Roman Léandre Schmidt hat der 1984 gegründeten Zeitschrift „Lettre internationale“ eine umfangreiche und genaue Monographie gewidmet, die weit mehr ist als das Porträt eines Mediums. Sie spiegelt in der Geschichte eines Druckerzeugnisses die politische Geschichte der vergangenen Jahrzehnte, meint Thomas Rothschild.

Lettre internationale

Eine einmalige Zeitschrift

Es ist ein auffälliger Widerspruch: Auf der einen Seite häufen sich die Klagen und die Sorgen wegen des scheinbar bevorstehenden Todes des Printmedien, auf der anderen Seite wird man erschlagen von dem Angebot an Druckerzeugnissen, wenn man einen deutschen Zeitungsladen, etwa am Bahnhof, betritt. Nun gleichen sich viele da ausgestellte Zeitschriften äußerlich und inhaltlich aufs Haar, die meisten hat man noch niemals zur Hand genommen, die wenigsten laden dazu ein. Aber neben all dem offenbar trotz Leser- und Anzeigenkrise überlebensfähigen Schmarren gibt es eine nicht unbeträchtliche Zahl von einzigartigen, unverwechselbaren Zeitschriften, die ihre Klientel haben und vermisst würden, wenn sie eines Tages verschwänden wie vor ihnen „twen“ oder „Westermanns Monatshefte“.

Solch eine einmalige Zeitschrift ist „Lettre internationale“, und Roman Léandre Schmidt hat ihr eine umfangreiche und genaue Monographie gewidmet, die weit mehr ist als das Porträt eines Mediums. Sie spiegelt in der Geschichte eines Druckerzeugnisses die politische Geschichte der vergangenen Jahrzehnte. Das Wort „Ideologie“ ist aus der Mode gekommen, aber die Geschicke von „Lettre internationale“ sind auch ein Stück Ideologiegeschichte.

Am Anfang steht jenes fast vergessene historische Ereignis, das unter dem Namen „Prager Frühling“ ins Lexikon eingegangen ist und an dessen Ziel – einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ – zu erinnern weder die Sozialdemokraten, noch die Kommunisten und ihre Nachfolger (die Konservativen sowieso nicht) Interesse haben. Schmidt erzählt dessen Vorgeschichte im internationalen und im tschechoslowakischen Rahmen auf mehr als hundert Seiten. Mit dem „Prager Frühling“ kommt jener Mann ins Visier, der Protagonist sowohl der damaligen Hoffnungen an der Moldau wie später von „Lettre international“ war: Antonín J. Liehm, seit 1961 Redakteur der „Literární noviny“, einer wöchentlich erscheinenden Kulturzeitschrift, an deren thematischer Vielfalt und weltoffener Diskussionsfreude selbst in den repressiven Jahren unter Antonín Novotný sich jede westeuropäische Zeitung ein Beispiel hätte nehmen können. 1968 wurde sie unter dem Titel „Literární listy“ zu einer Art Zentralorgan der Reformkommunisten, die Dubčeks Politik unterstützten.

Im Geiste von Prag

In den USA, wohin Liehm nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts zunächst emigrierte, erreichte ihn von Jiří Pelikán, dem nunmehr in Rom lebenden ehemaligen Direktor des Tschechoslowakischen Fernsehens, die Nachricht, dass sich in Deutschland die Chancen für eine Zeitschrift „im Geiste von Prag“ abzeichnen. Ihr lakonischer Titel: „L 76“. Das Vorhaben kam zustande – allerdings ohne Liehm und Pelikán. Die wurden hinausintrigiert. Roman Léandre Schmidt schreitet den Pfad der Sozialdemokratisierung eines „Prager“ Projekts detailfreudig und gewissenhaft ab.

Dann, 1984, gründete Antonín Liehm, nach Europa zurückgekehrt, im Pariser Exil die Zeitschrift „Lettre international“, die bald auch in anderen Ländern, in anderen Sprachen herauskam. Der Traum einer die (Sprach)Grenzen überwindenden internationalen Zeitschrift wurde Wirklichkeit. Von Anfang an veröffentlichten hier viele der bedeutendsten europäischen und amerikanischen Intellektuellen jener Jahre. Ehe Schmidt jedoch auf die neue Zeitschrift eingeht, referiert er die Bedingungen in jenem Land, in dem sie zunächst erscheinen sollte: die Totalitarismuskritik im Frankreich der späten siebziger Jahre. Solschenizyn und André Glucksmanns „Köchin und Menschenfresser“, der „Nouvel Observateur“ und „Le Débat“ liefern die Wegmarken.

Im weiteren beschreibt Schmidt die mühevollen Versuche der Internationalisierung von „Lettre international“, nicht nur in Hinblick auf seine Beiträger, sondern in Umsetzung des Modells von verschiedensprachigen Ausgaben in mehreren Ländern, des Aufbaus eines „Netzwerks“, in dem es schließlich eine französische, eine italienische, eine spanische und, ab 1988, eine deutsche, aber keine englische Version gab. Ursprünglich hatte Liehm eine 80-prozentige Übereinstimmung der vier Ausgaben im Sinn. Später modifizierte er die Absicht dahingehend, dass 50 Prozent der Artikel aus dem gemeinsamen Pool stammen sollten, 25 Prozent von den jeweiligen Redaktionen eingeworben werden und 25 Prozent regionalen Bezug haben sollten. Eine deutschsprachige Variante schien zunächst in Österreich, in Zusammenarbeit mit dem „Wiener Tagebuch“ eine Option zu sein. Schmidt vermutet, dass dem Scheitern dieses Plans nicht so sehr die „administrativen Risiken“ wie „politische Motive zu Grunde lagen“. Aus meiner persönlichen Bekanntschaft mit den Wiener Protagonisten heraus glaube ich, diese Vermutung als unberechtigt zurückweisen zu können. Die maßgeblichen „Tagebuch“-Vertreter, allen voran der bereits 1972 verstorbene Ernst Fischer sowie Leopold Spira, waren mit Liehm befreundet oder lagen fast deckungsgleich auf seiner politischen Linie. Schließlich hatten sie sich wegen der militärischen Invasion in Prag mit der KPÖ entzweit. Der um eine Generation jüngere Martin Pollack kam aus einer politisch ganz anderen Ecke, hatte damals aber mit Sicherheit keine politischen Bedenken gegen „Lettre international“. Die administrativen Risiken dürften, angesichts der prekären ökonomischen Lage des „Tagebuchs“, realistisch und kein Vorwand sein.

Mit kosmopolitischer Gelassenheit

Roman Léandre Schmidt bedauert seine fehlenden Tschechischkenntnisse. Sie werden durch seinen Fleiß und die Seriosität der Recherchen aufgewogen. Dennoch würde man sich an der einen oder anderen Stelle trotz aller Ausführlichkeit noch zusätzliche Auskünfte wünschen. Völlig richtig schreibt Schmidt: „Selbst mit Pavel Tigrid und seiner Pariser Zeitschrift Svědectvi, seit 1956 das intellektuelle ‚Flaggschiff‘ der antikommunistisch-liberalen Emigration von 1948, stand Antonin Liehm, wenigstens persönlich, auf gutem Fuß. Man hatte gemeinsame Interessen, respektierte und half sich und arbeitete punktuell immer wieder zusammen.“ Die Tendenz der vierteljährlich in Paris erscheinenden Zeitschrift „Svědectví“ lässt sich nicht auf „antikommunistisch“ reduzieren, und die Rolle des schillernden Pavel Tigrid, der 1989 Berater von Václav Havel und später tschechischer Kulturminister wurde, wäre, auch im Zusammenhang mit „Lettre international“, mehr als diese kursorische Erwähnung wert.

In einer Fußnote zitiert Roman Léandre Schmidt ein Schreiben, in dem ich ihm mitteilte, ich könne mich an eine persönliche Begegnung mit Grass und Böll in meiner Eigenschaft als designierter Redakteur von „L 76“ nicht erinnern. Inzwischen habe ich meinen Taschenkalender konsultiert. Es stellte sich heraus, dass ich 1975 tatsächlich an einer Sitzung mit den beiden Schriftstellern teilgenommen habe. Offenbar haben sie keinen bleibenden Eindruck auf mich hinterlassen. Grass bin ich viele Jahre später in seiner Eigenschaft als Ehrenpräsident des deutschen PEN begegnet. Auch habe ich ihn publizistisch gegen den Vorwurf des Antisemitismus verteidigt. Dass Grass neben Carola Stern aktiver und intriganter, als es Schmidt vermutet, in meine „Entlassung“ involviert war, geht aus seinem 2013 veröffentlichten Briefwechsel mit Willy Brandt hervor.

Rückblickend schreibt Roman Léandre Schmidt über die Situation, in die hinein „Lettre international“ geboren wurde: „Es fehlte in Europa an Foren, die mit kosmopolitischer Gelassenheit das Tagesgeschäft des Austauschs unter Intellektuellen zu betreiben wussten, soweit wie irgend möglich über die politische Geographie des Kontinents und die Resistenzen der mit ihr verbundenen Interessengruppen hinweg.“ Dieser Befund hat nichts von seiner Richtigkeit eingebüßt, auch und gerade in einem möglicherweise zerfallenden Europa, das vergessen hat, dass für eine Vereinigung von Europa und darüber hinaus mehr nötig ist als die Abschaffung von Zöllen und die Befriedigung wirtschaftlicher Interessen.

Nachtrag: Im Heft 250 der „Horen”, das LiteraturZeitSchriften gewidmet
ist, schreibt Johano Strasser, der von 1980 bis 1987 Redakteur und
Mitherausgeber von L'80 gewesen war, dass Heinrich Böll, Günter Grass
und Carloa Stern die Zeitschrift 1976 gegründet hätten. Antonín Liehm
und Jirí Pelikán werden mit keinem Wort erwähnt. Die Sozialdemokratie
enteignet nicht nur, was links von ihr steht – ihre Parteisoldaten
betreiben auch, in schöner Übereinstimmung mit Gustáv Husák und nach dem
stalinistischen Modell des Totschweigens, Geschichtsfälschung. Das
sollte einmal festgehalten werden. Auch weil es Populisten von der AfD
in die Hände spielt, die von „Lügenpresse” sprechen.

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erstellt am 14.7.2017

Roman Léandre Schmidt
Lettre internationale
Geschichte einer europäischen Zeitschrift
Kartoniert, 405 Seiten
ISBN: 978-3-7705-6051-6
Wilhelm Fink, Paderborn 2017

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