Thomas Rothschild hat die noch bis September fortdauernden Ludwigsburger Schlossfestspiele besucht. Dort erlebte er, bei zum Teil tropischen Temperaturen, Auftritte der Pianisten Khatia Buniatishvili und Jean-Yves Thibaudet sowie eine Bach-Interpretation der Violinistin Isabelle Faust. Unser Autor sah überdies Choreographien der Formationen Ballett am Rhein und Les Ballets C de la B.

Ludwigsburger Schlossfestspiele 2017, Teil II

Glückserlebnisse bei Hitze

Vielleicht lag es an der Hitze. Der nicht klimatisierbare Ordenssaal im Ludwigsburger Schloss war nicht einmal zur Hälfte gefüllt, als das Wiener Klaviertrio – Stefan Mendl am Klavier, David McCarroll an der Violine und Matthias Gredler am Violoncello – die Spannung von Franz Schuberts unübertrefflichem Klaviertrio Es-Dur bis zum letzten Ton auskostete. Das war im zweiten Teil eines Konzerts, das eigentlich als Liederabend firmierte. Auch vor der Pause stand Schubert im Zentrum. Aber der englische Tenor Mark Padmore, wegen seiner fast kühlen, sowohl lyrische, wie dramatische Nuancen beherrschenden, die Artikulation vor der Brillanz bevorzugenden Stimmqualität als Evangelist in Oratorien gefragt, wollte offenbar beweisen, dass die Liedkunst, von Schubert wie von keinem anderen gepflegt, nichts weniger als tot ist. Deshalb kombinierte er die Schubert-Lieder mit einem komplexen Lied von Richard Rodney Bennett von 1961, begleitet lediglich von einem Solo-Cello, und mit einem eigens für ihn zu fast aphoristischen Texten zeitgenössischer Autoren komponierten Zyklus von Thomas Larcher, der reichlich vom präparierten Klavier Gebrauch macht und in Ludwigsburg seine Deutsche Erstaufführung erfuhr. Wie viel der in Innsbruck geborene Komponist, Jahrgang 1963, Schubert und mit ihm der österreichischen Volksmusik zu verdanken hat, ohne einem reaktionären Traditionalismus zu erliegen, erschloss sich dem zwar kleinen, aber dankbaren Publikum unmittelbar.

Khatia Buniatishvili spielt mit geschlossenen Augen. Wenn sie den Kopf schräg nach oben hält oder das dichte Haar ins Gesicht fallen lässt, kann man nicht entscheiden: ist das Koketterie, einstudierte Pose, oder zwingt ihr die Musik Gestik und Mimik auf. Fest steht: in ihr Spiel geht eine Vielfalt von Emotionen ein. Sie scheinen in der Tat aus dem Körper, nicht aus dem Kalkül zu kommen. Bei den dynamischen Abstufungen zeichnet sich die längst etablierte dreißigjährige georgische Pianistin durch ein außergewöhnliches Differenzierungsvermögen aus. Dabei liegen ihr elegische Sätze mehr als schnelle. Bei gesteigertem Tempo neigt Buniatishvili gelegentlich zum Hudeln. Beim Publikum freilich kommt die Virtuosität an. Mit dem Ludwigsburger Programm – Chopin, Schubert, Liszt – hat sie den ausverkauften Ordenssaal nicht überfordert. Mit diesem Repertoire kann man sich bei jeder Musikhochschule um einen Studienplatz bewerben. Das freilich hat Kathia Buniatishvili nicht mehr nötig.

Der Pianist Jean-Yves Thibaudet © Kasskara / Decca

Eine Generation älter als Khatia Buniatishvili, aber keine Spur weniger eitel ist Jean-Yves Thibaudet, der den Solopart in George Gershwins wirkungsorientiertem Klavierkonzert in F-Dur von 1925 übernahm. Davor spielte das Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele unter seinem Leiter Pietari Inkinen und dem Motto „American Dreams“ im ausverkauften Forum die „Sinfonischen Tänze aus ‚West Side Story‘“ von Leonard Bernstein. Die Unterhaltungsmusik hat ja bei vielen einen schlechten Ruf, nicht weil sie unterhält, sondern weil sie (musikalisch) dumm ist. Die „West Side Story“ ist ein hervorragendes Beispiel für intelligente Unterhaltungsmusik. Sie ist so reich an Erfindungen, dass Bernstein sie für seine sinfonische Bearbeitung gar nicht alle ausbeuten musste. Und gerade mit diesem halbstündigen Stück, in dem alle Gruppen des Orchesters ihren Auftritt haben, konnte der Klangkörper beweisen, welch gute Arbeit Inkinen mit ihm geleistet hat. Kein Schnitzer trübte das Vergnügen, das die Zuhörer mit den Musikern teilten. Und weil es so schön war, toppte das Orchester den Abend nach Rachmaninows „Sinfonischen Tänzen op. 45“, die doch eher ein russischer als ein amerikanischer Traum sind, mit der Ouvertüre zu Leonard Bernsteins „Candide“ als Zugabe.

Isabelle Faust ist Stammgast bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen. Diesmal widmete sie sich Johann Sebastian Bach: seinen beiden Violinkonzerten, der Ouvertüre Nr. 2 a-Moll in der früheren Fassung ohne Flöte, die man bei diesem sehr bekannten Stück im Ohr hat, und dem Konzert d-Moll für zwei Violinen. Man isst nicht nur mit den Augen, man hört auch mit den Augen. Die ungemein sympathische Ausstrahlung von Isabelle Faust färbt auf die Musik ab. Hinzu kommt das homogene Zusammenspiel mit der Akademie für Alte Musik. Das kleine Berliner Ensemble besteht ja in Wahrheit aus lauter Musikern mit Solistenqualität. Das wird offenkundig, wenn sich der Konzertmeister Bernhard Forck im Doppelkonzert für zwei Violinen neben Isabelle Faust bewährt.

Ballett am Rhein, „Petite Messe solennelle“, Foto: Gert Weigelt

Ihren Schwerpunkt Tanztheater setzten die Ludwigsburger Schlossfestspiele mit dem Ballett am Rhein und mit Les Ballets C de la B fort. Das Ballett am Rhein zeigte die neue Choreographie ihres Leiters Martin Schläpfer zu Rossinis „Petite Messe solennelle“. Sie illustriert nicht etwa den liturgischen Text, sondern behandelt Rossinis Komposition als absolute, freilich unverkennbar italienische Musik, zu der Schläpfer seine eigene Geschichte erfindet, tänzerisch eklektizistische Szenen aus dem italienischen Alltag, die bis zum Neoverismo eines Rossellini, eines Visconti oder eines De Sica zurückführen und zu denen Florian Etti im minimalistischen Bühnenbild niedriger, ins Halbdunkel getauchter Arkaden entsprechende Kostüme beigesteuert hat. Leider wurde das Vergnügen stark beeinträchtigt durch die miserable Qualität der Musik, die aus der Konserve kam und auch so klang.

Alain Platel und seine Ballets C de la B aus Gent bedienen sich für ihre jüngste Produktion „Nicht schlafen“ von 2016 bei Gustav Mahler, dessen voluminöse Musik von traditionellen Gesängen aus dem Kongo, im Tanz vorgetragen von Boule Mpanya und Russell Tshiebua, beide von Haus aus Musiker, von Schreien und verstärkten Atemgeräuschen überlagert wird. Vor der fast surrealen Anhäufung von Körpern toter Pferde tanzen die acht Männer und eine Frau in Formationen, die immer wieder durch Einzelaktionen „gestört“ werden. Man hat den Eindruck, als hätte Platel seine Tänzer eingeladen, die ihnen gemäßen Schritte und Figuren beizusteuern, ja sogar zu improvisieren. Das ergibt Bilder von ungeahnter Schönheit, aber auch von faszinierender Diversifikation in der Einheit. Sie sagen uns: wir sind Individuen mit biographisch und kulturell bedingten Eigenheiten und zugleich Menschen mit gemeinsamen Voraussetzungen. Es beginnt mit einem Kampf aller gegen alle. Aggression entlädt sich in körperlicher Konkretheit. Dann aber findet Versöhnung statt. Nur noch leise klingen die Attacken nach, wenn die neun Menschen zu einander finden, auf einander reagieren, sich umarmen.

Mnozil Brass, Foto: Julia Wesely

Bei den großen Symphonieorchestern ist es längst keine Überraschung mehr: Einzelne Teilgruppen lösen sich aus dem angestammten Ensemble und entziehen sich in kleiner Formation den Zwängen des alltäglichen Konzertbetriebs. Diesem Muster sind auch der Trompeter Thomas Gansch und der Posaunist und Basstrompeter Leonhard Paul von Mnozil Brass gefolgt, zusammen mit Albert Wieder, der eineinhalb Jahre lang für den erkrankten Tubisten Wilfried Brandstötter bei Mnozil Brass eingesprungen war. Zu dritt liefern sie ein Programm, das sich nicht grundsätzlich von der Konzeption von Mnozil Brass unterscheidet: mit viel Humor durch Brüche, Zitate und offene Schlüsse und einer Gleichgültigkeit gegenüber der Herkunft des Materials. Da darf dann auch der „Rosenkavalier“ auf das Wienerlied „Mei Muaterl woa a Weanerin“ stoßen. Dieses Trio würde in jedem Film von Aki Kaurismäki eine gute Figur machen.

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erstellt am 03.7.2017

Die Pianistin Khatia Buniatishvili, Foto: Gavin Evans

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