liste

Eine New Yorker Geschichte

Walt Whitman
Walt Whitman (1819-1892)

Wie eine Flaschenpost ist dieses Buch zu uns gekommen. Nachrichten aus einer anderen Welt. Nachrichten von einer anderen Zeit. Der Verfasser, Walt Whitman, zählt zu den Gründungsvätern der amerikanischen Dichtung, um genauer zu sein: der amerikanischen Literatur überhaupt. Neben Melville, neben Poe, neben Hawthorne.

Seine „Grashalme“, „Leaves of Grass“ buchstäblich über einen sehr langen Zeitraum hin gewachsen, von 1855, der ersten bis 1892, zur neunten Ausgabe. Die Grashalme haben seinen unvergänglichen Ruhm begründet und bis in unsere Gegenwart hinein getragen, obwohl ich fürchte, dass er heute gerade noch als Schulpflichtlektüre einen größeren Leserkreis erreicht. Die verschiedenen Ausgaben dieser Sammlung musste er allerdings auch schon zu Lebzeiten mit den Einkünften aus anderen Tätigkeiten, zum Beispiel als Häusermakler, finanzieren. Er hat daneben als Lehrer gearbeitet, oder als Schriftsetzer. Dass er ebenfalls für Geld geschrieben hatte, war Kennern vielleicht schon bekannt. Dass er Fortsetzungsromane schrieb in direkter Anlehnung an die englischen und französischen Serienfabrikanten – eher nicht. Charles Dickens darf sogar als Pate gelten: „Das Leben und die Abenteuer von Jack Engle: Eine Autobiographie, in welcher der Leser einige vertraute Charaktere finden wird.“ – unter diesem, zeitgemäß umständlichen, Titel war dieser Roman 1852 in der New Yorker Zeitung Sunday Dispatch erschienen, ohne jeden Hinweis auf den Verfasser, dafür unter der Überschrift: „A Story of New York at the Present Time.“ Dieser Titel bezeichnet ziemlich genau den Anspruch der Geschichte.

Vom 14. März bis zum 18. April 1852 erschienen die einzelnen Folgen. Als Buch ist diese Geschichte damals nicht und auch nicht später erschienen. Zumal auch der Autor unbekannt geblieben war. Ein findiger amerikanischer Literaturwissenschaftler, Zachary Turpin, mit den neuesten Recherche-Techniken der neuesten Suchmaschinen bestens vertraut, entdeckte kürzlich diesen Text. An der Urheberschaft gibt es keinen Zweifel. Kurze Notizen in Whitmans Tagebüchern etwa weisen ihn untrüglich als Autor aus. Die deutsche Ausgabe erscheint jetzt, nahezu zeitgleich, mit der amerikanischen Edition in der Iowa University Press. Gleich zwei weitere deutsche Ausgaben werden noch folgen.

Mehr als nur lesenswert

Eine Entdeckung? Aber ja doch! Es ist sicher kein nobelpreiswürdiges Meisterwerk, das knappe zwei Jahrhunderte in den Falten der Geschichte verborgen war. Elke Schmitter („es“) hat sich im SPIEGEL kraftvoll über diese kleine Werk aus längst vergangenen Zeiten gebeugt. Sie nannte es eine „umständliche, zerfaserte und geschraubte Erzählung über einen Waisenknaben im Geiste eines niederen Dickens“. Sie ist bislang mit diesem Urteil allein geblieben. Doch sie hat recht. Alles, was sie da sagt, dürfte richtig sein, nur die Folgerung, die sie daraus zieht, erscheint mir absurd. Denn das Büchlein ist mehr als nur lesenswert. Vorausgesetzt ein gewisses Interesse für diese längst vergangene Zeiten des amerikanischen Frühkapitalismus und ein Gefühl für die Opfer. Der alte Wigglesworth zählt sicher dazu (Mag sein, dass Melvilles Geschichte sogar eine neue Aktualität zugewachsen ist. „Deal“ heißt schließlich die Devise.)

Dieser Schreiber habe, sagt der Erzähler, „eine schöne Seele“. Und er trifft damit eine Figur, die nicht über die Widerständigkeit von Melvilles „Bartleby“ verfügt, nur über das gleiche Schicksal. Bartleby entzieht sich, scheinbar grundlos, den Zumutungen seiner stupiden Arbeit, mit dem freundlichen Bekenntnis: „ich möchte lieber nicht.“ Wigglesworth, keineswegs unverschuldet ins Elend abgerutscht, macht seinen „Job“, wie man heute sagt. Aber er erhält sich seine Urteilskraft und sein moralisches Empfinden. Und er agiert. Auch weil er einer von den vielen ist, die das System aussortiert hat.

„Ich weiß mir kaum einen traurigeren Anblick als diese trostlosen Alten, die man überall in New York sieht – anscheinend ohne jeden Anhang, bettelarm, die Lippen am zahnlosen Gaumen mümmelnd, in abgerissenen, speckigen Sachen; Menschen, die in jenen fragwürdigen Gefilden zwischen ehrenhaften Verhungern und Armenhaus dem Ende entgegengehen.“ Wigglesworth, zweifellos ein armer Hund, spielt dennoch eine wunderbare Rolle in diesem Schurkenstück, in dem zwei junge Menschen um ihr Erbe betrogen werden sollen, von einem listig hinterhältigen Anwalt, der in seiner Raffgier keine Skrupel kennt. Walt Whitman hat sich bei der Konstruktion seiner Handlung allerdings eben sowenig von Skrupeln leiten lassen. Es geht hoch her und handfest zu. Und am Ende alles gut aus. Der alte Wigglesworth hatte ja auch nur noch den einen Wunsch, auf dem Friedhof an der Trinity Church neben dem Grab seiner Mutter beerdigt zu werden. Darauf hat er sozusagen hingelebt (und, mit 4 Dollar pro Woche, auch hingespart). Er stammte aus einer wohlhabenden Familie mit „Rang und Namen“. Nach der Beisetzung seines alten Kollegen macht sich der Erzähler noch auf einen Spaziergang über den Friedhof, ganz offenkundig nur, um die erforderlichen Zeilen für die laufende Fortsetzung zu schinden, die es für den Zeitungsabdruck braucht. Aber solche kleinen Mängel stören (mich) nicht. Im Gegenteil, die Beschreibung der Grabplatten (damals) berühmter Zeitgenossen, birgt für den heutigen Leser zusätzlichen Reiz.

Nur, wer dieses Buch allein der Handlung wegen liest, oder gar verschlingen möchte, kann sich diesen Ausflug ins 19. Jahrhundert sparen. Die Handlung ist das eine. Hanebüchen. Sei’s drum. Der Staub, der darauf liegt, das andere. Doch schon nach wenigen umgeblätterten Seiten ist der ganze Staub verflogen. Man kann das Buch wie einen Schmöker lesen, ähnlich den Produkten der heutigen amerikanischen Serienproduktion. Aber man liest unterschwellig, ähnlich wie beim Vorbild Dickens, etwas mit: Geschichte nämlich. Eine Alltagsgeschichte aus einer der Metropolen des sich entfaltenden Hochkapitalismus. Man sieht wie die „gemütlichen Knechtschaftsverhältnisse“ (Marx) der alten Handwerkskultur zu Ende gehen und alle menschlichen Beziehungen fortschreitend auf ihren wahren Wert, sprich: ihren Waren-Wert zu reduzieren sucht. Whitman, nicht anders als sein englischer Kollege, der ihm als Vorbild diente, sieht mit gutem Blick diese Veränderungen. Er beklagt sie aber nicht, er beschreibt sie nur. Martin Walser hat einmal den Roman als Geschichtsschreibung des Alltags bezeichnet. Und die bietet uns Whitman, bis in die sprachliche Form hinein. Übrigens sehr ordentlich übersetzt.

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erstellt am 16.7.2017

Walt Whitman
Jack Engles Leben und Abenteuer
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Renate Orth-Guttmann und Irma Wehrli
Gebunden, 185 Seiten
ISBN: 9783717524502
Manesse Verlag, Zürich 2017

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