Die Werke von Franz Schreker wurden nach 1933 als „entartet“ diffamiert und gerieten fast in Vergessenheit. Erst in den 1970er Jahren wurde der österreichische Komponist wiederentdeckt. Die Bayerische Staatsoper zeigt nun eine Neuinszenierung von Schrekers Oper „Die Gezeichneten“, die Thomas Rothschild als mustergültig empfindet.

Oper

Die Schöne und der Bucklige

Dass Franz Schreker noch ein Geheimtipp wäre, kann man nicht sagen. Seit der Wiederentdeckung der „verfemten Komponisten“ in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist sein Name neben dem von Zemlinsky und Ullmann, auch von Schulhoff und Toch über den Kreis der Spezialisten hinaus bekannt. Dass aber seine Oper „Die Gezeichneten“ auf den Spielplänen jene Position erobert hätte, die ihrer Qualität angemessen wäre, lässt sich nicht behaupten. An die Aufführungszahlen, derer sich Richard Strauss erfreuen kann, kommen Schrekers Werke nicht im Entferntesten heran. Es ist, als hätte sich der Flirt mit den Nationalsozialisten bis heute gelohnt.

Jetzt bietet die Bayerische Staatsoper eine Neuinszenierung an, die in jeder Hinsicht als mustergültig gelten kann. Am Dirigentenpult steht, gut sichtbar, Ingo Metzmacher, der für Schreker wohl erste Wahl ist. Er schwelgt in der neoromantischen Klangfülle, die immer wieder an Wagner, aber eben auch an Richard Strauss denken lässt und doch eine ganz eigene Handschrift verrät.

Die Gezeichneten: John Daszsak als Alviano Salvago (Mitte), Chor der Bayerischen Staatsoper (Hintergrund), Foto: Wilfried Hösl

Für die Regie zeichnet der mittlerweile international gefragte künstlerische Direktor des 2008 von ihm gegründeten Nowy Teatr in Warschau Krzysztof Warlikowski verantwortlich, der in München schon „Die Frau ohne Schatten“ und „Eugen Onegin“ inszeniert hat. Für Bühne und Kostüme ist seine Frau und Mitarbeiterin Małgorzata Szczęśniak zuständig. Warlikowski und Szczęśniak versetzen die Oper, zu der der Komponist das Libretto selbst geschrieben hat, aus dem 16. Jahrhundert in unsere Gegenwart. Der Herzog von Genua Antoniotto Adorno ist bei ihnen ganz und gar unaristokratisch ein Boxtrainer. Neben Boxern, die im Hintergrund ihren Sport betreiben, lassen sie auch Ballerinen en pointe sowie eine üppig ausgestattete Nackttänzerin auftreten, die den sexuellen Fantasien der Herren leibhaftig Ausdruck verleiht. Alviano Salvago (John Daszak) hat weder einen Buckel, noch ist er klein: Warlikowski bebildert nicht den Text, sondern vertraut auf das Vorstellungsvermögen des Publikums. Wir sollen uns Salvago so abstoßend vorstellen, dass er, wie David Lynchs Elefantenmann, seinen Kopf mit einem Tuch verhüllen muss.

Den Assoziationsraum erweitert Warlikowski unter anderem mit Filmausschnitten. Als Analogien zum Krüppel Alviano Salvago werden da die Schreckensfiguren der Kinogeschichte herbeizitiert, der Golem, Frankensteins Monster, Nosferatu, die Bestie, die sich nach der die Schönen sehnt, das Phantom der Oper – Figuren allesamt, die uns beweisen, dass in einem hässlichen Körper ein hässlicher Charakter steckt, was in unseren strengen Zeiten offenbar nicht unter den Verdacht eines diskriminierenden Vorurteils fällt, oder allenfalls Mitleid erregen, weil ja auch eine Missgeburt ein Recht auf Liebe hat.

Das wankelmütige Objekt von Salvagos Begierde ist Carlotta Nardi, deren Part von Catherine Nagelstad herausragend gesungen wird. Ihr Verhalten, die lustvolle Hingabe an ihren Entführer Tamare (Christopher Maltman), muss das Missfallen von Feministinnen provozieren, weist aber, bedenkt man die Zeit, in der das Werk entstanden ist – vor dem und im Ersten Weltkrieg –, und Schrekers damaligen Wohnort Wien, überdeutlich auf den Einfluss Sigmund Freuds hin. Es ist bemerkenswert, dass Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ nur wenige Jahre nach den „Gezeichneten“ sehr ähnliche Züge aufweist.

Die Gezeichneten: Ensemble und Opernballett der Bayerischen Staatsoper, Foto: Wilfried Hösl

Ein weiteres Element der Ausweitung des imaginären Spielraums neben den Ausschnitten aus kanonisierten Stummfilmen sind die Videos von Denis Guégin. Darin werden Genreszenen mit menschlich gekleideten Mäusen gezeigt, die sich zur Bühnenhandlung parallel oder kontrastiv verhalten. Nach und nach füllen die Mäusemasken die Arrangements der Solisten und des Chors. Sie verleihen den Figuren Anonymität und zugleich etwas Unheimlich-Märchenhaftes. Die Annäherung an die Gegenwart und die gleichzeitige Verfremdung durch Kopfmasken verbindet Warlikowskis bekannte Vorliebe für Stilisierung. Es ist, als wollte er den Horror der Opernhandlung in einer Kinderbuchwelt bannen.

Nach der Pause rezitiert Alviano Salvago Franz Schrekers Artikel „Mein Charakterbild“ von 1921, eine Montage aus Rezensionen und Zeitungsberichten, und bindet so die Oper zurück an die Biographie ihres Schöpfers, wie andere sie sahen. In der scheinbaren Selbstbeschreibung heißt es: „Ich bin Melodiker von reinstem Geblüt, als Harmoniker aber anämisch, pervers, trotzdem ein Vollblutmusiker! Ich bin (leider) Erotomane und wirke verderblich auf das deutsche Publikum (die Erotik ist augenscheinlich meine ureigenste Erfindung trotz Figaro, Don Juan, Carmen, Tannhäuser, Tristan, Walküre, Salome, Elektra, Rosenkavalier u.s.f.).“

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erstellt am 11.7.2017

Die Gezeichneten in München, Foto: Wilfried Hösl

Oper in drei Aufzügen

Die Gezeichneten

Komponist Franz Schreker

Musikalische Leitung Ingo Metzmacher
Inszenierung Krzysztof Warlikowski
Bühne und Kostüme Małgorzata Szczęśniak

Bayerische Staatsoper München