Thomas Rothschild lobt Jossi Wieler, den scheidenden Intendanten der Stuttgarter Oper, für seine sympathische und seriöse Art, mit der sich Wieler vom Typus Peymann abhebt.

Kontrapunkt

Es liegt in seiner Natur

Wenn ich jemanden treffe, der mit dem Theater zu tun hat, sei es als Macher, sei es einfach als Zuschauer, kommt das Gespräch oft auf Jossi Wieler. Ich kenne niemand, keine Frau und keinen Mann, der den Intendanten der Stuttgarter Oper nicht sympathisch fände. Das liegt an seiner Bescheidenheit, seiner Zurücknahme, seiner Freundlichkeit. Der Gegentypus – nennen wir ihn stellvertretend Claus Peymann – macht mehr Schlagzeilen als Jossi Wieler, aber er hat, anders als dieser, jede Menge Feinde, denen es nicht schwer fällt, Ausreden und Begründungen für üble Nachrede zu finden, wenn sie in Wahrheit die Angeberpose meinen. Beide, Wieler wie Peymann, sind ohne Zweifel nicht nur erfolgreiche, sondern auch gute Theaterleiter. Aber darauf kommt es meist nicht an.

Jossi Wieler, sagen wir es offen, ist ein schlechter Rhetoriker. Trotzdem oder gerade deshalb hört man ihm gerne zu, wenn er in der Öffentlichkeit reden muss. Er will nicht mehr scheinen als jene, zu denen er spricht. Jedenfalls nicht als Redner. Was er kann, zeigt er, meist zusammen mit seinem Arbeitspartner Sergio Morabito, auf der Bühne, aber auch im Spielplan des Hauses, für das er vorübergehend die Verantwortung übernommen hat.

Es ist bezeichnend, dass Jossi Wieler seinen lukrativen Intendantenvertrag ohne Not auslaufen lässt, weil er wohl mehr Zeit haben möchte, um Regie zu führen. In unserer Gesellschaft ist derlei ungewöhnlich. Der Typus Peymann möchte am liebsten ewig weitermachen. Die Stuttgarter würden Jossi Wieler gerne behalten. Er zieht sich zurück. Bescheiden, leise, ohne große Kundgebungen.

Offenbar muss man kein Großmaul sein, um am Theater Erfolg zu haben. Offenbar geht es auch ohne marktschreierische Methoden, ohne die Selbstanpreisung, die mehr und mehr um sich greift, als gelte es, Waschmittel zu verkaufen. Nicht nur auf der Bühne, auch im Zuschauerraum breiten sich die lautstarken Standards des Marktes aus. Jede und jeder will gesehen, gehört, als kreditfähig anerkannt werden. Sympathischer und seriöser ist Bescheidenheit allemal. Was Jossi Wieler Tag für Tag beweist. Wahrscheinlich kann er noch nicht einmal etwas dafür. Es liegt wohl in seiner Natur.

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erstellt am 05.7.2017

Jossi Wieler, Foto: Martin Sigmund
Jossi Wieler, Foto: Martin Sigmund