Thomas Rothschild ist ins niederösterreichische Reichenau an der Rax gereist. Das Repertoire der dortigen Sommerfestspiele ist wenig waghalsig: Ibsen, Schnitzler, Horváth und eine Romanadaption. Experimente sind in Reichenau verpönt, und so vermisste Rothschild das Regietheater eines Claus Peymann.

Festspiele Reichenau

Spiel im Sommerlüfterl

Die Herrschaften, die nach Reichenau an der Rax zu den sommerlichen Festspielen pilgern, wissen, was sie erwartet. Und sie werden nicht enttäuscht. Experimente sind hier verpönt. In Reichenau schwört man auf das Schauspielertheater der traditionellen Art. Über Jahre hinweg schlugen Stars des Burgtheaters, großzügig honoriert, hier ihr Ferienquartier auf. Inzwischen sind von ihnen nur einige wenige geblieben. Man begnügt sich mit dem verbliebenen Rest und stockt ihn mit Routiniers aus anderen Theatern und aus dem Fernsehen auf, doch auch er sorgt für volle zwei Säle.

Das Repertoire ist wenig waghalsig: Ibsen, Schnitzler, Horváth und eine Romanadaption machen es in diesem Jahr aus. Aber Vorsicht! Die neue Schauspielchefin der Salzburger Festspiele, die in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung erklärt, Uraufführungen seien in jeder Hinsicht grundlegend und wichtig, bietet keine einzige Uraufführung an, stattdessen hingegen: Hebbel, Horváth, Pinter und eine Schnitzler-Novelle als Lesung. Zwischen programmatischen Deklarationen und den realen Taten klafft ein größerer Riss als zwischen dem eingestandenen Reichenauer Konservatismus und der vorgeblichen Salzburger Avantgarde. Solche seit ihrer Entstehung leider nur aktueller gewordene Stücke wie Peter Turrinis „Minderleister“ oder Felix Mitterers „Stigma“ kommen hier wie dort nicht vor, und auch zu Horváth fällt den Dramaturgen angesichts von AfD, FPÖ und NSU nicht etwa „Sladek“ oder „Italienische Nacht“ ein, sondern „Kasimir und Karoline“ und „Zur schönen Aussicht“.

Baumeister Solness, Festspiele Reichenau, Foto: Dimo Dimov

Joseph Lorenz, der Hauptrollen-Zampano von Reichenau, durfte sich erstmals auch als Regisseur seiner selbst versuchen. Erna überredet in Schnitzlers „Weitem Land“ den deutlich älteren Friedrich Hofreiter, den Joseph Lorenz natürlich in Reichenau auch schon gespielt hat, den Aignerturm zu besteigen. Hilde Wangel überredet den deutlich älteren Baumeister Solness, mit dem sie – ein aktuelles Motiv – ein angedeuteter Kindesmissbrauch in der Vergangenheit verbindet, auf einen Turm zu klettern, um auf dessen Spitze den Richtkranz zu befestigen. Beide, Hofreiter wie Solness, kommen mit dem Altern nicht zurecht, belügen sich und andere in ihrer Angst vor dem Nachlassen ihrer erotischen Attraktivität. Beide suchen ihr Glück in der Vertikalen, am Ende des Phallus sozusagen. Hofreiter schreitet zum Duell, Solness stürzt ab.

Joseph Lorenz inszeniert Ibsens Drama wie einen Schnitzler. Er setzt auf Tempo, auf überdeutliche Gesten. Für Reibungen und Irritationen ist da kein Platz. Das Ensemble, allen voran Alma Hasun als Hilde, Julia von Sell als verbitterte Aline Solness, der formidable Hans Dieter Knebel in der kleinen Rolle des Knut Brovik und Peter Moucka in der sehr schnitzlerschen Rolle des Hausarztes Doktor Herdal, zieht mit. Fast beiläufig wird die Tragödie des Assistenten, der von seinem unfähigen Chef übervorteilt wird, angespielt. So recht unter die Haut will einem das Psychodrama nicht gehen, aber das Publikum dankte für einen unterhaltsamen Abend, der nach weniger als zwei Stunden zum Abendessen entließ. Die Erwartungen waren erfüllt worden.

Auf psychologischen Realismus ohne Brechungen wettet auch Beverly Blankenship bei Schnitzler himself. Nun kann man ihr zugute halten, dass gerade Schnitzler sich jeder verfremdenden Modernisierung entzieht. Auch Thomas Langhoff oder Andrea Breth konzentrierten sich auf die Genauigkeit der Personenzeichnung und auf subtile Sprachregie. Blankenship und ihr Ensemble wollen nicht mehr. Julia Stemberger ist die gepflegte großbürgerliche Dame der Jahrhundertwende, Miguel Herz-Kestranek ihr erotisch unersättlicher Gatte, Maria Schuchter die bürgerliche Variante des unschuldigen Süßen Mädels, das die Liebe von der leichten Seite nimmt, Tobias Reinthaller ihr schwärmerischer Cousin und Marcello de Nardo sowohl der skrupulöse Kaplan wie auch dessen Zwillingsbruder, der fesche Leutnant.

Im Spiel der Sommerlüfte, Festspiele Reichenau, Foto: Dimo Dimov

In Arthur Schnitzlers letztem Stück „Im Spiel der Sommerlüfte“ sind noch einmal all die Motive versammelt, die man aus seinem Werk kennt: die Eifersucht, die tatsächliche oder vermutete Untreue, die Doppelmoral, das Duell, die Gewissensbefragung. Aber es fehlt ihm, bei allen Ähnlichkeiten, die zweite Ebene des „Einsamen Wegs“ und des „Weiten Lands“. Zwar kommt in dem Stück ein bedeutungsschwangeres Gewitter vor, aber es verhält sich zu Schnitzlers Meisterwerken wie ein Lüfterl zu einem echten Unwetter. Festivalleiter Peter Loidolt hat auf die von Zuschauertribünen umgebene Raumbühne ein niedriges Labyrinth gebaut, das genau genommen schon die Interpretation des Stücks liefert. Die Damen und Herren im Dirndl und im Lodenanzug aus Hietzing, aus Döbling oder aus Mödling konnten sich in der Familie Friedlein, die eine Sommervilla auf dem Land – wahrscheinlich in Reichenau an der Rax – besitzt, wiedererkennen. Am Schluss bleibt das Dienstmädchen Kathi wie der alte Firs im „Kirschgarten“ allein im Haus zurück und trauert um den abgereisten jungen Herrn, den sie das Stück hindurch hofiert und den sie durch ein Dauerlächeln zu bezirzen versucht hat. Aber wen interessiert die Dienstmagd schon. Sie ist von den Reichenauer Theaterbesuchern ebenso weit entfernt wie die zu Zeiten Schnitzlers streikenden Arbeiter der nahen Wiener Neustädter Lokomotivfabrik, in der während des Zweiten Weltkriegs KZ-Insassen an der Produktion von V2-Raketen mitwirken mussten.

Mit Ödön von Horváths frühem Stück „Zur schönen Aussicht“ haben die Festspiele Reichenau sich selbst übertroffen. Dem Regisseur Michael Gampe gelingt es, die komischen und die tragischen, die grotesken und die sentimentalen Elemente ausgewogen zur Geltung zu bringen, und Therese Affolter als Ada Freifrau von Stetten, deren Dürrenmatts Alte Dame vorwegnehmende Skurrilität unerwartet in die Misere des Alterns umschlägt, war noch nie so gut. Die Gemeinheit der Männer gegenüber einem jungen Mädel, die in Horváths Volksstücken im Zentrum steht, wird hier noch von dem Motiv der Geldgier überlagert und gemildert durch die Mechanik der Komödie, die an Gogols „Revisor“ erinnert.

Zur schönen Aussicht, Festspiele Reichenau, Foto: Dimo Dimov

In dem erwähnten Interview der Neuen Zürcher Zeitung sagt die Salzburger Schauspielchefin: „Mit 'Lulu' von Wedekind wollen wir den Zusammenhängen mit Schostakowitschs Oper 'Lady Macbeth von Mzensk' nachspüren.“ Wohl ist es wünschenswert, in Spielplänen Zusammenhänge herzustellen. Aber abgesehen davon, dass Wedekind und Leskow und ihre Heldinnen mit einander wenig gemeinsam, ja kaum Berührungspunkte haben – dies ist so ziemlich die einfallsloseste dramaturgische Konzeption, die man sich ausdenken kann. Sie zeugt von einem noch dazu ahistorischen Inhaltismus, dem ästhetische Erwägungen fremd sind. Auf die Idee ist man auch in Reichenau schon gekommen, wo man unter dem Titel „Frauenschicksale“ Bearbeitungen von „Anna Karenina“, „Madame Bovary“, „Effi Briest“ und Inszenierungen von „Der Weibsteufel“ und „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ gezeigt hat, allerdings in Folge und nicht, wie in Salzburg, synchron. Wie hoch ist wohl der Prozentsatz der Schostakowitsch-Besucher, die auch Wedekinds Drama ansehen werden? Und umgekehrt? Realistischer ist es da schon, wenn man in Reichenau nach den genannten Stücken in den vergangenen fünf Jahren heuer mit einer Bühnenfassung von D.H. Lawrences „Lady Chatterley“ weitermacht.

Der Roman verdankt seine Berühmtheit der Explizitheit der sexuellen Vorgänge, die in den Jahren seiner Entstehung – fast zur gleichen Zeit wie jener von Schnitzlers „Im Spiel der Sommerlüfte“ und von Horváths „Zur schönen Aussicht“ – gegen alle Konventionen verstieß. Das freilich kennzeichnet den Roman ebenso unzulänglich wie das Stichwort „Frauenschicksal“. Das Motiv des behinderten und impotenten Mannes findet man auch in Tollers „Hinkemann“ und in Schnitzlers „Frau Berta Garlan“. Bei Lawrence aber kommt ganz entscheidend die Problematik von Standesdünkeln, von den Vorurteilen der britischen Klassengesellschaft hinzu (die sich übrigens von der österreichischen Klassengesellschaft unterscheidet, was man verwischt, wenn man Autoren, sei es Schnitzler, Sternheim oder Wilde, ihrer nationalen Besonderheiten beraubt).

Lady Chatterley, Festspiele Reichenau, Foto: Dimo Dimov

Die Regie hat der englische Bearbeiter des Romans John Lloyd Davies übernommen. Er reiht Dialogfragment an Dialogfragment, aber es will, jedenfalls bis zur Pause, kein Stück daraus werden. Das ist über Strecken hinweg Konversationstheater ohne den Witz und den Scharfsinn eines Oscar Wilde. Zwischen den Szenen mit Lady Chatterley, trefflich verkörpert von Katharina Straßer, treten periodisch drei Herren auf, die ihre Kommentare abgeben, eine moderne Variante des antiken Chors sozusagen, die aber in ihrer Grenzdebilität eher an die Offiziere an der Sirk-Ecke von Karl Kraus erinnern, freilich wiederum ohne dessen beißenden Spott. Wenn sich Connie, die Lady Chatterley, und ihr Liebhaber, der Wildhüter Mellors, zum Liebesakt einstimmen, setzt Musik ein und der Himmel färbt sich rot. Ist das nun eine Distanzierung vom Kitsch durch Ironie oder der Kitsch selbst? Da es keinen Sprecher gibt, dessen Standpunkt bekannt wäre, kann sich jeder die Frage nach seinem Gusto beantworten.

Die Festspiele Reichenau sind einst entstanden als Alternative zum Regietheater eines Claus Peymann. Heute stehen sie der „Moderne“ der Wiener Festwochen gegenüber, die mit Karacho durchgefallen ist, weshalb die Verantwortlichen die von keinerlei Sachverstand und von noch weniger Geschmackssicherheit getrübten Kuratoren in Windeseile entlassen haben, die sie selbst bestellt und deren Vorschläge sie abgesegnet haben. Was fehlt, ist die Mitte zwischen dem Reichenauer Theater von vorgestern und der Ahnungslosigkeit der Festwochenmacher. Was fehlt ist – na ja, so etwas wie das Regietheater von Claus Peymann.

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erstellt am 07.7.2017

Bis 4. August 2017

Festspiele Reichenau

festspiele-reichenau.com