Die sehr eigene Form, die Peter Handke in seinen „Versuchen“ entwickelt hat, sprengt alle Gattungsgrenzen und verbindet auf essayistische und ebenso erzählerische Weise Ereignisse und Anekdoten mit Reflexion. Kürzlich stieß Martin Lüdke auf einen „Versuch über das Nicht Schreiben“, dessen Autor Peter Hanke nicht mit Peter Handke zu verwechseln ist.

Lüdkes liederliche Liste

Den Versuch nicht wert

Es gibt viele „Versuche“ von Peter Handke, über die „Müdigkeit“, über die „Jukebox“, den „Pilznarren“, und nicht nur für Narzissten ein hoch geschätzter Platz, der Versuch „über den stillen Ort“, woraus dann möglicherweise auch noch der „Versuch über den geglückten Tag“ entsprungen sein könnte. Kleine, handliche Büchlein, schön und schmucklos zugleich. Die sehr eigene Form, die Handke in diesen, meist ziemlich schmalen Büchern entwickelt hat, nur der „Pilznarr“ geht über zweihundert Seiten hinaus, sprengt alle Gattungsgrenzen und verbindet auf essayistische und ebenso erzählerische Weise Ereignisse und Anekdoten mit Reflexion, pointiert, streut Aphorismen ein, nimmt sich, kurz gesagt, jede mögliche Freiheit.
1989 hat Handke mit seinen „Versuchen“ angefangen. Ob er damit zu Ende ist, wird er vermutlich selbst nicht einmal wissen.

Die Bücher sind allesamt gleich aufgemacht und ausgestattet. Das Cover enthält den Namen des Autors und den Titel des Versuchs und, unten in der Ecke, der Name seines Verlags, das Ganze gedruckt auf grauem Untergrund, quer über einen im rechten Winkel dazu längs handgeschriebenen Text, genau in der Art, wie Handke seit jeher seine Manuskripte beim Verlag abliefert.

Es ist erst wenige Tage her, da stieß ich, eher zufällig, auf die Ankündigung eines neuen „Versuchs“, nämlich „über das Nicht Schreiben“. Weil Handke des öfteren mal ausgebüchst ist, um seine Suhrkamp-Leute zu ärgern, wenn er sich über irgendetwas bei Suhrkamp geärgert hatte, wunderte ich mich nur wenig über den eher unbekannten Verlagsnamen: „solibro“. Ich nahm, wie Handkes alter (leider viel zu früh verstorbener) Verlagskollege, österreichischer Landsmann und doch vor allem Rivale Thomas Bernhard zu sagen pflegte, „naturgemäß“ an, dass dort, wo Handke draufsteht, auch Handke drin ist. Ein Irrtum? Eher nicht. Ich bestellte mir das Buch. Das Buch kam. Ich begann zu lesen, ganz leicht irritiert. Das Buch, sagen wir Büchlein, 88 Seiten stark, enthält nach Seite 40 gar keinen Text mehr, leere Seiten, bis auf die Seitenzahlen. Aber auch bis dahin, zur Seite 40, sind leere Seiten, größere Lücken zu finden. Einen Moment lang dachte, den Grund gefunden zu haben, weshalb sich der Suhrkamp Verlag geweigert haben könnte, dieses Buch zu publizieren. Dann fing ich von vorn an, bei dem durchaus überzeugenden Motto:
Si tacuisses, philosophus mansisses. / Wenn du geschwiegen hättest, so wärest du ein Philosoph geblieben.“ Passt und fängt gut an, dachte und las weiter, Stuss und nur Stuss. Unglaublicher Schwachsinn. Sollte es eine Parodie von Handke auf Handke sein? „Ich erinnere mich, wie einer meiner alten Deutschlehrer, der alles gelesen hatte, was ich bis dahin nicht hatte schreiben wollen, spöttisch sagte: Soso“

Ich war mächtig irritiert, und in Versuchung, die Presseabteilung vom Suhrkamp Verlag anzurufen, um zu erfahren, was da los gewesen sei. In diesem Augenblick, das Buch lag, zugeschlagen, direkt vor mir, fiel mein Blick noch einmal auf das Cover: „Peter Hanke: Versuch über das Nicht Schreiben“. Der äußerst unfreundliche Umgang, den ich mir in diesem Augenblick mit der selbst gestatten musste: „Du Idiot! Du blöder Idiot!“, etwas Besseres fiel mir nicht, diese Trotteligkeit habe ich mir ziemlich über genommen. Ich legte das Buch zur Seite, wurde aber hellwach, als nicht nur meine Familie, sondern auch einige Freunde, bei Ansicht des Buches ausriefen: „Oh, ein neuer Handke“. Ich schwieg meistens zu dieser Bemerkung, dachte mir nur, dieses Buch ist doch geeignet, um Leute, die Leser sind, (nicht nur am 1. April) mal richtig schön reinzulegen. Das allerdings ist auch der einzige Zweck, den ich bei diesem Buch erkennen kann. Immerhin. Jedenfalls gilt weiterhin: nur wo Handke draufsteht, ist auch Handke drin.

Kommentare


Peter Wiesmeier - ( 13-07-2017 01:41:27 )
Lieber Prof. Dr. Rezensent,

in Ihrer erfreulich ausführlichen Bewertung des Hanke-Bändchens fehlen leider zwei wichtige Fragen:
1. Wenn es eine Parodie ist (literarischer Aprilscherz, richtig!), was Sie ja dann mit Verzögerung erkannt haben – trifft dann der Parodist das Original, legt er den ironischen Finger in die Schwachstellen des berühmten Autors? Spießt er mit seinem Stuss nicht am Ende genau den Stuss auf, den Herr Handke (MIT -d-!) nun schon seit Jarzehnten produziert? Trifft er mit seiner Parodie ins Schwarze, nähert er sich dem Duktus und den sprachlichen Marotten des Herrn HanDke erfolgreich an? DAS möchte ich als Leser Ihrer Rezension doch wissen!
2. Und die zweite Frage: Wer schreibt denn da? Wer steckt dahinter? Hat sich ja nicht selbst geschrieben, das Büchlein! Ich darf aufklären: nicht Peter Hanke war der Verfasser, sondern ein anderer Peter: Der Autor dieses "Versuchs" bin ich: Peter Wiesmeier, Jg. 1956, wohnhaft in München-Schwabing – und mit diesem literarischen Scherz nun zum dritten Mal bei solibro verlegt. Dass ich Sie mit dem Titel ein wenig reinlegen konnte ("Blöder Idiot" ist zu hart, "zerstreuter Professor" hätte genügt ;-) freut mich. Ein Vergleich mit dem echten Handke könnte ja noch folgen. DANN wäre es eine vollständige Kritik, bei allem Respekt!

Frank Geschirrmacher - ( 13-07-2017 08:44:25 )
Und das ist das Leidige an der Parodie: Der Autor muss mindestens so begabt sein wie der Parodierte. Sonst ist es tatsächlich nicht mehr als ein 1. April-Scherz.

Peter Wiesmeier - ( 14-07-2017 07:02:46 )
Lieber Herr "Geschirrmacher", da muss ich Ihre Teller aber nochmal nachspülen: Eine gelungene Thomas-Mann-Parodie würde also nach Ihrer "Logik" voraussetzen, dass der Parodist ebenfalls Träger des Literatur-Nobelpreises ist? Aua. Werde demnächst dazu Frau Jelinek, Elfriede ansprechen, die hier oft über die Münchner Freiheit spaziert. Vielleicht bekommt sie, da ausreichend qualifiziert, Lust, mal einen noblen Kollegen bzw. Kollegin zu durch den Kakao zu ziehen? Grünes Licht Ihrerseits hat sie nun ja.
Offen bleibt immer noch die Frage: Habe ich die sprachlichen Marotten des "echten" Herrn Handke denn nun getroffen? Oder ist er bereits in die Gesellschaft der unparodierbaren Schreibgötter aufgenommen worden?

Frank Geschirrmacher - ( 15-07-2017 11:23:08 )
Lieber Herr Wiesmeier, ich sprach von Begabung, nicht von Preisen. Ich empfehle Ihnen, einmal Robert Neumann zu lesen. Auch kein Nobelpreisträger. Für Ihre zweite Bemerkung bin ich die falsche Adresse. Der Rezensent hat diesbezüglich ja einige unmissverständliche Anspielungen gemacht.
Eine Parodie von Jelinek auf Handke? Les ich gerne! Sprechen Sie sie doch einmal an auf der Münchner Freiheit. Einfach mal unverbindlich, sozusagen unter Kollegen.

Peter Wiesmeier - ( 16-07-2017 01:14:21 )
Lieber Herr "Geschirrmacher", da muss ich Ihre Teller aber nochmal nachspülen: Eine gelungene Thomas-Mann-Parodie würde also nach Ihrer "Logik" voraussetzen, dass der Parodist ebenfalls Träger des Literatur-Nobelpreises ist? Aua. Werde demnächst dazu Frau Jelinek, Elfriede ansprechen, die hier oft über die Münchner Freiheit spaziert. Vielleicht bekommt sie, da ausreichend qualifiziert, Lust, mal einen noblen Kollegen bzw. Kollegin zu durch den Kakao zu ziehen? Grünes Licht Ihrerseits hat sie nun ja.
Offen bleibt immer noch die Frage: Habe ich die sprachlichen Marotten des "echten" Herrn Handke denn nun getroffen? Oder ist er bereits in die Gesellschaft der unparodierbaren Schreibgötter aufgenommen worden?

Peter Wiesmeier - ( 18-07-2017 11:34:25 )
Lieber Herr "Geschirrmacher", da muss ich Ihre Teller aber nochmal nachspülen: Eine gelungene Thomas-Mann-Parodie würde also nach Ihrer "Logik" voraussetzen, dass der Parodist ebenfalls Träger des Literatur-Nobelpreises ist? Aua. Werde demnächst dazu Frau Jelinek, Elfriede ansprechen, die hier oft über die Münchner Freiheit spaziert. Vielleicht bekommt sie, da ausreichend qualifiziert, Lust, mal einen noblen Kollegen bzw. Kollegin zu durch den Kakao zu ziehen? Grünes Licht Ihrerseits hat sie nun ja.
Offen bleibt immer noch die Frage: Habe ich die sprachlichen Marotten des "echten" Herrn Handke denn nun getroffen? Oder ist er bereits in die Gesellschaft der unparodierbaren Schreibgötter aufgenommen worden?

Kommentar eintragen









erstellt am 09.7.2017

Peter Hanke
Versuch über das Nicht Schreiben
Gebunden, 88 Seiten
ISBN: 9783960790228
Solibro Verlag, Münster 2017

Buch bestellen